Steinschlag durch den „Vordermann“: Wer haftet?

26.06.2017, Redaktion Anwalt-Suchservice / Lesedauer ca. 4 Min. (1838 mal gelesen)
Steinschlag durch den „Vordermann“: Wer haftet? © Rh - Anwalt-Suchservice

Da fährt man nichtsahnend seines Weges, plötzlich kracht es und in der Windschutzscheibe ist ein Sprung. Das vorausfahrende Fahrzeug hat einen Stein hochgewirbelt. Muss dessen Fahrer nun zahlen?

Ein Steinschlag in der Windschutzscheibe ist eine ärgerliche Angelegenheit. Auch kleine Schäden können sich ausweiten und zur Gefahr für die Fahrzeuginsassen werden. Womöglich sorgt ein nicht reparierter Schaden auch bei der nächsten Hauptuntersuchung für Ärger. Wird ein Austausch der Scheibe nötig, ist dies teuer. Ob der vordere Fahrer jedoch für den Schaden haftet, ist nicht sicher.

Ist der Vorausfahrende immer schuld?


Eine Haftung des Vorausfahrenden kann sich unter zwei rechtlichen Gesichtspunkten ergeben: Einmal, weil er durch ein Fehlverhalten tatsächlich die Schuld trägt (z.B. ungenügende Ladungssicherung bei einem Kieslaster) oder wegen der Betriebsgefahr seines Fahrzeugs. Denn bereits dadurch, dass man mit einem Auto am Straßenverkehr teilnimmt, schafft man eine Gefahr für andere – auch ohne Verschulden. Diese Betriebsgefahr kann Haftungsgrundlage sein. Grundsätzlich muss zunächst einmal der Geschädigte beweisen, dass der Schaden auf einem Steinschlag beruhte und dass dieser vom vorausfahrenden Fahrzeug des Beklagten ausging.

Wer muss was beweisen?


Die Gerichte setzen an die Beweisführung hier unterschiedlich strenge Maßstäbe an. So verzichtete das Landgericht Heidelberg auf den Beweis der genauen Art und Weise der Schadensverursachung. Die Klägerin hatte bewiesen, dass der LKW des Beklagten mit einer Kiesladung vor ihr her gefahren war, als ein Stein ihre Scheibe beschädigte (Urteil vom 21. Oktober 2011, Az. 5 S 30/11). Das Amtsgericht Brandenburg dagegen verlangte einen genauen Beweis, auf welche Weise es durch einen vorausfahrenden LKW (mit ungesicherter Steinladung) zu dem Steinschlag gekommen war (Urteil vom 18.07.2014, Az. 31 C 147/12). Hat der Geschädigte die erforderlichen Beweise erbracht, kann sich der Beklagte immer noch entlasten, indem er seinerseits beweist, dass der Schadensfall für ihn ein unabwendbares Ereignis war.

Was ist ein unabwendbares Ereignis?


Bei einem für den Schädiger unabwendbaren Ereignis haftet dieser nicht. Dies geht aus § 17 Absatz 3 des Straßenverkehrsgesetzes (StVG) hervor. Dabei handelt es sich um etwas, das ein Autofahrer in keinem Fall durch eigenes Zutun oder Vorsicht verhindern kann, egal wie pedantisch er sich an alle Regeln hält. Das Ereignis darf auch nicht durch technische Mängel des Fahrzeuges oder seine Ladung verursacht worden sein. Sowohl der Fahrer als auch der KFZ-Halter müssen jede erdenkliche Sorgfalt beachtet haben. Bei Steinschlägen geht man meist von einem unabwendbaren Ereignis aus, wenn der Stein lediglich durch die Reifen des vorausfahrenden Fahrzeugs hochgeschleudert wurde, anstatt zum Beispiel von dessen Ladefläche zu fallen. Dies geht auch aus den beiden oben zitierten Gerichtsurteilen hervor, ebenso aus dem Urteil des Amtsgerichts Düsseldorf vom 16. Juli 2012 (Az. 41 C 3509/11). Ein solcher Beweis kann zum Beispiel durch ein Gutachten geführt werden, nach dem der Stein bei seinem Flugwinkel nur von den Reifen und nicht von der Ladung kommen konnte (AG Brandenburg, Az. 31 C 147/12).

In welchen Fällen ist eine Schadensersatzforderung möglich?


Wenn es sich nicht nur um einen durch die Räder des anderen Fahrzeugs hochgewirbelten Stein gehandelt hat und der Hergang beweisbar ist – durch Zeugen, Fotos, Gutachten – kann versucht werden, Schadensersatz geltend zu machen. Dies ist in erster Linie der Fall, wenn ein LKW ungesicherte Ladung verliert. Es kommt hier jedoch sehr stark auf den Einzelfall und die vorhandenen Beweismittel an, so dass nur eine Beratung durch einen Anwalt die konkreten Chancen klären kann.

Was ist bei einem Steinschlag zu tun?


Zunächst einmal: Ruhe bewahren. Ist der Steinschlag nur klein und beeinträchtigt er nicht die Sicht des Fahrers, kann man weiterfahren. Problematischer sind große Steinschläge, die die Sicht beeinträchtigen oder die Scheibe springen lassen. Hier sollte man baldmöglichst anhalten und das Fahrzeug sicher vom ADAC oder einem anderen Abschleppdienst in die Werkstatt schaffen lassen.

Welche Konsequenzen drohen bei einem nicht reparierten Steinschlag?


Auf Dauer sollten auch kleinere Schäden repariert werden. Denn diese können sich ausweiten, etwa durch Vibrationen und Schlaglöcher, und dann zum Sicherheitsrisiko für die Insassen des Autos werden. Eine während der Fahrt brechende Scheibe ist eine ernste Gefahr. Bei der Hauptuntersuchung können Schäden, die zu einer Bruchgefahr führen, bemängelt werden – und ebenso Steinschläge im Sichtfeld des Fahrers. Die Windschutzscheibe gehört bei modernen Autos zur tragenden Struktur des Fahrzeugs.

Muss die Frontscheibe komplett ausgetauscht werden oder hilft eine Reparatur?


Es gibt zwei Methoden der Schadensbeseitigung: Kleine Schäden, die nicht im Gesichtsfeld liegen, können oft mit Kunstharz verfüllt werden. Dieses wird mit UV-Licht gehärtet und dann poliert. Vom Schaden ist dann nachher meist kaum noch etwas zu sehen. Die Kosten liegen durchschnittlich bei ca. 80 bis 100 Euro. Es gibt Betriebe, die sich auf kleine Steinschläge spezialisiert haben. Eine solche Reparatur ist jedoch nur unter ganz bestimmten Voraussetzungen möglich. Faustregel: Der Schaden ist nicht größer als eine Zwei-Euro-Münze und auf allen Seiten mehr als zehn Zentimeter von der Glaskante entfernt. Bei größeren Schäden und Sprüngen ist der Austausch der Scheibe nötig. Oft kommt es beim Ausbau zu Beschädigungen des Lacks am Scheibenrahmen. Erfolgt hier keine fachgerechte Neulackierung mit Rostvorsorge, ist eine undichte Windschutzscheibe durch Rost im Rahmen vorprogrammiert. Wasser kann dann in den Innenraum eindringen und ggf. auch Steuergeräte und die Fahrzeugelektronik schädigen.

Welche Versicherung zahlt?


Kann der Vorausfahrende nicht für den Schaden haftbar gemacht werden, übernimmt dies die eigene KfZ-Kaskoversicherung des Geschädigten. Im Rahmen der Voll- und der Teilkaskoversicherung sind Steinschläge abgedeckt. Allerdings muss der Kunde eine vertraglich vereinbarte Selbstbeteiligung aus eigener Tasche bezahlen.