Wenn Fans zu (Volksver)Hetzern werden

05.02.2016, Redaktion Anwalt-Suchservice / Lesedauer ca. 2 Min. (246 mal gelesen)
Wenn Fans zu (Volksver)Hetzern werden © VRD - Fotolia.com
Fußballanhänger sind im Umgang mit "gegnerischen" Fans nicht gerade zimperlich. Bei gegenseitigen Schmähgesängen werden die Grenzen des guten Geschmacks regelmäßig überschritten. In einem jetzt entschiedenen Fall vor dem Oberlandesgericht Hamm erfüllten sie sogar den Tatbestand der Volksverhetzung.

Hintergrund:
Samstag, 19. April 2014, 17.15 Uhr. Das Bundesligaspiel Borussia Dortmund gegen FSV Mainz ist beendet, die Heimmannschaft hat mit 4:2 gewonnen, und die Fangruppen verlassen unter dem Eindruck eines aufregenden Fußballspiels das Stadion. Zwei gut 40 Jahre alte Borussen-Fans begegnen vor dem Nordausgang des Dortmunder Stadions einer Gruppe Mainzer Fans. Arm in Arm beginnen sie, gut hörbar für alle Umstehenden, das sog. U-Bahn-Lied zu singen. "Eine U-Bahn, eine U-Bahn, eine U-Bahn bauen wir, von Jerusalem bis nach Auschwitz, eine U-Bahn bauen wir!"

Mehr als nur geschmacklos
Eine Geschmacklosigkeit, soviel war allen Ohrenzeugen gleich klar. Aber auch eine, die in der Folge die Staatsanwaltschaft, das Amtsgericht Dortmund und nun, in zweiter Instanz, das Oberlandesgericht Hamm auf den Plan rief. In ihrem Beschluss vom 1.10.2015 (1 RVs 66/15) bestätigten die Hammer Richter die Entscheidung des Amtsgerichts, das die beiden Angeklagten wegen Volksverhetzung (§ 130 Abs. 3 StGB) jeweils zu Geldstrafen von 5.400 € verurteilt hatte. Die beiden Fans hätten eine in der Zeit des Nationalsozialismus begangene Handlung, wie sie in § 6 Abs. 1 des Völkerstrafgesetzbuches bezeichnet werde, dergestalt verharmlost, dass eine Störung des öffentlichen Friedens möglich sei.

Volksverhetzung
Der Text des Liedes billige das Unrecht der Massenvernichtung im Konzentrationslager Auschwitz. Jerusalem werde als Synonym für die Juden verwendet, während die U-Bahn-Verbindung nach Auschwitz die Transporte der Holocaust-Opfer nach Auschwitz symbolisiere. Es werde zum Ausdruck gebracht, so das Gericht weiter, dass erneute Transporte jüdischer Menschen zu einem Vernichtungslager vorstellbar seien. Damit würden die Verbrechen der Nationalsozialisten, insbesondere der Völkermord an den Juden verharmlost.

Keine bloße Fanrivalität
In einen anderen Kontext, etwa den der bloßen Fanrivalität, sei das Lied nicht zu stellen. Auch wenn das Lied in direkter Näher von einer Gruppe Mainzer Fans vorgetragen wurde, seien diese nicht die Adressaten (Stichwort: Jerusalem) des Liedes. Es könne nicht ausgeschlossen werden dass die Angeklagten ihre "Judenhetze" an für derartige Botschaften "empfängliche" Zuhörer weitergetragen hätten, meinten die Richter. Mit derartigen Parolen könne das psychische Klima aufgeheizt werden, was wiederum eine Reaktion des Unfriedens in der Bevölkerung hervorrufen könne. Am Vorsatz der Angeklagten ließ das Gericht im Übrigen keinen Zweifel. Das äußere Tatgeschehen lasse keinen anderen Schluss zu. Die Angeklagten hätten den Inhalt des Liedes gewollt und die Tragweite der Äußerungen abschätzen können, jedenfalls müssen.

Die schönste Nebensache der Welt
Sollten die Dortmunder "Fans" darauf spekuliert haben, dass im Umfeld eines Bundesligaspiels ausgestoßene Schmähungen mit anderen Maßstäben beurteilt oder möglicherweise überhaupt nicht geahndet würden, sind sie nun deutlich eines Besseren belehrt worden. Ob das Urteil allerdings als Abschreckung für ähnlich gesinnte Fußballanhänger in Frankfurt, Hamburg, Berlin, Köln, München oder anderswo in Fußballdeutschland dienen kann, bleibt abzuwarten. Zu wünschen wäre es - die Zweifel an der Einsichtsfähigkeit der Täter überwiegen jedoch.