Schuhwerk am Steuer - Ist Autofahren mit Flip-Flops erlaubt?

02.08.2019, Redaktion Anwalt-Suchservice / Lesedauer ca. 4 Min. (435 mal gelesen)
Schuhwerk am Steuer - Ist Autofahren mit Flip-Flops erlaubt? © Bu - Anwalt-Suchservice

Viele Menschen setzen sich im Sommer mit Sandalen, Flip-Flops oder gar barfuß ins Auto. Im Winter sind schwere Winterstiefel oder gar Moonboots beliebt. Aber: Nicht jedes Schuhwerk ist beim Autofahren erlaubt.

Mancher Autofahrer verzichtet im Sommer wie im Winter gerne auf normales Schuhwerk. So sind bei sommerlicher Hitze geschlossene Schuhe oft einfach zu warm. Mit Flip-Flops, Pumps oder Highheels fährt es sich wegen der besseren Belüftung der Füße doch durchaus angenehmer. Und im Winter fühlt man sich mit dicken, gefütterten Winterstiefeln wohler. Aber: Ist solches Schuhwerk überhaupt zum Autofahren geeignet? Und ist es eigentlich zulässig?

Was kann passieren?


Flip-Flops, allzu lockere Sandalen oder auch einfach bloße Füße bieten beim Autofahren keinen rechten Halt auf den Pedalen. Läuft einem unvermutet ein Fußgänger vor das Auto, kann man oft nicht den notwendigen Druck aufs Pedal bringen, um eine Vollbremsung durchzuführen. Wer von Gas oder Bremse abrutscht, landet mit seinem Auto schnell im nächsten Gemüsegeschäft – schlecht, wenn dann ein Fußgänger im Weg steht. Im Straßenverkehr ist schnelle Reaktion angesagt. Die Voraussetzung dafür ist, dass man schnell mit dem Fuß von einem Pedal auf das andere wechseln kann. Dies funktioniert jedoch nicht, wenn man sich mit Flip-Flops oder High-Heels dabei verheddert. Dicke Winterstiefel können genauso riskant sein. In ihnen hat der Fahrer kein Gefühl für das richtige Pedal und trifft beim Treten vielleicht auch mal zwei Pedale zur gleichen Zeit. Rein praktisch wird also die Unfallgefahr durch ungeeignetes Schuhwerk deutlich größer.

Ist ungeeignetes Schuhwerk verboten?


In der Straßenverkehrsordnung (StVO) ist nicht vorgeschrieben, mit was für Schuhen ein Autofahrer sich hinter das Lenkrad setzen darf. Allerdings schreibt § 1 der StVO vor, dass jeder Verkehrsteilnehmer sich an erster Stelle so zu verhalten hat, dass „kein anderer geschädigt, gefährdet oder mehr, als nach den Umständen unvermeidbar, behindert oder belästigt wird.“ Diese Allgemeine Sorgfaltspflicht ist die Grundregel der StVO. Zusätzlich gibt die Vorschrift auch noch ein allgemeines Rücksichtnahmegebot vor. Wer sich also mit ungeeignetem und unfallträchtigem Schuhwerk hinters Lenkrad setzt, verstößt gegen die Allgemeine Sorgfaltspflicht und hat im Falle eines (Un-)Falles die Folgen zu tragen. Das heißt: Bestraft wird man als Fahrer nach dieser Vorschrift nur, wenn etwas passiert.

Wann muss man ein Bußgeld bezahlen?


Es hat schon Amtsgerichte gegeben, die das Fahren ohne Schuhe oder mit Flip-Flops auch ohne Unfall als Ordnungswidrigkeit ansahen. Die Gerichte begründeten dies nicht mit der Allgemeinen Sorgfaltspflicht, sondern mit § 23 der StVO. Diese Vorschrift besagt, dass der Fahrer eines Kraftfahrzeuges dafür zu sorgen hat, „dass das Fahrzeug, der Zug, das Gespann sowie die Ladung und die Besetzung vorschriftsmäßig sind und dass die Verkehrssicherheit des Fahrzeugs durch die Ladung oder die Besetzung nicht leidet.“
Daraus schlossen die Amtsgerichte auf ein Verbot des Fahrens ohne oder mit unsicherem Schuhwerk. Falsch, sagte jedoch das Oberlandesgericht Bamberg in immerhin drei Urteilen: Die Regelung bezieht sich nur auf die Ladung und die Mitfahrer („Besetzung“), gilt jedoch nicht für den Fahrer selbst. Gegen diesen Paragrafen verstößt zum Beispiel, wer in der offenen Heckklappe ein Dreisitzersofa transportiert, zulässt, dass sich seine Beifahrer aus dem Fenster hängen und dabei 2 x 2 Meter große Fußball-Fahnen schwenken oder wer seine Hunde und Katzen im Fahren nach Belieben durch das Auto turnen lässt. Mit Schuhen hat all das jedoch nichts zu tun.
Das OLG räumte zwar ein, dass unsicheres Schuhwerk grundsätzlich zu erhöhter Unfallgefahr führen könne. In allen drei Fällen erklärte es jedoch die Bußgeldbescheide für unwirksam (Az. 2 Ss OWi 577/06, Az. 3 Ss OWi 1796/06, Az. Ss OWi 338/07).

Was gilt beim Fahren mit Gipsbein?


Nach der Fahrerlaubnis-Verordnung (FeV) darf jemand, der sich durch körperliche oder geistige Beeinträchtigungen nicht sicher im Straßenverkehr bewegen kann, nur dann Autofahren, wenn irgendwie sichergestellt ist, dass er andere nicht gefährdet (§ 2 Abs. 1 FeV). Ein Verstoß stellt eine Ordnungswidrigkeit dar. Das Oberlandesgericht Bamberg hat (sicherheitshalber) betont, dass auch diese Regelung sich nicht auf Sandalen- oder Barfußfahrer bezieht.
Was ist jedoch, wenn jemand wegen eines Gipsbeins oder ähnlicher Einschränkungen gar keine normalen Schuhe tragen kann? In diesem Fall greift die Vorschrift dann doch. Der Betreffende muss also auf irgendeine Weise dafür sorgen, dass niemand anders gefährdet wird. Dies kann er sinnvollerweise dadurch tun, dass er eben mit Gipsbein nicht selbst Auto fährt.

Für wen gelten besondere Unfallverhütungsvorschriften?


Wer im Rahmen seines Berufes per Auto unterwegs ist, unterliegt oft den Unfallverhütungsvorschriften der Berufsgenossenschaft. Diese ist Träger der gesetzlichen Unfallversicherung für Arbeitnehmer. Dazu gibt es eine Unfallverhütungsvorschrift "Fahrzeuge“ (BGUV 71), deren § 44 besagt: „Der Fahrzeugführer muss zum sicheren Führen des Fahrzeuges den Fuß umschließendes Schuhwerk tragen.“
Aber: Für welche Fahrzeugführer gilt dies? Die Regelung gilt für alle Personen, die unter den Schutz der gesetzlichen Unfallversicherung fallen. Sie gilt jedoch nur für ganz bestimmte Fahrzeuge. Dazu gehören keine Privatautos, auch wenn sie dienstlich oder geschäftlich genutzt werden, und auch keine Erdbaumaschinen wie Bagger, Straßenwalzen oder land- und forstwirtschaftliche Fahrzeuge (obwohl gerade bei letzteren geschlossenes Schuhwerk vielleicht zu empfehlen wäre). Von der Regelung betroffen sind stattdessen Berufskraftfahrer in LKWs, aber nur, wenn die Fahrer wirklich beruflich und nicht privat unterwegs sind.

Was passiert bei einem Unfall?


Wer ausschließlich sein eigenes Auto beschädigt, kann diesen Schaden höchstens bei der Kaskoversicherung geltend machen. Diese darf ihre Zahlung abhängig vom Verschulden des Fahrers reduzieren, wenn er sich grob fahrlässig verhalten hat. Von grob fahrlässigem Verhalten geht man aus, wenn ganz selbstverständliche Sorgfaltsregeln vernachlässigt wurden, die jedem einleuchten müssen.
Der Gesamtverband der deutschen Versicherer hat 2007 in einer Presseerklärung erklärt, dass man Flip-Flops oder bloße Füße grundsätzlich nicht als grob fahrlässig betrachtet. Diese Beurteilung hängt jedoch immer stark vom Einzelfall ab.

Aus der Presseerklärung geht außerdem hervor, dass die KfZ-Haftpflichtversicherung einen bei anderen Verkehrsteilnehmern verursachten Schaden übernimmt. Dies soll unabhängig davon gelten, ob der Unfallverursacher Flip-Flops, High Heels oder Knobelbecher trug. Hier wird jedoch ein Bußgeld wegen Verstoßes gegen § 1 der StVO fällig – denn der Autofahrer hat gegen die Allgemeine Sorgfaltspflicht verstoßen und obendrein andere im Rahmen des Unfalls gefährdet.

Praxistipp


Bei Hitze muss man nicht nur auf sein Schuhwerk achten. Hitze bedeutet Stress, sie führt bei manchem zu Kreislaufproblemen, und Gesundheitsexperten sehen zum Teil ähnliche Folgen wie bei Alkohol: Aggressives Fahren sonst ruhiger Fahrer, falsches Einschätzen von Entfernungen und Bremswegen, verringerte Reaktionszeit.
Wer wegen falschen Schuhwerks mit einem Bußgeld belegt wird oder einen Unfall verursacht hat, sollte sich an einen auf das Verkehrsrecht spezialisierten Rechtsanwalt wenden.

(Bu)



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