Wann ist ein Foul im Fussball eine strafbare Körperverletzung?

09.07.2020, Redaktion Anwalt-Suchservice / Lesedauer ca. 5 Min. (3122 mal gelesen)
Fußballspieler,verletzt Auch der Fußball ist kein rechtsfreier Raum. © fresnel6 - fotolia.com

Fußball ist ein Kontaktsport. Nicht selten geht es dabei auch hart zur Sache. Entsprechend oft kommen Verletzungen vor. Aber: Wer allzu großzügig zutritt, riskiert durchaus rechtliche Folgen.

Kommt es zu einer körperlichen Verletzung, wird gegenüber Mitsportlern oft von einer Klage oder Anzeige abgesehen. Trotzdem ist der Fußballplatz kein rechtsfreier Raum. Wer andere beim Sport verletzt, haftet unter Umständen zivilrechtlich für die Folgen - und kann sich unter Umständen sogar strafbar machen. Ein neues Urteil zu diesem Thema fällte 2020 das Oberlandesgericht Celle.

Foulspiel sorgt für Schlagzeilen


Im September 2016 befasste sich die Presse ausführlich mit dem Foul des Mainz 05-Spielers Rodriguez gegen den Spieler Dominik Kohr vom FC Augsburg. Kohr hatte dadurch eine offene Wunde am Unterschenkel davongetragen, der Unterschenkelknochen lag frei und eine Operation war nötig. Rodriguez bekam die rote Karte. Auch das DFB-Sportgericht befasste sich mit der Angelegenheit und verhängte eine Sperre für Rodriguez für die nächsten fünf Spiele sowie eine Geldstrafe von 10.000 Euro. Staatliche Gerichte wurden jedoch nicht bemüht.

Wann ist ein Foul eine Straftat?


In § 223 Strafgesetzbuch (StGB) ist der Straftatbestand der Körperverletzung geregelt. Nach dieser Vorschrift wird, wer eine andere Person körperlich misshandelt oder an der Gesundheit schädigt, mit einer Freiheitsstrafe bis zu fünf Jahren oder mit einer Geldstrafe bestraft. Streng genommen wäre daher schon ein blauer Fleck beim Fußball bereits eine Körperverletzung. Dies gilt natürlich nur unter der Voraussetzung, dass diese vorsätzlich stattgefunden hat. Für die fahrlässige Körperverletzung gibt es eine Extra-Vorschrift in § 229 StGB. Auch sie ist strafbar. Geahndet wird sie mit einer Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren oder mit einer Geldstrafe.

Aber: Nach § 228 StGB ist eine Körperverletzung nicht strafbar, wenn sie mit Einwilligung des Verletzten stattgefunden hat. Beim Sport geht man grundsätzlich davon aus, dass jeder, der bei einer Sportart mitmacht, bei der Verletzungen vorkommen können, stillschweigend seine Einwilligung erteilt.
Allerdings kann die Tat nach § 228 StGB trotz Einwilligung immer noch rechtswidrig sein, wenn sie gegen die guten Sitten verstößt. Was versteht man nun unter den guten Sitten?

Fußball als Kampfsport


Im Strafrecht wie auch im Zivilrecht unterscheidet man bei den Sportarten solche, die nur nebeneinander ausgeübt werden, wie ein Laufwettbewerb, von solchen, bei denen die Spieler gegeneinander kämpfen. Fußball zählt man zu der zweiten Gruppe. Dabei findet ein Kampf Spieler gegen Spieler statt. Rechtlich wird meist davon ausgegangen, dass eine fahrlässige Körperverletzung auch bei kampfbetonten Sportarten nicht strafbar ist, wenn das für die Verletzung ursächliche Verhalten im Rahmen der Regeln des jeweiligen Sports lag. Kommt es jedoch zu einem groben Regelverstoß, bei dem jemand verletzt wird, macht sich der Betreffende durchaus strafbar. Und hier haben wir auch die Verbindung zu den "guten Sitten".

Neue Entscheidung aus Celle: Körperverletzung durch hartes Foul


Das Oberlandesgericht Celle hat im Juni 2020 in dritter Instanz entschieden, dass ein hartes Foul eine strafbare gefährliche Körperverletzung sein kann.

Eine gefährliche Körperverletzung liegt zum Beispiel vor, wenn eine "das Leben gefährdende Behandlung" stattfindet oder ein gefährliches Werkzeug zum Einsatz kommt. Ein Fußballschuh kann vor Gericht durchaus als ein gefährliches Werkzeug angesehen werden. Immerhin kann er bei einem Tritt erhebliche Verletzungen verursachen. In diesem Fall hatte bereits das Landgericht Hannover als Vorinstanz entschieden, dass ein Fußballschuh mit Kunstoffstollen ein gefährliches Werkzeug ist. Der Spieler wurde daher wegen gefährlicher Körperverletzung verurteilt.

Es ging hier außerdem um Vorsatz. Bei dem Spiel in der Kreisklasse hatte sich eine der Fußballmannschaften vom Schiedsrichter ungerecht behandelt gefühlt und schon mit 1:5 zurückgelegen. Einer der Spieler beging daher ein sogenanntes "Frust-Foul", indem er einen Spieler der anderen Mannschaft verfolgte und ihn dann mit ausgestrecktem Bein und offener Sohle unterhalb des Unterschenkels trat, ohne den Ball zu beachten. Er traf dabei das Standbein des anderen Spielers. Dieser brach sich dadurch das linke Waden- und Schienbein, lag vier Tage im Krankenhaus und war für acht Wochen arbeitsunfähig. Es waren drei Operationen nötig. Das OLG Celle sah hier - wie schon die Vorinstanz - ein vorsätzliches Handeln. Es bestätigte damit das Urteil gegen den Foulspieler und verurteilte diesen wegen gefährlicher Körperverletzung zu einer Geldstrafe von 120 Tagessätzen zu je 40 Euro. Die Tagessätze richten sich dabei nach dem Einkommen des Betreffenden. Ab 90 Tagessätzen gilt man als vorbestraft.

Das Gericht betonte, dass es sich hier um eine Einzelfallentscheidung handle, die auf diese konkrete Situation abgestimmt sei. Nicht jede Verletzung bei einem körperbetonten Sport sei damit pauschal eine Straftat (Beschluss vom 18.6.2020, Az. 36 Ns 97/19).

Hinzuweisen ist darauf, dass es im Regelfall bei gefährlicher Körperverletzung nicht mit einer Geldstrafe getan ist: Darauf stehen nämlich mindestens sechs Monate bis zu zehn Jahre Freiheitsstrafe, in minder schweren Fällen sind es mindestens drei Monate bis fünf Jahre (§ 224 StGB).

Hier fiel das Urteil milder aus und lautete nur auf eine Geldstrafe, da der sogenannte Ausnahmestrafrahmen zur Anwendung kam. Das Landgericht Hannover berücksichtigte in seiner vom OLG Celle bestätigten Entscheidung zu Gunsten des Angeklagten, dass dieser sich noch auf dem Platz um den Verletzten gekümmert hatte und bei ihm geblieben war, bis der Krankenwagen kam. Auch war er nicht vorbestraft, hatte sich nach der ersten Verhandlung bei dem Verletzten entschuldigt und war bereits vom Fußballverband für fünf Monate gesperrt worden. Ebenso berücksichtigte das Gericht, dass das Tragen von Fußballschuhen mit Stollen bei einem solchen Spiel nun einmal unumgänglich ist. Gegen den Angeklagten sprachen jedoch die erheblichen Verletzungsfolgen (Landgericht Hannover, Az. 36 Ns 2864 Js 17334/19).

Körperverletzung: Bestrafung nur mit Strafantrag


Eine Körperverletzung ist ein sogenanntes Antragsdelikt. Das bedeutet, dass die vorsätzliche und die fahrlässige Körperverletzung nur auf einen Strafantrag des Verletzten hin verfolgt werden, soweit nicht die Staatsanwaltschaft ein öffentliches Interesse an der Strafverfolgung sieht.
Oft kommt es jedoch nicht zu einem Strafantrag, weil derartige Fälle intern in der Fußballwelt ausgetragen werden – beispielsweise vor einem nicht staatlichen Sportgericht des Fußballverbandes, dessen Entscheidung sich beide Seiten freiwillig unterwerfen.
Nicht zu den Antragsdelikten gehört jedoch die gefährliche Körperverletzung. Hier ist also kein Strafantrag nötig.

Haftung auf Schadensersatz und Schmerzensgeld


Das OLG Hamm bestätigte vor mehreren Jahren ein zivilrechtliches Urteil aus Bochum, durch das einem verletzten Spieler ein Schadensersatz von 6.000 Euro für Arzt- und Krankenhauskosten zuerkannt wurde. Dabei ging es um eine sogenannte Blutgrätsche - bei dieser grätscht ein Spieler, ohne den Ball zu spielen, in die Beine seines Gegenspielers.
Das OLG Hamm erklärte dazu: Teilnehmer an einem sportlichen Kampfspiel würden Verletzungen in Kauf nehmen, die bei regelgerechtem Verhalten oder leichten Regelverstößen entstehen könnten. Dies gelte sogar für Verhaltensweisen, die sich irgendwo zwischen kampfbetonter Härte und unzulässiger Unfairness bewegten. Aber: Wenn die Grenze zur unzulässigen Unfairness überschritten werde, sei es mit dem stillschweigenden Einverständnis vorbei. In diesem Fall hafte der Verursacher auf Schadensersatz und Schmerzensgeld. Dies treffe im verhandelten Fall zu (OLG Hamm, Az. 34 U 81/05).

Praxistippp


Häufig findet eine Strafverfolgung bei grob regelwidrig verursachten Fußballverletzungen allein deshalb nicht statt, weil kein Strafantrag gestellt wird. Bei erheblichen Trittverletzungen durch Fußballschuhe besteht die Gefahr einer Strafbarkeit wegen gefährlicher Körperverletzung. Es gibt Urteile von Zivilgerichten, bei denen dem Geschädigten erhebliche Schadensersatz- und Schmerzensgeldansprüche zugestanden wurden. Wer sich solchen Ansprüchen ausgesetzt sieht oder selbst verletzt wurde, sollte sich von einem Rechtsanwalt für Zivilrecht beraten lassen. Bei einem Strafverfahren sollte man sich vorzugsweise an einen Fachanwalt für Strafrecht wenden.

(Ma)



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