Steinschlag durch den „Vordermann“: Wer haftet?

15.04.2020, Redaktion Anwalt-Suchservice / Lesedauer ca. 5 Min. (6082 mal gelesen)
Auto mit defekter Scheibe Frontscheibe durch Steinschlag zerstört: Was nun? © Rh - Anwalt-Suchservice

Da fährt man nichtsahnend seines Weges. Plötzlich kracht es und in der Windschutzscheibe ist ein Sprung: Das vorausfahrende Fahrzeug hat einen Stein hochgewirbelt. Muss dessen Fahrer zahlen?

Ein Steinschlag in der Windschutzscheibe ist immer eine ärgerliche Sache. Denn: Auch kleine Schäden können sich ausweiten und zu einer Gefahr für die Fahrzeuginsassen werden. Unter Umständen sorgt ein nicht reparierter Schaden dann später bei der nächsten Hauptuntersuchung für Probleme. Wenn ein Austausch der Scheibe erforderlich ist, wird dies teuer. Allerdings ist nicht unbedingt gesagt, dass der vorausfahrende Fahrer ohne weiteres für den Schaden haftet.

Ist der Vorausfahrende immer schuld?


Unter zwei rechtlichen Gesichtspunkten kann es zu einer Haftung des Vorausfahrenden kommen: Zunächst, wenn dieser durch sein Fehlverhalten tatsächlich die Schuld trägt. Dies kann etwa bei ungenügender Ladungssicherung bei einem Kieslaster der Fall sein. Die zweite Möglichkeit ist eine Haftung aufgrund der Betriebsgefahr des vorderen Fahrzeugs. Denn schon dadurch, dass man mit einem Auto am Straßenverkehr teilnimmt (= es im Straßenverkehr betreibt), schafft man für andere Verkehrsteilnehmer eine Gefahr – ganz ohne irgendein Verschulden. Diese Betriebsgefahr kann also auch eine Haftungsgrundlage sein.
Um Schadensersatzansprüche geltend zu machen, muss der Geschädigte grundsätzlich erst einmal beweisen, dass der Schaden auf einem Steinschlag beruhte und dass dieser vom vorausfahrenden Fahrzeug des Beklagten ausging.

Wer muss was beweisen?


Beim Thema Beweisführung setzen die Gerichte unterschiedlich strenge Maßstäbe an. Zum Beispiel verzichtete das Landgericht Heidelberg auf einen Beweis für die genaue Art und Weise der Schadensverursachung. In diesem Fall hatte die Klägerin beweisen können, dass der LKW des Beklagten mit einer Ladung Kies vor ihr her gefahren war, als ein Stein ihre Autoscheibe beschädigte (Urteil vom 21. Oktober 2011, Az. 5 S 30/11). Andererseits forderte das Amtsgericht Brandenburg einen genauen Beweis, auf welche Weise es durch einen vorausfahrenden LKW (mit ungesicherter Steinladung) zu dem Steinschlag gekommen war (Urteil vom 18.07.2014, Az. 31 C 147/12).

Auch das Landgericht Coburg forderte einen zweifelsfreien Beweis dafür, dass die Schäden durch Steinschläge ausgehend vom Vordermann verursacht worden seien. Auch hier ging es um einen Kieslaster. Allerdings hatte der Kläger 14 Tage gewartet, bis er den Schaden von einem Privatsachverständigen untersuchen ließ. Dessen Ansichten zu den Schäden konnte ein gerichtlich bestellter Sachverständiger teilweise nicht bestätigen. Hier beriefen sich beide Gutachter darauf, dass man nach 14 Tagen kaum noch feststellen könne, wie alt ein Steinschlag sei. Das Gericht wies die Klage ab, da nicht nachweisbar war, ob es sich um neue oder alte Steinschläge handelte (Urteil vom 23.12.2014, Az. 22 O 306/13).

Insbesondere bei einer Haftung ohne Verschulden aufgrund der Betriebsgefahr gilt: Wenn der Geschädigte die erforderlichen Beweise erbracht hat, kann sich der Beklagte immer noch entlasten, indem er seinerseits beweist, dass der Schadensfall für ihn ein unabwendbares Ereignis war.

Was ist ein unabwendbares Ereignis?


Bei einem für den Schädiger unabwendbaren Ereignis haftet dieser nicht. Geregelt ist dieser Fall in § 17 Absatz 3 des Straßenverkehrsgesetzes (StVG). Der Schaden darf nicht durch technische Mängel des Fahrzeuges oder seiner Vorrichtungen verursacht worden sein. Sowohl der Fahrer als auch der Fahrzeughalter müssen jede erdenkliche Sorgfalt beachtet haben.
Bei Steinschlägen geht man von einem unabwendbaren Ereignis meist dann aus, wenn der Stein lediglich durch die Reifen des vorausfahrenden Fahrzeugs hochgeschleudert wurde und nicht zum Beispiel von dessen Ladefläche gefallen ist. Dies ergibt sich auch aus den oben zitierten Gerichtsurteilen, sowie aus dem Urteil des Amtsgerichts Düsseldorf vom 16. Juli 2012 (Az. 41 C 3509/11).
Nachgewiesen werden kann so etwas zum Beispiel durch ein Gutachten, dem zufolge der Stein bei seinem Flugwinkel nur von den Reifen und nicht von der Ladung kommen konnte (AG Brandenburg, Az. 31 C 147/12).

Steinschlag: Wann kann man Schadensersatz fordern?


Aussichten auf Schadensersatz bestehen insbesondere dann, wenn der Stein nicht nur durch die Räder des anderen Fahrzeugs hochgewirbelt wurde. Auch sollte der Hergang beweisbar sein, etwa durch Zeugen, Fotos oder Gutachten. Meist hat eine Klage also Chancen, wenn ein LKW ungesicherte Ladung verloren hat. Dabei kommt es jedoch immer stark auf den Einzelfall und die vorhandenen Beweismittel an. Nur eine Beratung beim Rechtsanwalt kann klären, ob im konkreten Fall Aussicht auf Erfolg besteht.

Wie verhält man sich nach einem Steinschlag?


Erst einmal gilt: Ruhe bewahren. Handelt es sich nur um einen kleinen Steinschlag, der die Sicht des Fahrers nicht beeinträchtigt, kann man weiterfahren. Problematischer sind große Steinschläge, welche die Sicht beeinträchtigen oder sogar die Scheibe springen lassen. Hier sollte man so bald wie möglich anhalten und das Fahrzeug sicher vom ADAC oder einem anderen Abschleppdienst in die Werkstatt bringen lassen.

Welche Folgen drohen bei einem nicht reparierten Steinschlag?


Auch kleinere Schäden sollte man auf Dauer reparieren lassen. Diese können sich nämlich ausweiten, etwa durch Vibrationen und Schlaglöcher. Dann werden sie zum Sicherheitsrisiko für die Fahrzeuginsassen. Bricht eine Scheibe während der Fahrt, ist dies eine ernste Gefahr. Dazu kommt: Bei der Hauptuntersuchung können Schäden an der Windschutzscheibe, die zu einer Bruchgefahr führen, bemängelt werden – und ebenso kleine Steinschläge im Sichtfeld des Fahrers. Bei modernen Autos gehört die Windschutzscheibe zur tragenden Struktur des Fahrzeugs.

Muss die Frontscheibe komplett ausgetauscht werden oder hilft eine Reparatur?


Es existieren zwei Methoden der Schadensbeseitigung: Kleine Schäden, die nicht im Gesichtsfeld liegen, kann man oft mit Kunstharz verfüllen. Das Harz wird dann mit UV-Licht gehärtet und poliert. Meist ist anschließend vom Schaden kaum noch etwas zu sehen. Die Kosten betragen im Durchschnitt ca. 80 bis 125 Euro. Manche Betriebe haben sich auf kleine Steinschläge spezialisiert. Eine derartige Reparatur ist jedoch nur unter ganz bestimmten Voraussetzungen möglich.
Die Faustregel: Der Schaden darf nicht größer sein als eine Zwei-Euro-Münze und muss auf allen Seiten mehr als zehn Zentimeter von der Glaskante entfernt sein. Bei größeren Schäden und Sprüngen muss die Windschutzscheibe ausgetauscht werden. Bei ihrem Ausbau kommt es häufig durch die Verwendung von Schneiddraht zu Beschädigungen des Lacks am Scheibenrahmen. Wird hier keine fachgerechte Neulackierung mit Rostvorsorge durchgeführt, ist eine undichte Windschutzscheibe durch Rost im Rahmen vorprogrammiert. Dann kann Wasser in den Innenraum eindringen, Schimmel verursachen und auch Steuergeräte und Fahrzeugelektronik beschädigen.

Windschutzscheibe kaputt: Welche Versicherung zahlt?


Kann der Vorausfahrende nicht für den Schaden haftbar gemacht werden, übernimmt die eigene KfZ-Kaskoversicherung des Geschädigten in der Regel die Kosten. Im Rahmen der Voll- und der Teilkaskoversicherung sind Glasschäden durch Steinschläge abgedeckt. Die meisten Versicherungen verzichten zudem auf eine Anrechnung des Selbstbehalts, wenn die vorhandene Scheibe noch zu reparieren ist. Nur beim Austausch einer Scheibe muss der Kunde die vertraglich vereinbarte Selbstbeteiligung aus eigener Tasche bezahlen.
Wer nur eine KfZ-Haftpflichtversicherung hat, muss den gesamten Schaden selbst bezahlen.

Praxistipp


Wer durch ein vorausfahrendes Fahrzeug einen Steinschlagschaden erlitten hat, sollte sich von einem Fachanwalt für Verkehrsrecht beraten lassen. Dieser kann am besten beurteilen, ob eine Klage auf Schadensersatz im konkreten Fall Sinn macht.

(Ma)



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