Pyrotechnik im Stadion: Mache ich mich strafbar?

22.01.2020, Redaktion Anwalt-Suchservice / Lesedauer ca. 5 Min. (2183 mal gelesen)
Stadion,Fußballspiel,Bengalos,Feuerwerk,strafbar Wer im Fusballstadion Pyrotechnik einsetzt, kann sich strafbar machen. © Rh - Anwalt-Suchservice

Für einige Menschen gehört Pyrotechnik, wie z.B. das Abbrennen von Bengalos, zum Fußballspiel. Andere sehen sie als Gefahr, denn Feuerwerk im Fußballstadion kann zu ernsten Verletzungen führen. Welche Strafen drohen?

Seit den 80er Jahren verwenden manche Zuschauer bei Fußballspielen Pyrotechnik. Oft handelt es sich dabei um sogenannte "Bengalos", also bengalische Feuer. Darunter versteht man Handfackeln, die für pyrotechnische Effektbeleuchtungen und als Seenotfackeln entwickelt worden sind. Sie brennen rot und entwickeln erheblichen Rauch. Enthalten ist unter anderem Magnesium, was zu einer Hitzeentwicklung bis zu 2.500 Grad Celsius führen kann. Es gibt auch Bengaltöpfe. Zum Teil kommen jedoch auch Böller bei Fußballspielen zum Einsatz. Nicht jeder hat dafür Verständnis, denn die Verletzungsgefahr durch Pyrotechnik in einer Menschenmenge ist hoch, und davon Abstand zu halten, ist in der Menge nicht möglich. Auch die Stadionbetreiber sind wenig begeistert.

Bengalos im Stadion: Welche Gefahren gibt es?


Die massive Hitzeentwicklung von Bengalos kann selbst ohne direkte Berührung der Flamme Verbrennungen verursachen. Von den Fackeln tropft eine Schlacke zu Boden. Diese bleibt noch für eine ganze Weile so heiß, dass sie ebenfalls zu Verbrennungen führen kann. In einer Menschenmenge besteht erhebliche Gefahr, dass andere Zuschauer Brandverletzungen erleiden. Natürlich ist es auch möglich, dass Gegenstände Feuer fangen. Bengalisches Feuer ist nicht mit normalen Löschmitteln wie Wasser oder Sand zu löschen.

Darüber hinaus nimmt der dichte Rauch einer großen Zahl von Personen vollständig die Sicht. Dies ist nicht nur ärgerlich für Zuschauer, die vielleicht das Spiel sehen möchten, sondern es kann durchaus auch das Spiel selbst behindern.
Dazu kommt, dass das helle Licht der Bengalo-Flammen auch eine gewisse Blendwirkung hat. Dies kann in einer Menschenmenge zur Panik führen. Obendrein ist das Einatmen des Rauchs der abbrennenden Chemikalienmischung, dem sich die anderen Zuschauer nicht entziehen können, auch gesundheitsschädlich.

Was sagt das Gesetz zu Feuerwerkskörpern im Stadion?


Regelungen zu diesem Thema finden sich im Sprengstoffgesetz und der dazugehörigen Sprengstoffverordnung. So dürfen nur Volljährige in dem engen Zeitfenster rund um den Jahreswechsel Feuerwerkskörper der Kategorie II zünden - also beispielsweise Böller oder Raketen. Alles andere ist eine Ordnungswidrigkeit, die mit einem Bußgeld bestraft werden kann. Dies gilt zumindest für zugelassene Feuerwerkskörper. Jeder Umgang mit "Polenböllern" oder selbst modifiziertem, nicht zugelassenem Feuerwerk stellt sogar eine Straftat dar. Dies ergibt sich aus § 40 Absatz 1 Nr. 3 i.V.m. § 27 Sprengstoffgesetz, es droht eine Geldstrafe oder eine Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren.

Die meisten Bengalfackeln gehören zu den Feuerwerkskategorien T1 oder P1 (Bühnenfeuerwerk / technisches Feuerwerk). Volljährige dürfen sie ganzjährig kaufen. Händler fordern zum Teil eine Verwendungsbestätigung, nach der sie nur für den gesetzlich vorgesehenen Zweck (angemeldete Vorführung, Seenotfall) genutzt werden sollen.

Urteil: Schon das Abbrennen von Bengalos kann strafbar sein


Es gibt durchaus verschiedene Rechtsansichten zu der Frage, ob es schon für sich genommen eine Ordnungswidrigkeit oder Straftat ist, Bengalos in einem Stadion abzubrennen. Einige Gerichte sehen dies jedoch als versuchte gefährliche Körperverletzung an, da sie davon ausgehen, dass der Betreffende die Verletzung anderer Menschen in Kauf nimmt. Das Amtsgericht Hannover verurteilte den Angeklagten hier zu je vier Monaten Freiheitsstrafe für das Abbrennen eines bengalischen Feuers, ausgesetzt auf Bewährung, außerdem zu einer Geldzahlung von 500 Euro an den Kinderschutzbund (Az. 223 Ds 375/14).

Verletzungen durch Bengalos: Straftaten


Kommt es zu nun aber tatsächlich zur Verletzung von Personen, macht sich der Pyrotechnik oder Böller verwendende Fan sehr wahrscheinlich wegen gefährlicher Körperverletzung strafbar. Dies wird damit begründet, dass zur Begehung der Tat ein "gefährliches Werkzeug" eingesetzt oder das Leben einer anderen Person gefährdet wird. Allerdings muss dem Angeklagten ein entsprechender Vorsatz nachgewiesen werden. Ausreichend ist ein bedingter Vorsatz, bei dem zum Beispiel eine Gefährdung anderer Personen in Kauf genommen wird.
Auf eine vollendete gefährliche Körperverletzung nach § 224 des Strafgesetzbuches (StGB) steht eine Freiheitsstrafe von mindestens sechs Monaten bis zu zehn Jahren.

Urteil: Rauchvergiftung von Stadionbesuchern durch Bengalos


Beim Spiel FC Schalke 04 gegen Eintracht Frankfurt am 24.11.2012 wurden durch eine Gruppe von Fans zeitgleich 19 Seenotrettungsfackeln gezündet. Acht unbeteiligte Stadionbesucher erlitten dadurch Rauchvergiftungen, darunter war ein 12-jähriges Kind. Vom Landgericht Essen wurde einer der Täter wegen gefährlicher Körperverletzung, Verstoßes gegen das Versammlungsgesetz und gemeinschaftlicher Sachbeschädigung zu einer Freiheitsstrafe von einem Jahr und sechs Monaten ohne Bewährung verurteilt. Das Oberlandesgericht Hamm bestätigte das Urteil der Vorinstanz (Urteil vom 11.8.2015, Az. 5 RVs 80/15).

Urteil: Giftbeibringung durch Rauchbombe


Einen ganz anderen Straftatbestand fand das Amtsgericht Dortmund. Es verurteilte einen Fan, der bei einem Bundesligaspiel Borussia E gegen Eintracht G aus einer Gruppe heraus eine Rauchbombe gezündet hatte. Diese hatte eine erhebliche Menge an Rauch produziert, der sich auf den kompletten oberen Rängen der Südtribüne ausbreitete und bei vielen Zuschauern zu Gesundheitsstörungen führte. Der Täter wurde wegen gemeinschaftlicher Giftbeibringung in Tateinheit mit einem Verstoß gegen das Sprengstoffgesetz zu einer Freiheitsstrafe von sechs Monaten auf Bewährung verurteilt (Urteil vom 11.7.2005, Az. 73 Ls 163 Js 64/04).

Urteil: Polenböller in den Spielertunnel geworfen


Beim Spiel VfL Osnabrück gegen SC Preußen Münster am 10.9.2011 versuchte ein Mitglied einer "Ultra-Gruppe", einen besonders sprengkräftigen und nicht zugelassenen "Polenböller" in Richtung des gegnerischen Fanblocks zu werfen. Die Aktion war geplant, ein anderer Zuschauer hatte den Böller für ihn in einer Coladose extra eingeschmuggelt.
Der Böller flog durch eine Dachöffnung in den Spielertunnel und detonierte dort mit Entwicklung einer Druckwelle. Er verletzte insgesamt 33 Personen, darunter 17 Polizeibeamte, zwei Sanitäter, einen Notarzt und fünf Kinder. Inzwischen ließ sich der Täter auf der Tribüne feiern.
Die Verletzten trugen Explosionstraumata, Gehörschäden, Brandwunden und Fleischwunden davon. Viele waren wochenlang arbeitsunfähig und erlitten bleibende Gehörschäden. Das Landgericht Osnabrück verurteilte den Täter wegen vorsätzlichen Herbeiführens einer Sprengstoffexplosion in Tateinheit mit gefährlicher Körperverletzung in 33 Fällen zu fünf Jahren Freiheitsstrafe (Urteil vom 23.03.2012, 10 KLs 37/11).

Können Vereine Verbandsstrafen auf Fans abwälzen?


Zum Teil werden Vereine von ihren Verbänden zu Strafen herangezogen, wenn deren Fans Spiele stören oder Schäden oder Körperverletzungen verursachen. Dies gilt auch beim Thema Pyrotechnik. So verhängte der DFB eine Verbandsstrafe gegen den 1. FC Köln wegen verschiedenen Vorfällen, darunter dem Zünden eines Knallkörpers im Stadion, eine Strafe von 50.000 Euro und die Auflage, zusätzliche 30.000 Euro für Projekte der Gewaltprävention und Maßnahmen zur Ermittlung von konkreten Tätern bei den Fußballspielen zu bezahlen. Der Verein versuchte, einen Anteil von 30.000 Euro als Schadensersatz von einem Fan einzuklagen, der Feuerwerkskörper geworfen hatte. Nach verschiedenen Auseinandersetzungen über die Höhe des Betrages wurde der Mann zur Zahlung von 20.340 Euro verurteilt (Bundesgerichtshof, Urteil vom 9.11.2017, Az. VII ZR 62/17).

Praxistipp zu Bengalos etc. im Stadion


Wer im Fußballstadion Pyrotechnik zündet, muss mit strafrechtlichen Folgen rechnen. Die Gerichte sehen es als bekannt an, dass auch Bengalos Rauchvergiftungen und damit eine Körperverletzung verursachen können. Auch eine Schadensersatzforderung ist nicht ausgeschlossen - nicht nur für eine Verbandsstrafe des Fußballvereins, sondern auch durch die geschädigten Personen.
Je nachdem, ob es sich um den Vorwurf einer Straftat oder um eine Zivilklage handelt, kann ein Fachanwalt für Strafrecht oder ein auf das Zivilrecht spezialisierter Anwalt hier der richtige Ansprechpartner sein.

(Wk)



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