Erben und Vererben: Was ist ein Vermächtnis?

22.03.2016, Redaktion Anwalt-Suchservice / Lesedauer ca. 3 Min. (383 mal gelesen)
Erben und Vererben: Was ist ein Vermächtnis? © Stauke - Fotolia.com
Der Begriff "Vermächtnis" wird in der Umgangssprache oft falsch benutzt. In Wahrheit handelt es sich um ein gesetzlich geregeltes Instrument, mit dem jemandem im Todesfall eine Zuwendung gemacht werden kann.

Was versteht man unter einem Vermächtnis?
Ein Vermächtnis ist eine letztwillige Anordnung des Erblassers in einem Testament oder Erbvertrag. Mit dieser wird festgelegt, dass eine bestimmte Person einen bestimmten Gegenstand aus dem Nachlass bekommen soll. Diese Person wird dadurch aber nicht zum Erben und hat somit nicht dessen Rechte und Pflichten. Beispiel: Der Erblasser macht seine Ehefrau per Testament zur Alleinerbin. Nur seinen Sportwagen soll sein Neffe bekommen, weil der auch Autofan ist wie der Erblasser.

Wozu dient ein Vermächtnis?
Wer durch Testamt oder nach dem gesetzlichen Erbrecht Erbe geworden ist, erbt immer einen bestimmten Anteil am Nachlass – oder auch alles, wenn er Alleinerbe ist. Eine Zuwendung bestimmter einzelner Gegenstände an bestimmte Personen ist nicht vorgesehen. Im Prinzip müssen die Erben also den Nachlass verkaufen und jeder erhält seinen prozentualen Anteil. Was ist aber, wenn ein besonderes Erinnerungsstück, ein persönlicher Wertgegenstand oder zum Beispiel der Familienschmuck an eine bestimmte Person gehen soll? Für diesen Fall ist ein Vermächtnis vorzunehmen. Hier kann einer Person etwas Bestimmtes zugewandt werden, und diese Person wird noch nicht einmal Erbe und muss sich daher auch nicht um eventuelle Streitigkeiten in der Erbengemeinschaft kümmern. Oft wird das Vermächtnis auch genutzt, um einer Person etwas zukommen zu lassen, die normalerweise nicht erben würde – wie zum Beispiel einem Freund oder einer verdienten Pflegekraft.

Form und Formulierung
Für das Vermächtnis gelten keine besonderen Formvorschriften. Allerdings sind natürlich die Formalien des Testaments zu beachten. So muss ein eigenhändiges Testament vom Erblasser komplett selbst handschriftlich verfasst, unterzeichnet und mit Ort und Datum versehen sein. Das Vermächtnis muss nicht unbedingt als solches bezeichnet werden. Meist reicht es aus, wenn ausdrücklich nur ein einzelner Gegenstand zugewendet wird. Steht im oben angesprochenen Beispiel im Testament, dass der Neffe den Sportwagen und die Ehefrau alles andere erben soll, wird man in der Regel davon ausgehen, dass die Frau Alleinerbin ist und der Neffe Vermächtnisnehmer. Hier käme dann die Auslegungsregel des § 2087 Bürgerliches Gesetzbuch (BGB) ins Spiel. Im Zweifelsfall ist es eben Auslegungssache, was der Betreffende gewollt hat. Wer nicht will, dass seine Angehörigen irgendwann vor dem Richter um eine Auslegung seines letzten Willens ringen, sollte sich möglichst klar äußern.

An wen wendet man sich als Vermächtnisnehmer, um das Zugewendete zu erhalten?
Der Vermächtnisnehmer hat einen einklagbaren Anspruch gegen den Erben, der den betreffenden Gegenstand herausgeben muss. Dies regelt § 2174 BGB. Es ist möglich, dass ein Vermächtnisnehmer mit einem Untervermächtnis beschwert wird (das Auto kriegt der Neffe, die Felgen kriegt aber der Nachbarssohn als Dank fürs Rasenmähen).

Verschiedene Vermächtnisarten
Es gibt mehrere besondere Unterarten des Vermächtnisses. Dazu gehört zum Beispiel das Ersatzvermächtnis, dass den Gegenstand für den Fall, dass der Vermächtnisnehmer selbst schon verstorben ist, jemand anderem zuspricht. Mit einem Nachvermächtnis hingegen wird jemandem etwas als Vermächtnis zugewendet, dass dieser bei Eintritt eines bestimmten Ereignisses einem weiteren Vermächtnisnehmer übergeben muss. Beispiel: Der Neffe ist noch minderjähig. Also erhält sein Vater den Sportwagen als Vermächtnis. Mit dem 18. Geburtstag des Neffen ist dieser Nachvermächtnisnehmer und darf sich die Schlüssel holen.

Das Vorausvermächtnis
Eine weitere Unterart ist das Vorausvermächtnis. Hier wird das Vermächtnis ausnahmsweise jemandem zugewendet, der selbst gleichzeitig Erbe ist. Beispiel: Die Ehefrau und zwei Kinder sind testamentarische Erben, die Ehefrau soll als besonderes Erinnerungsstück jedoch den Sportwagen bekommen. Das Auto ist dann kein Teil des Nachlasses mehr und wird nicht auf den Erbteil der Witwe angerechnet. Diese muss dafür auch keinen Ausgleich an die anderen Erben leisten. Hier kommt es in der Praxis oft zu Problemen, denn es kann zur Verwechslung mit einer sogenannten Teilungsanordnung kommen – und bei der ist durchaus ein Ausgleich zu zahlen.