Kunden-Zusammenstoß im Supermarkt: Wer haftet?

01.09.2016, Redaktion Anwalt-Suchservice / Lesedauer ca. 3 Min. (204 mal gelesen)
Kunden-Zusammenstoß im Supermarkt: Wer haftet? © bluedesign - Fotolia.com
Über Autounfälle gibt es jede Menge Gerichtsurteile. Auch die Situation "Einkaufswagen rammt PKW" wurde schon von Gerichten behandelt. Aber wer haftet, wenn Kunden im Supermarkt nicht aufpassen, wo sie hinlaufen, und es dabei zu Verletzungen kommt?

Unfall beim Einkaufen
Eine 63jährige Dame hatte in einem Supermarkt in Dortmund eingekauft. Dabei war sie mit einer anderen Kundin zusammengestoßen. Diese hatte, als sie vom Haupt- in einen Seitengang abbog, plötzlich einen Schritt rückwärts gemacht – ohne sich vorher umzusehen. Grund dafür war nach ihren Angaben eine Verkäuferin, die ihr mit einer sogenannten Ameise entgegenkam, auf der sich eine Warenpalette befand. Bei dem Schritt rückwärts stieß die andere Frau nun mit der 63jährigen zusammen, die gerade hinter ihr vorbeigehen wollte. Diese stürzte und brach sich den Ellbogen. Eine Operation war erforderlich. Die Beklagte hatte der Verletzten außergerichtlich bereits 2.800 Euro als Schadensersatz gezahlt. Diese forderte nun gerichtlich zusätzlich ein Schmerzensgeld von noch einmal 9.700 Euro. Auch die Ersatzpflicht der anderen Kundin für mögliche künftige Folgeschäden wollte die Frau gerichtlich festgestellt wissen.

Klage teilweise erfolgreich
Das Oberlandesgericht Hamm gestand der Klägerin lediglich die Feststellung zu, dass die andere Kundin ihr für mögliche Folgeschäden hafte. Zusätzliches Geld gab es nicht. Dies hing in erster Linie damit zusammen, dass das Gericht der Verletzten ein Mitverschulden von 50 Prozent an dem Unfall gab.

Wie hat man sich im Supermarkt zu verhalten?
Das Gericht erklärte, dass sich die andere Kundin auf jeden Fall schuldhaft verhalten habe. In einem Supermarkt mache man nicht einfach mal einen Schritt rückwärts in den Gang hinein, ohne sich umzusehen. Denn bei dem in einem solchen Laden üblichen Treiben könne dort jederzeit ein Hindernis sein – etwa ein anderer Kunde oder ein Einkaufswagen. Aufzupassen, wo man hinlaufe, liege schon im eigenen Interesse. Wer blindlings rückwärts laufe, müsse mit einer Kollision irgendeiner Art rechnen. Solche Gefahren seien sozusagen "supermarktstypisch." Die Beklagte habe die erforderliche Vorsicht vernachlässigt, als sie rückwärts gegangen sei. Daher müsse sie auch für den verursachten Schaden haften.

Mitverschulden der Geschädigten
Allerdings untersuchte das Gericht auch das Verhalten der Klägerin – und kam zu dem Ergebnis, dass sich diese in gleichem Maße falsch verhalten habe. Die Kollision sei ebenso ihre Schuld wie die ihrer "Unfallgegnerin". Auch sie habe nicht darauf geachtet, was um sie herum passierte – und insbesondere nicht auf die Bewegungen der Beklagten. Dadurch habe sie die beim Einkaufen in einem Supermarkt geltenden Sorgfaltspflichten verletzt. Das Ergebnis war eine Aufteilung von Schuld und Schaden zu je 50 Prozent.

Schadensberechnung
Das Gericht gestand der Verletzten insgesamt ein Schmerzensgeld von 1.500 Euro sowie einen Haushaltsführungsschaden von 500 Euro zu (OLG Hamm, Urteil vom 6.6.2016, Az. 6 U 203/15). Da die Klägerin bereits 2.800 Euro erhalten habe, könne sie keine weiteren Ansprüche geltend machen. Immerhin jedoch hafte ihr die Unfallgegnerin auf den Ersatz künftiger Folgeschäden (zumindest zu 50 Prozent).

Schadensersatz und Schmerzensgeld
Im Zivilrecht richten sich Ansprüche wegen einer körperlichen Verletzung in der Regel nach § 823 des Bürgerlichen Gesetzbuches. Danach hat jemand, der einen anderen vorsätzlich oder fahrlässig unter anderem an Körper und Gesundheit verletzt, Anspruch auf Ersatz des entstandenen Schadens. Ein solcher Schaden kann in den Behandlungskosten bestehen (hier treten oft Versicherungen als Kläger auf, die sich das an ihren Versicherungskunden bezahlte Geld vom Schädiger zurückholen), aber auch zum Beispiel in einem Haushaltsführungsschaden. Für einen nicht materiellen Schaden – etwa für Schmerzen – kann ebenfalls Schadensersatz verlangt werden. Rechtsgrundlage ist dann § 253 BGB. Man spricht hier von Schmerzensgeld. Dessen Höhe orientiert sich sehr stark am Einzelfall und fällt bei uns deutlich geringer aus als zum Beispiel in den USA.

Haushaltsführungsschaden
Kann der Geschädigte nachweisen, dass er vor der Verletzung bestimmte Arbeiten im Haushalt auch im Rahmen der Familie regelmäßig ausgeführt hat und wieviel Zeit er damit verbracht hat, ist als Schadensersatz der Betrag anzusetzen, den eine Haushaltshilfe für diese Arbeiten tatsächlich kostet oder kosten würde. Das Landgericht Nürnberg-Fürth hat sich genauer mit diesem Thema beschäftigt (Urteil vom 25. März 2010, Az. 8 O 3107/08).