Ein Hufschmied lebt gefährlich!

02.10.2016, Redaktion Anwalt-Suchservice / Lesedauer ca. 2 Min. (237 mal gelesen)
Ein Hufschmied lebt gefährlich! © 135pixels – Fotolia.com
Es gibt Berufe, die besondere Gefahren mit sich bringen. Bei Elektrikern oder Dachdeckern kann Vorsicht und gute Ausbildung manches Risiko verringern. Aber wie ist es bei Menschen, die von Berufs wegen mit Tieren umgehen – noch dazu mit denen anderer Leute? Auch noch so viel Besonnenheit und Ausbildung schützen nicht vor den Gefühlsäußerungen eines aufgeregten Vierbeiners – und ein Pferd kann schon mal ordentlich zutreten.

Verursacht ein Haustier Schäden oder Verletzungen, schlägt der Jurist automatisch § 833 im Bürgerlichen Gesetzbuch auf. Diese Vorschrift regelt die Tierhalterhaftung. Danach hat der Halter eines Tieres unabhängig von einem Verschulden jeden Schaden zu ersetzen, den sein Tier jemand anderem zufügt. Eine Ausnahme gibt es nur für Tiere, die dem Lebensunterhalt des Halters dienen und bei deren Haltung die notwendige Sorgfalt beachtet worden ist (oder wenn der Unfall auch bei Beachtung dieser Sorgfalt passiert wäre). Entkommt also ein Rindvieh aus dem mit üblichen Mitteln gesicherten Stall eines Bauern und läuft Amok auf der Kirmes im nächsten Dorf, ist der Landwirt aus dem Schneider.

In einem vor dem Oberlandesgericht Hamm verhandelten Fall ging es um einen erfahrenen Hufschmied, der alle sechs bis acht Wochen einen bestimmten Wallach auf dem Hof seines Halters beschlagen hatte. Das Tier war als sanftmütig bekannt. Eines Tages trat das ordnungsgemäß festgebundene Tier zwei Mal beim Beschlagen aus und verletzte den Hufschmied. Er trug komplizierte Verletzungen des Fußgelenks und des Sprunggelenks davon. Mehrere Operationen waren erforderlich; der Hufschmied musste jedoch seinen Beruf wegen Arbeitsunfähigkeit aufgeben und blieb dauerhaft in seiner Bewegungsfähigkeit eingeschränkt. Er verlangte nun vom Pferdeeigentümer 50.000 Euro Schadensersatz, 30.000 Euro Schmerzensgeld und 1.400 Euro monatliche Rente.

Der Pferdebesitzer verteidigte sich mit diversen Argumenten: Der Hufschmied sei unvorsichtig gewesen, außerdem habe er sowieso auf eigene Gefahr gehandelt, als er – im Rahmen seines Berufes – das Pferd beschlagen habe. Der Hufschmied konterte mit dem Hinweis, dass ein Zeuge ihm nachträglich erzählt habe, das Pferd sei kurz vorher an den Vorderbeinen "geblistert" worden – das ist ein Verfahren, bei dem Springpferde an den Vorderbeinen mit einem Haarausfallmittel behandelt werden, damit sie beim Zusammenstoß mit der Querstange Schmerzen haben und deswegen höher springen. Nur wegen dieser Vorbehandlung habe das Pferd beim Anfassen seiner Vorderbeine ausgeschlagen.

Das Oberlandesgericht Hamm entschied in zweiter Instanz, dass dem Hufschmied ein ungekürzter Schadensersatz zustünde. Es sei nach den Zeugenaussagen und den Umständen eindeutig, dass das Pferd die Verletzungen verursacht habe. Auf ein Verschulden des Tierhalters komme es bei der Tierhalterhaftung nicht an. Der Hufschmied handle gerade nicht auf eigene Gefahr, wenn er ein fremdes Pferd beschlage. Der Beschlagsvertrag entbinde den Halter nicht von seiner Tierhalterhaftung. Ein Mitverschulden des Hufschmieds hätte der Pferdeeigentümer beweisen müssen – hier gab es dafür jedoch keine Anhaltspunkte. Gerade bei diesem braven Pferd habe der Schmied nicht damit rechnen müssen, dass es plötzlich Tritte austeile.

Es blieb damit bei der Haftung des Eigentümers. Die Schadenshöhe musste die Vorinstanz noch einmal beurteilen.

Oberlandesgericht Hamm, Urteil vom 22.4.2015, Az. 14 U 19/14