Pyrotechnik im Stadion: Mache ich mich strafbar?

22.06.2016, Redaktion Anwalt-Suchservice / Lesedauer ca. 3 Min. (802 mal gelesen)
Pyrotechnik im Stadion: Mache ich mich strafbar? © VRD - Fotolia.com
Für einige Menschen gehört Pyrotechnik zum Fußballspiel. Andere sehen sie als Gefahr, denn Feuerzauber jeder Art mitten in einer Menschenmenge kann zu ernsten Verletzungen führen. Auch die Stadionbetreiber sind wenig begeistert. Wie sieht aber die strafrechtliche Seite aus?

Pyrotechnik, Böller und Fußball
Seit den 80er Jahren wird von Zuschauern bei Fußballspielen Pyrotechnik verwendet. Meist handelt es sich dabei um "Bengalos", also bengalische Feuer. Dies sind Handfackeln, die für pyrotechnische Effektbeleuchtungen und als Seenotfackeln entwickelt wurden. Sie brennen rot und entwickeln dichten Rauch. Unter anderem enthalten sie Magnesium, was zu einer Hitzeentwicklung von bis zu 2.500 Grad Celsius führen kann. Aber auch Böller kommen zum Einsatz.

Mögliche Gefahren
Die Hitzeentwicklung von Bengalos kann ohne direkte Berührung der Flamme zu Verbrennungen führen. Von den Fackeln tropft eine Schlacke zu Boden, die noch eine ganze Weile so heiß bleibt, dass sie Verbrennungen hervorrufen kann. In einer Menschenmenge eingesetzt, ist die Gefahr groß, dass andere Zuschauer Brandverletzungen erleiden. Auch das In-Brand-Setzen von Gegenständen ist möglich. Bengalisches Feuer kann nicht mit normalen Löschmitteln wie Wasser oder Sand gelöscht werden. Der dichte Rauch nimmt einer größeren Anzahl von Personen komplett die Sicht, was nicht nur für Zuschauer ein Ärgernis ist, die das Spiel sehen möchten, sondern auch das Spiel selbst behindern kann. Zusätzlich blendet das helle Licht der Flammen. In einer Menschenmenge kann es zur Panik kommen. Nicht zuletzt ist das Einatmen des Rauchs der abbrennenden Chemikalienmischung, dem sich die anderen Zuschauer kaum entziehen können, gesundheitsschädlich.

Sprengstoffgesetz / Sprengstoffverordnung
Das Abbrennen von Feuerwerkskörpern der Kategorie II – wie etwa Böllern oder Raketen – ist nur Volljährigen im engen Zeitfenster um den Jahreswechsel erlaubt. Alles andere ist eine Ordnungswidrigkeit und kann mit Bußgeld geahndet werden. Dies betrifft aber nur zugelassene Feuerwerkskörper. Jeglicher Umgang mit "Polenböllern" oder selbst modifiziertem nicht zugelassenem Feuerwerk ist eine Straftat nach § 40 Absatz 1 Nr. 3 i.V.m. § 27 SprengG, hier drohen bis zu drei Jahre Freiheitsstrafe oder Geldstrafe. Die meisten Bengalfackeln werden den Kategorien T1 oder P1 (Bühnenfeuerwerk / technisches Feuerwerk) zugerechnet. Sie dürfen von Volljährigen ganzjährig erworben werden, allerdings mit einer Verwendungsbestätigung, nach der sie nur für den gesetzlich vorgesehenen Zweck (angemeldete Vorführung, Seenotfall) genutzt werden. Es gibt durchaus unterschiedliche Rechtsansichten zu der Frage, ob das reine Abbrennen von Bengalos in einem Stadion bereits eine Straftat oder Ordnungswidrigkeit darstellt. Einige Gerichte werten es jedoch als versuchte gefährliche Körperverletzung (Amtsgericht Hannover, vier Monate Freiheitsstrafe auf Bewährung, Az. 223 Ds 375/14).

Wenn es schief geht: Straftaten
Kommt es zu Verletzungen von Personen, kann sich der Pyrotechnik oder Böller verwendende Fan nach dem Strafrecht wegen gefährlicher Körperverletzung strafbar machen. Letzteres ist zum Beispiel der Fall, wenn zur Begehung der Tat ein "gefährliches Werkzeug" eingesetzt oder das Leben einer anderen Person gefährdet wird. Dem Angeklagten muss ein entsprechender Vorsatz nachgewiesen werden. Hier reicht jedoch ein bedingter Vorsatz, also zum Beispiel ein In-Kauf-Nehmen der Lebensgefährdung, aus. Bei vollendeter gefährlicher Körperverletzung nach § 224 StGB droht eine Freiheitsstrafe von mindestens sechs Monaten bis zu zehn Jahren.

Beispiel: Rauchvergiftung durch Bengalos
Beim Spiel FC Schalke 04 gegen Eintracht Frankfurt am 24.11.2012 zündete eine Gruppe von Fans gleichzeitig 19 Seenotrettungsfackeln. Durch toxische Rauchgase erlitten acht unbeteiligte Stadionbesucher teils erhebliche Rauchgasvergiftungen, darunter ein Kind. Das Landgericht Essen verurteilte einen der Täter wegen gefährlicher Körperverletzung, Verstoßes gegen das Versammlungsgesetz und gemeinschaftlicher Sachbeschädigung zu einer Freiheitsstrafe von einem Jahr und sechs Monaten ohne Bewährung. Das Oberlandesgericht Hamm bestätigte diese Entscheidung (Urteil vom 11.8.2015, Az. 5 RVs 80/15).

Beispiel: Polenböller in den Spielertunnel
Beim Spiel VfL Osnabrück gegen SC Preußen Münster am 10.9.2011 hatte ein Mitglied einer "Ultrafan-Gruppe" versucht, einen besonders sprengkräftigen nicht zugelassenen "Polenböller" in Richtung des gegnerischen Fanblocks zu werfen. Es handelte sich dabei um eine geplante Aktion; der Böller wurde in einer Coladose von einem anderen Zuschauer eingeschmuggelt. Der Böller landete durch eine Dachöffnung im Spielertunnel, detonierte dort mit Entwicklung einer Druckwelle und verletzte insgesamt 33 Personen, darunter 17 Polizeibeamte, zwei Sanitäter, einen Notarzt und fünf Kinder. Der Täter ließ sich derweil auf der Tribüne feiern. Die Verletzten trugen Explosionstraumata, Gehörschäden, Brandwunden und Fleischwunden davon. Bei einer ganzen Reihe von Personen waren wochenlange Arbeitsunfähigkeit und bleibende Gehörschäden die Folge. Das Landgericht Osnabrück verurteilte den Täter wegen vorsätzlichen Herbeiführens einer Sprengstoffexplosion in Tateinheit mit gefährlicher Körperverletzung (in 33 Fällen) zu einer Freiheitsstrafe von fünf Jahren (Urteil vom 23.03.2012, 10 KLs 37/11).