Reiserücktritt: Bei Krankheit rechtzeitig stornieren

02.07.2016, Redaktion Anwalt-Suchservice / Lesedauer ca. 3 Min. (303 mal gelesen)
Reiserücktritt: Bei Krankheit rechtzeitig stornieren © pure-life-pictures – Fotolia.com
Viele Urlauber schließen bei der Buchung ihres Urlaubs zusätzlich eine Reiserücktritts-Versicherung ab, die die Stornokosten des Reiseveranstalters übernimmt. Dies ist eine gute Absicherung für den Krankheitsfall. Nur: Wann muss die Erkrankung der Versicherung gemeldet werden?

Kreuzfahrt in die Antarktis
Ein Urlauber hatte eine zweiwöchige Kreuzfahrt in die Antarktis gebucht – zum stolzen Preis von rund 34.000 Euro. Er schloss auch eine Reiserücktrittskosten-Versicherung ab – für 564 Euro. Die Versicherung enthielt keine Selbstbeteiligung. Erstattet werden sollten die gesamten Stornokosten, wenn die Reise infolge einer schweren Erkrankung nicht angetreten werden konnte. Allerdings enthielt der Versicherungsvertrag auch einige Obliegenheiten für den Kunden, bei deren Nichtbeachtung die Versicherung nicht zu zahlern brauchte. So war der Kunde verpflichtet, nach Eintritt eines Rücktrittsgrundes die Reise unverzüglich zu stornieren, um den Schaden (die Stornokosten) möglichst gering zu halten.

Kaputtes Knie und Arzttermine
Die Kreuzfahrt sollte am 7. Januar losgehen. Am 13. November bekam der Urlauber Schmerzen im Knie. Nach einer MRT wurden am 20. November diverse Schäden am Knie festgestellt, die operiert werden mussten. Die Operation fand am 30. November statt. Am 27. Dezember ging der Urlauber erneut zum Arzt, weil es bei der Heilung Komplikationen gab. Erst jetzt stornierte er die Reise. Der Reiseveranstalter stellte ihm wegen der späten Stornierung 90 Prozent des Reisepreises plus Versicherungskosten in Rechnung – insgesamt 30.428 Euro.

Versicherung zahlt nur teilweise
Die Reiserücktrittskostenversicherung erstattete ihm nur die Hälfte des Reisepreises, da er seiner Pflicht zur unverzüglichen Stornierung nicht nachgekommen sei. Nach Meinung der Versicherung hätte er den Reisevertrag bereits am 20. November stornieren müssen, da zu diesem Zeitpunkt schon absehbar war, dass er die Kreuzfahrt nicht werde antreten können. Der Urlauber aber meinte, dass er zu diesem Zeitpunkt nach Beratung mit seinem Arzt noch von einer rechtzeitigen Heilung überzeugt gewesen sei.

Entscheidend: Grad der Fahrlässigkeit
Das Landgericht Hamburg machte die Entscheidung vom Grad der Fahrlässigkeit abhängig, die der Urlauber an den Tag gelegt habe. Denn laut Versicherungsvertrag sei die Versicherung nur dann leistungsfrei, wenn der Urlauber grob fahrlässig seine Obliegenheit zur unverzüglichen Stornierung verletzt habe. Eine grobe Fahrlässigkeit habe ihm aber nicht bewiesen werden können. Dies müsse – nach ihren eigenen AGB – die Versicherung beweisen.

Der Arzt sagt aus
Der operierende Arzt sagte vor Gericht aus, dass er durchaus über die Reisepläne Bescheid gewusst habe – und der Meinung gewesen sei, der Kläger könne selbst bei langsamem Heilungsverlauf auf jeden Fall die Kreuzfahrt antreten. Die späteren Komplikationen seien nicht vorhersehbar gewesen. Das Gericht wies darauf hin, dass man dem Patienten keinen Vorwurf grober Fahrlässigkeit machen könne, wenn er seinem Arzt in dieser Hinsicht geglaubt habe.

Stornierung nach Komplikationen reicht aus
Der Kläger habe bei Auftreten von Komplikationen sofort wieder seinen Arzt aufgesucht und noch am Tag des Arztbesuches die Reise storniert. Erst zu dieser Zeit sei für ihn absehbar gewesen, dass er nicht reisen könne – insofern sei die Stornierung "unverzüglich" vorgenommen worden. Er habe seine vertraglichen Obliegenheiten gegenüber der Versicherung erfüllt.

Reisekosten sind zu erstatten
Dem Landgericht zufolge hatte der Urlauber damit Anspruch auf die Erstattung der gesamten Stornokosten – allerdings nicht auf die der Versicherungsprämie der Reiseversicherung. Letzteres scheide nach Eintritt des Versicherungsfalles aus. Durch das Ablehnungsschreiben der Versicherung, mit der diese einen über 50 Prozent hinausgehenden Anspruch abgelehnt habe, sei die Versicherung in Verzug geraten. Folge für den Kläger: Die Versicherung musste ihm auch seine vorgerichtlich entstandenen Kosten für einen Rechtsanwalt als Verzugsschaden erstatten (LG Hamburg, Urteil vom 16. Oktober 2015, Az. 306 O 351/14).

Fazit
Wer eine Reiserücktrittskosten-Versicherung abschließt, sollte durchaus einen Blick ins Kleingedruckte werfen. Hier waren die Versicherungsbedingungen für den Kunden sogar günstiger als die gesetzliche Regelung zur Beweislast in Versicherungsfällen. Denn nach dem Versicherungsvertragsgesetz muss eigentlich der Kunde beweisen, dass er nicht grob fahrlässig gehandelt hat – und nicht umgekehrt. Allgemeine Geschäftsbedingungen können also durchaus auch positive Überraschungen enthalten.