Skiunfall: FIS-Regeln und Pistensicherungspflicht

21.01.2019, Redaktion Anwalt-Suchservice / Lesedauer ca. 7 Min. (574 mal gelesen)
Skiunfall: FIS-Regeln und Pistensicherungspflicht © Rh - Anwalt-Suchservice

Wieder einmal ist Skisaison – nur leider kommt es in jeder Saison zu schweren Unfällen, weil viele Skifahrer die Verkehrsregeln nicht kennen. Wer haftet, und welche Pflichten haben Skipistenbetreiber?

Auch auf Skipisten gibt es Verkehrsregeln: Die sogenannten FIS-Regeln schreiben wie die StVO im Straßenverkehr eine Pflicht zur gegenseitigen Rücksichtnahme vor und enthalten zum Beispiel Regeln zur Vorfahrt und zum Überholen. Wer sich nicht daran hält, haftet bei einer Kollision sehr wahrscheinlich auf Schadensersatz und Schmerzensgeld. Aber nicht nur Skifahrer haben Pflichten: Die Betreiber von Skipisten haben eine sogenannte Pistensicherungspflicht. Diese soll dafür sorgen, dass jeder die Skipisten gefahrlos nutzen kann.

Was ist der Inhalt der FIS-Regeln?


Die FIS-Regeln sind die Verhaltensregeln des Internationalen Skiverbandes. Sie sind auf Skipisten als verbindlich anzusehen. Es gibt zehn Regeln. Diese geben wir hier wieder:

1. Rücksicht auf die anderen Skifahrer und Snowboarder
Jeder Skifahrer und Snowboarder muss sich so verhalten, dass er keinen anderen gefährdet, oder schädigt, oder ihn in der Ausübung seiner Tätigkeit einschränkt.

2. Beherrschung der Geschwindigkeit und der Fahrweise
Jeder Skifahrer und Snowboarder muss auf Sicht fahren. Er muss seine Geschwindigkeit und seine Fahrweise seinem Können und den Gelände-, Schnee- und Witterungsverhältnissen sowie der Verkehrsdichte anpassen.

3. Wahl der Fahrspur
Der von hinten kommende Skifahrer oder Snowboarder muss seine Fahrspur so wählen, dass er vor ihm fahrende Skifahrer und Snowboarder nicht gefährdet.

4. Überholen
Überholt werden darf von oben oder unten, von rechts oder links, aber immer nur mit einem Abstand, der dem überholten Skifahrer oder Snowboarder für alle seine Bewegungen genügend Raum lässt.

5. Einfahren und Anfahren
Jeder Skifahrer und Snowboarder, der in eine Skiabfahrt einfahren, nach einem Halt wieder anfahren oder hangaufwärts schwingen oder fahren will, muss sich nach oben und unten vergewissern, dass er dies ohne Gefahr für sich und andere tun kann.

6. Anhalten
Jeder Skifahrer und Snowboarder muss es vermeiden, sich ohne Not an engen oder unübersichtlichen Stellen einer Abfahrt aufzuhalten. Ein gestürzter Skifahrer oder Snowboarder muss eine solche Stelle so schnell wie möglich freimachen.

7. Aufstieg und Abstieg
Ein Skifahrer oder Snowboarder, der aufsteigt oder zu Fuß absteigt, muss den Rand der Abfahrt benutzen.

8. Beachten der Zeichen
Jeder Skifahrer und Snowboarder muss die Markierung und die Signalisierung beachten.

9. Hilfeleistung
Bei Unfällen ist jeder Skifahrer und Snowboarder zur Hilfeleistung verpflichtet.

10. Ausweispflicht
Jeder Skifahrer und Snowboarder, ob Zeuge oder Beteiligter, ob verantwortlich oder nicht, muss im Falle eines Unfalles seine Personalien angeben.

Was muss man zur Hilfeleistungspflicht wissen?


Regel Nummer neun ist eigentlich eine Selbstverständlichkeit. Denn: Bei Unfällen ist jeder auch außerhalb einer Skipiste zur Leistung von Hilfe verpflichtet. Wer dies unterlässt, kann sich strafbar machen (Unterlassene Hilfeleistung, § 323c Strafgesetzbuch, Freiheitsstrafe bis zu einem Jahr oder Geldstrafe). Übrigens: Wer nach einem Unglücksfall andere behindert, die helfen wollen – ob professionelle Retter oder Laien – macht sich ebenso strafbar. Im Weg stehen und Filmen ist also nicht angesagt.

Wer ist schuld an einem Unfall?


Skifahrer, die die FIS-Regeln missachten, müssen damit rechnen, nach einem Unfall durch Kollision mit anderen Skifahrern für den Schaden zu haften. Die Gerichte gehen bei einem Regelverstoß oft von einem sogenannten Anscheinsbeweis aus. Das bedeutet, dass man auch ohne weitere Beweise annimmt, dass der Unfall ohne den Regelverstoß nicht zustande gekommen wäre.
Das Oberlandesgericht Hamm beschäftigte sich mit der Kollision von zwei Mitgliedern einer deutschen Skischul-Gruppe in Österreich. Einer der Teilnehmer hatte versucht, eine vor ihm fahrende Skifahrerin zu überholen. Dabei hatte er offenbar den Sicherheitsabstand vernachlässigt. Das Gericht betonte, dass der Vorausfahrende nach den FIS-Regeln immer bevorrechtigt sei und der Überholende verpflichtet sei, vorsichtig zu sein. Der Überholer wurde zur Zahlung von Schadensersatz und Schmerzensgeld verurteilt (Az. I-13 U 81/08).

Was ist, wenn beide mitschuldig sind?


Das Landgericht Coburg befasste sich mit der Kollision zwischen einer Skifahrerin und einem Snowboarder. Beide hatten die FIS-Regeln missachtet und ihr Fahrverhalten nicht an Können, Piste und Wetter angepasst. Die Frau erlitt mehrere Knochenbrüche. Das Gericht nahm an, dass das Snowboard schwerer zu steuern sei und bei jedem zweiten Schwung einen toten Winkel für den Fahrer verursache. Von Snowboardern ginge deswegen eine etwas höhere Gefahr aus als von Skifahrern. Daher bekam die Frau trotz Mitverschuldens ein Schmerzensgeld von 4.800 Euro zugesprochen – geklagt hatte sie auf 10.000 Euro (LG Coburg, Az. 14 O 462/06).
Im April 2015 ging es auch vor dem Bundesgerichtshof um die Schuld-Verteilung. Diesmal war ein Skilehrer im Gespräch mit seiner Gruppe abseits der Piste einen Schritt zurück getreten und dabei einem Skifahrer in den Weg geraten, der auf Skiern zurück zum Hotel fuhr. Der BGH erklärte: Entscheidend sei unter anderem, ob der Geschädigte die Gefahr vorher hätte erkennen können. Der Kläger sei hier nicht zu 100 Prozent schuld, nur weil er sich in voller Skimontur auf Skiern auf einer öffentlichen Straße bewegt habe. Den endgültigen Mitverschuldensanteil musste die Vorinstanz klären (Az. VI ZR 206/14).

Wie haften Minderjährige?


Kinder, die noch nicht das siebente Lebensjahr vollendet haben, haften nicht, weil sie noch nicht deliktsfähig sind. Ihre Eltern haften nur bei einer Verletzung der Aufsichtspflicht.
Minderjährige, die zwar schon deliktsfähig sind, aber noch nicht volljährig, haften abhängig von ihrer Entwicklung. War also ein Kind oder ein Jugendlicher schon von seinem Entwicklungsstand her selbst in der Lage, zu begreifen, dass seine Handlungsweise falsch war, haftet er auch selbst. Ein zivilrechtliches Urteil kann 30 Jahre lang vollstreckt werden, sodass sich der Geschädigte Zeit lassen kann, bis der Verantwortliche Geld verdient. Auch bei über Siebenjährigen gilt: Die Eltern haften nur, wenn sie ihre Aufsichtspflicht verletzt haben. Deren Umfang ist fließend und richtet sich wieder danach, wie viel Aufsicht nach dem Alter und dem Entwicklungsstand des Kindes erforderlich ist.
Dementsprechend entschied das Landgericht Ravensburg gegen einen zwölfjährigen Skifahrer, der beim Überholen nicht den ausreichenden Abstand eingehalten und keine ungefährliche Fahrspur gewählt hatte (Regeln 3 und 4). Deshalb war er mit einer Skifahrerin kollidiert, die er überholen wollte. Diese verletzte sich und forderte Schadensersatz und Schmerzensgeld. Das Gericht verurteilte den deliktsfähigen Zwölfjährigen selbst aufgrund seines Regelverstoßes. Sein ebenfalls auf der Piste anwesender Vater haftete nicht, da er seine Aufsichtspflicht nicht verletzt hatte (LG Ravensburg, Urteil vom 22.3.2007, Az. 2 O 392/06).

Wie haften Skischulen?


Das Landgericht Deggendorf entschied zur Haftung einer Skischule. Ein Skilehrer hatte seine Anfänger für ihre ersten Versuche auf eine viel befahrene blaue Piste gestellt. Er forderte eine Skischülerin auf, loszufahren, obwohl sich von hinten andere Skifahrer näherten. Als sie der Anweisung folgte, fuhr ihr ein fremder Skifahrer vorn über ihre Skier und sie stürzte und erlitt Knochenbrüche und Gelenkverletzungen. Das Gericht gestand der Frau ein Schmerzensgeld von 5.000 Euro zu. Der Skilehrer habe die erste Übungsstunde auf einem völlig ungeeigneten Hang durchgeführt. Solche Übungen müssten abseits vom normalen Sportbetrieb stattfinden. Schüler dürften nicht überfordert werden. Das Anfahren trotz sich nähernder Skifahrer habe außerdem gegen FIS-Regel Nr. 5 verstoßen; eine solche Anweisung hätte der Skilehrer nicht erteilen dürfen (Urteil vom 12.11.2014, Az. 22 O 298/14).

Schneekanonen als Gefahrenquelle


Nicht selten bleibt im Winter auch der Schnee aus und Schneekanonen müssen für die weiße Pracht sorgen. Dadurch werden weitere Gefahrenquellen geschaffen, wie ein Fall aus dem Skigebiet Seebruck unterhalb des Feldbergs zeigt. Dabei waren zwei Skifahrer im Alter von 29 und 30 Jahren in mittlerem Tempo im unteren, schon einigermaßen flachen, Teil der Skipiste kollidiert. Anschließend prallten sie gegen den Mast einer Schneekanone. Die beiden jungen Männer aus Leonberg und aus dem Elsass verstarben noch an der Unfallstelle. Die Polizei äußerte die Vermutung, dass der Aufprall auf den Mast zu den tödlichen Verletzungen geführt habe. Allerdings war dieser mit einer orangefarbenen Weichmatte ummantelt gewesen. Die Helme der Männer wiesen kaum Schäden auf. Hätten mehr Sicherheitsvorkehrungen den Unfall verhindert?

Welche Pflichten haben Pistenbetreiber?


Skipistenbetreiber haben eine Pistensicherungspflicht. Diese verpflichtet sie dazu, Skifahrer vor möglichen versteckten und untypischen Gefahren, mit denen diese nicht unbedingt rechnen können, durch geeignete Maßnahmen zu schützen. Allerdings müssen diese Maßnahmen dem Betreiber tatsächlich möglich und ihm auch wirtschaftlich noch zumutbar sein.
Dies entspricht der allgemeinen Verkehrssicherungspflicht, die jeder Betreiber einer möglicherweise gefährlichen Anlage hat und auch jeder zum Schneeräumen verpflichtete Hauseigentümer. Das Oberlandesgericht Stuttgart hat 2009 entschieden, dass Skipistenbetreiber im Bereich der Piste und in deren Einzugsbereich Stützmasten und Lichtmasten durch die Anbringung von aufpralldämpfendem Material sichern müssen (Az. 5 U 72/09). Im oben geschilderten Fall war eine solche Sicherung vorhanden. Insofern war der Skipistenbetreiber dort seiner Pistensicherungspflicht nachgekommen. Allerdings fragt sich dann immer noch, ob die Schneekanone an einem geeigneten Standort platziert war und die Schutzmaßnahmen ausreichend waren. In den letzten Jahren ist es mehrfach zu tödlichen Skiunfällen durch Kollision mit Schneekanonen gekommen.

Welche Maßnahmen muss der Betreiber ergreifen?


Der Skipistenbetreiber muss beispielsweise Hindernisse, Engstellen, Stufen im Gelände, unübersichtliche Kurven oder Steilhänge absichern, besonders, wenn sich diese unmittelbar am Rand der Piste befinden. Eine Absicherung kann zum Beispiel durch Warnschilder oder Absperrungen stattfinden. Feste Hindernisse wie Masten müssen mit Polstern ausgestattet, unter Umständen auch Fangnetze aufgestellt werden. Herumstehende Fahrzeuge wie Pistenraupen oder Motorschlitten müssen durch Warneinrichtungen abgesichert werden. Die Fahrzeuge müssen im Betrieb diejenigen Strecken nutzen, auf denen sie Wintersportler am wenigsten gefährden. Dies entschied das Oberlandesgericht München (Urteil vom 24.4.2002, Az. 7 U 4714/01). Dabei ging es um einen 14-jährigen, der mitten auf der Piste an einer unübersichtlichen Stelle mit einem Motorschlitten des Liftbetreibers kollidiert war. Der Jugendliche erlitt ein Schädel-Hirn-Trauma und behielt eine Schwerbehinderung von 45 Prozent. Das Gericht verurteilte den Liftbetreiber und den Fahrer des Schlittens zur Zahlung von Schadensersatz plus einem Schmerzensgeld von 50.000 Euro, da der Motorschlitten in keiner Weise gesichert und auch nicht mit Warneinrichtungen versehen gewesen und obendrein auf einer für Skifahrer gefährlichen Route gefahren war. Dort hatte kurz vorher ein Slalom-Rennen stattgefunden. Der Skifahrer trug laut Gericht eine Mitschuld von einem Drittel, da er zu schnell in eine unübersichtliche Stelle eingefahren war.

Praxistipp


Auch immer bessere Sicherheitsmaßnahmen garantieren keinen Schutz vor Unfällen. Noch immer beachten viele Skifahrer die FIS-Regeln nicht, und auf vielen Pisten sind Gefahrenquellen nicht ausreichend abgesichert. Ski- und Snowboardfahren bleibt ein riskanter Sport. Bei einem Unfall lohnt es sich, einen auf das Zivilrecht spezialisierten Rechtsanwalt zu konsultieren, der schon Fälle aus dem Wintersport bearbeitet hat.
Ansprüche aus Skiunfällen im Ausland können auch in Deutschland geltend gemacht werden, wenn der Unfallverursacher Deutscher ist. Auch dann gelten deutsche Haftungsnormen und natürlich die FIS-Regeln (Oberlandesgericht Düsseldorf, Urteil vom 19.4.1996, Az. 22 U 259/95)

(Bu)



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