Unfallgefahr und nasse Fußgänger: Wenn das Auto durch tiefe Pfützen fährt

11.10.2019, Redaktion Anwalt-Suchservice / Lesedauer ca. 5 Min. (620 mal gelesen)
Unfallgefahr und nasse Fußgänger: Wenn das Auto durch tiefe Pfützen fährt © Bu - Anwalt-Suchservice

Pfützen gehören gerade in der nassen Jahreszeit zum Straßenbild. Da wird der ein oder andere Fußgänger von einem Auto schon mal nassgespritzt. Muss der Autofahrer die Reinigungskosten zahlen?

Feucht und dreckig: Eine Dusche durch ein vorbeifahrendes Auto ist nicht wirklich angenehm. Dies gilt ganz besonders auf dem Weg zur Arbeit oder zu einem Termin, zu dem man ordentlich gekleidet erscheinen will. Schnell stellt sich die Frage, ob der "Täter" nun zur Verantwortung gezogen werden kann. Muss der Autofahrer die Reinigung für die verschmutzte Kleidung bezahlen? Und wer haftet, wenn es durch tiefe Pfützen gar zu einem Unfall kommt?

Warum ist ein angepasstes Fahrverhalten bei Regen wichtig?


Bei Regen glaubt sich mancher Autofahrer sicherer, als er es tatsächlich ist: Die Straße ist rutschiger als erwartet, der Bremsweg wird erheblich länger, und das Kurvenverhalten des Autos ist weit instabiler. Zusätzlich herrscht bei Regen in der Regel auch schlechte Sicht. Deshalb ist es besonders wichtig, vorausschauend zu fahren und die Geschwindigkeit anzupassen.

Beim Bremsweg gilt grundsätzlich die Regel „halber Tacho“. Allerdings geht man bei einem modernen Auto mit ABS und gutem Reifenprofil bei trockenem Wetter bei 50 km/h von einem Bremsweg von etwa 12 Metern aus. Bei nasser Straße sind es jedoch schon knappe 20 Meter. Bei 80 km/h und trockener Straße sind es rund 30 Meter, bei nasser Fahrbahn rund 50 Meter. Bei Nässe ist also erhöhte Aufmerksamkeit und ein deutlich größerer Sicherheitsabstand zu empfehlen.
Das Aufschwimmen der Reifen, wenn diese vor lauter Wasser den Kontakt zur Fahrbahn verlieren, nennt man Aquaplaning. Dieser Zustand ist ausgesprochen gefährlich, denn das Fahrzeug ist dann nicht mehr zu lenken: Es gleitet auf dem Wasser. Achtung: Bei einem Reifenprofil von 1,6 mm kann Aquaplaning sogar schon bei 50 km/h auftreten.

Nasse Fahrbahn: Welche Rolle spielt das Reifenprofil?


Ein gutes Reifenprofil verhindert, dass die Reifen aufschwimmen können und unterbindet damit das Aquaplaning. Neue Reifen weisen mindestens 7 mm Profiltiefe auf. Noch bei 80 km/h soll man damit auch bei Nässe noch unterwegs sein können, ohne dass ein Aquaplaning-Effekt auftritt.
Je mehr das Profil abgefahren ist, desto geringer wird die Geschwindigkeit, bei der es zum Aufschwimmen der Reifen kommen kann. Auch breitere Reifen bedeuten mehr Rutschgefahr. Autofahrer sollten sich nicht darauf verlassen, mit dem Mindest-Reifenprofil noch sicher unterwegs zu sein. Die Automobilclubs empfehlen ein Profil von 3 bis 4 mm. Auch bei relativ guter Profiltiefe sollten Autofahrer jedoch ihr Tempo bei Nässe an das Wetter anpassen.
Übrigens: Bei neuen Reifen gibt es auch eine Angabe zur Nasshaftungsklasse. Die Einteilung geht von A (kürzester Bremsweg) bis F (längster Bremsweg). Ein A-Reifen kann einen bis zu 30 Prozent kürzeren Bremsweg haben, als ein F-Reifen.

Wer zahlt die Reinigungskosten?


Bei Regen als Fußgänger oder Radfahrer von einem Auto einer überraschenden Dusche unterzogen zu werden, findet man meist nicht besonders lustig. Die Kleidung ist schmutzig, einen guten Mantel kann man nicht mal eben in die Waschmaschine stopfen, und die Reinigung kostet wieder Geld. Muss nun der Autofahrer für diese Kosten aufkommen?
Und sind Autofahrer nicht womöglich verpflichtet, Rücksicht zu nehmen und Schritttempo zu fahren? Immerhin spricht § 1 der Straßenverkehrsordnung doch von gegenseitiger Rücksichtnahme?
Davon ging jedenfalls ein Ehepaar aus, das von einem Auto in Büsum bei der Durchfahrt durch eine Pfütze gründlich durchnässt worden war. Rund 40 Euro für die Reinigung forderte das Paar. Die Kläger verloren jedoch in zwei Gerichtsinstanzen. Das Landgericht Itzehoe entschied, dass Autofahrer nicht verpflichtet sind, im Stadtverkehr bei Regen Schritttempo zu fahren oder zu bremsen, sobald sie einen Fußgänger sehen. Denn dies würde die Gefahr von Auffahrunfällen drastisch steigern. Auch müsse dann im gesamten Gebiet einer Stadt flächendeckend Schritttempo gefahren werden und dies sei schlichtweg nicht umzusetzen. Das norddeutsche Gericht wies abschließend darauf hin, dass Fußgänger sich ganz einfach vor einer unerwarteten Dusche bei Regenwetter schützen könnten: Durch geeignete und dem Wetter angepasste Kleidung (Beschluss vom 24.2.2011, Az. 1 S 186/10).

Wann haftet der Autofahrer für eine Pfützendusche?


Allerdings kann ein Autofahrer haften, wenn er Fußgänger oder Radfahrer absichtlich durchnässt. Meist wird es jedoch schwer sein, dies zu beweisen.
Das Amtsgericht Frankfurt am Main hat in einem älteren Urteil entschieden, dass Autofahrer unter Umständen auch dann haften, wenn sie nicht die nötige Vorsicht walten lassen. Es ging dabei um einen Stadtbusfahrer, der allzu schnell in die Bushaltestelle eingefahren war und dabei eine Familie auf dem Gehweg von Kopf bis Fuß mit Schneematsch bespritzt hatte. Das Gericht gab hier allerdings den Geschädigten eine Mitschuld von 25 Prozent, weil diese Gefahr bei Schneewetter an einer Bushaltestelle vorhersehbar gewesen war (Amtsgericht Frankfurt, Az. 32 C 2225/94). Der Busfahrer bzw. die Gemeinde hatte also drei Viertel der Reinigungskosten zu ersetzen.
Was unterscheidet diesen Fall nun von dem aus Itzehoe? Das Frankfurter Gericht ging offenbar davon aus, dass der Busfahrer gerade bei der Annäherung an eine Haltestelle mit wartenden Menschen die Pflicht gehabt hätte, langsamer zu fahren. Den hier war es ja vorherzusehen, diese vom Bus nassgespritzt werden könnten. Letztendlich kommt es also immer auf die Situation im Einzelfall an. Eine Schritttempo-Pflicht gibt es zwar nicht, wer aber allzu rücksichtslos fährt und sein Tempo nicht der Situation anpasst, riskiert trotzdem eine Haftung.

Wie sollten sich Fußgänger und Radfahrer bei Regen verhalten?


Bei Regenwetter sind Fußgänger und Radfahrer oft besonders unkonzentriert und unaufmerksam, weil sie es eilig haben, ins Trockene zu kommen. Oft vergessen sie dabei jedoch, dass die Autofahrer zwar im Trockenen sitzen, aber wegen des Regens häufig eine sehr eingeschränkte Sicht haben. Wegen der Eile überquert man schnell schon mal eine Straße, ohne gründlich zu schauen, ob ein Auto kommt. Radfahrer sparen sich gerne mal das Anzeigen der Richtungsänderung.
Regenschirme oder Kapuzen behindern die Sicht. Gerade bei Regen sind diese Verhaltensweisen jedoch gefährlich. Denn nicht nur die Sicht von Autofahrern ist beeinträchtigt, sondern auch deren Bremsweg ist erheblich länger als bei trockenem Wetter.

Fußgänger und Radfahrer sollten sich daher mit geeigneter, möglichst heller Kleidung ausstatten und im Straßenverkehr trotz Nässe und Regen die übliche Vorsicht nicht vergessen. Besonders wichtig ist es, Straßen nicht abseits von Ampeln und Überwegen trotz nahendem Verkehr zu überqueren – sondern zu warten, bis die Straße frei ist, bevor man losläuft oder -fährt. Durch vor Autos laufende Fußgänger provozierte Brems- und Ausweichmanöver im Stadtverkehr sind schon bei trockener Fahrbahn riskant. Bei Nässe erhöht sich die Gefahr eines Unfalls erheblich. Bei einem Unfall tragen Fußgänger oder Radfahrer, die sich fahrlässig und regelwidrig verhalten, eine Mitschuld und haften ganz oder teilweise für den entstandenen Schaden.

Sturz durch verstecktes Schlagloch – wer haftet?


Radfahrer sind bei Regenwetter der besonderen Gefahr ausgesetzt, in einer tiefen Pfütze die Kontrolle über ihr Rad zu verlieren und zu stürzen. Hier könnte man sich fragen, ob dann die Gemeinde auf Schadensersatz und Schmerzensgeld haftet. Denn diese hat ja die Verkehrssicherungspflicht für öffentliche Straßen und Wege auf ihrem Gebiet.
Eine Haftung der Gemeinde ist nicht ausgeschlossen. Das Oberlandesgericht München verurteilte beispielsweise eine Gemeinde zur Zahlung eines Schmerzensgeldes von 2.500 Euro an eine Radfahrerin. Diese hatte beim Versuch, in ihre Grundstückszufahrt abzubiegen, auf der öffentlichen Straße eine große Pfütze durchquert. In dieser befand sich jedoch ein verstecktes Schlagloch, in dem sie steckenblieb. Dadurch stürzte sie und zog sich erhebliche Verletzungen zu. Das Gericht meinte, dass die Gemeinde hier hätte einschreiten und das Schlagloch reparieren müssen. Sie habe ihre Verkehrssicherungspflicht verletzt. Die Radfahrerin sei jedoch zu 50 Prozent mitschuldig an dem Unfall: Sie hätte die gut sichtbare Pfütze nicht durchfahren dürfen, sondern hätte notfalls absteigen müssen (Urteil vom 14.03.2013, Az. 1 U 3769/11).

Praxistipp


Bei Nässe sollten alle Verkehrsteilnehmer erhöhte Vorsicht walten lassen. Eine Haftung für verschmutzte Kleidung gibt es nur im Ausnahmefall. Kommt es zu einem Unfall oder einem erheblichen Schaden, ist ein Fachanwalt für Verkehrsrecht der richtige Ansprechpartner. Er kann Ihre Situation einschätzen und die Erfolgsaussichten einer Klage prüfen.

(Wk)



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