Schockschaden: Wann gibt es Schmerzensgeld?

06.12.2019, Redaktion Anwalt-Suchservice / Lesedauer ca. 4 Min. (322 mal gelesen)
Notarzt,Krankenwagen Unfall: Angehörige können Anspruch auf Schmerzensgeld haben © Bu - Anwalt-Suchservice

Manchmal sprechen Gerichte ein Schmerzensgeld zu, wenn der Betreffende zwar keine körperlichen Verletzungen erlitten hat, dafür aber einen psychischen Schock. Bei welcher Art von Fällen kommt dies vor?

Ein Schock ist einerseits ein medizinischer Zustand, der häufig beispielsweise Unfallopfer betrifft. Oft geht ein solcher Schock mit einem Kreislaufversagen einher. Andererseits wird unter einem Schock aber auch eine besonders starke seelische Erschütterung verstanden. Eine solche kann etwa jemanden betreffen, der gerade eine tragische Nachricht erhalten oder den Tod eines Angehörigen miterlebt hat. Im letzteren Fall sind unter Umständen Schmerzensgeldansprüche möglich.

Welche Rechtsgrundlage hat ein Anspruch wegen Schockschadens?


Ein Beispiel für einen Schock, der einen solchen Anspruch auslösen kann, ist der Schock durch den Tod oder einen schweren Unfall eines nahen Angehörigen. Denn: Eine solche Nachricht oder das persönliche Miterleben können zu seelischen Problemen oder gar einer dauerhaften Erkrankung führen.
Anerkannt ist schon lange, dass auch für erlittene seelische Schmerzen ein Schmerzensgeld nach dem Bürgerlichen Gesetzbuch (BGB) verlangt werden kann. Hier muss man jedoch genau auf den Einzelfall schauen, denn nicht jede ernste seelische Erschütterung rechtfertigt einen solchen Anspruch. Dementsprechend wenden die Gerichte hier besonders strenge Maßstäbe an. Immerhin erhält normalerweise nach einem Unfall nur derjenige Schadensersatz oder Schmerzensgeld, der selbst dabei war und auch selbst körperlich verletzt wurde. Schmerzensgeld für einen Schockschaden stellt also eine Ausnahme dar.

Unter welchen Voraussetzungen besteht ein Anspruch?


Vor Gericht haben hier nur nahe Angehörige einer bei einem Unfall getöteten oder schwer verletzten Person eine Chance. Ihr Anspruch richtet sich zum Beispiel gegen den Verursacher eines Unfalls.
Eine Voraussetzung ist, dass der durch den Schock Geschädigte über das normalerweise bei einem solchen Ereignis zu erwartende Maß hinaus eine seelische Erschütterung erlitten hat. Seine psychische Reaktion muss also für sich genommen als ein Krankheitszustand anzusehen sein.
Auch der Anlass für den Schock ist maßgeblich. Dieser muss auch aus objektiver Sicht von Dritten nachvollziehbar und nach allgemeiner Ansicht geeignet sein, um eine derartig starke seelische Erschütterung zu verursachen.

Wer gilt als naher Angehöriger?


Als nahe Angehörige werden in diesem Zusammenhang Eltern, Ehepartner oder Kinder angesehen. Wurde ein Freund oder Bekannter bei einem Unfall verletzt, besteht kein Anspruch auf Schmerzensgeld wegen eines Schockschadens.

Beispiel: Das Amtsgericht Oberhausen hat im Jahr 2014 die Klage einer Frau abgewiesen, die miterlebt hatte, wie die mit ihr befreundete Nachbarin von einem Auto angefahren wurde. Die Klägerin selbst hatte sich nur durch einen schnellen Sprung vor dem Überfahrenwerden retten können. Das Gericht sah hier keinen Grund, ein Schmerzensgeld wegen eines Schockschadens zu gewähren (Urteil vom 30.1.2014, Az. 37 C 2749/12).

Urteil: Todesfall mit schweren Folgen


Dagegen gestand das Oberlandesgericht Nürnberg einem Elternpaar in einem älteren Urteil ein Schmerzensgeld zu. Hier waren bei einem tragischen Verkehrsunfall alle drei Kinder des Paares ums Leben gekommen. Die Nachricht vom Tod ihrer Kinder hatte das Leben der Eltern für immer verändert. So musste sich der Vater in teils stationäre psychiatrische Behandlung begeben und war arbeitsunfähig. Die Mutter betreute ihn, hatte jedoch selbst schwerste Depressionen und verlor durch die dauernden krankheitsbedingten Fehlzeiten auch noch ihre Arbeitsstelle. In diesem Fall sprach das Gericht dem Vater 30.000 und der Mutter 20.000 DM Schmerzensgeld zu (Urteil vom 1.8.1995, Az. 3 U 468/95).

Urteil: Gegenteilige Entscheidung


Anders entschied das Oberlandesgericht Hamm. In diesem Fall ging es um eine schwangere Frau, die bei der Nachricht vom Unfalltod ihres Mannes einen Schock erlitten hatte. Das Gericht gestand ihr kein Schmerzensgeld zu. Die von ihr geschilderten Folgen – Schweißausbrüche, Pulsrasen, zitternde Beine und vorübergehende Wehen – lägen noch im Bereich der normalen Trauerreaktion, mit der man bei einer solchen schlimmen Nachricht rechnen müsse (Urteil vom 22.2.2001, Az. 6 U 29/00).

Bundesgerichtshof 2019: Schockschaden bei ärztlichem Kunstfehler


2019 fällte der BGH ein wichtiges Urteil: Ein Schmerzensgeld aufgrund eines Schockschadens kann nicht nur nach einem Unfall gewährt werden, sondern auch nach einer fehlerhaften ärztlichen Behandlung.

Im Fall ging es um einen Mann, bei dessen Routineoperation Komplikationen aufgetreten waren, die eine Entzündung zur Folge hatten. Nach vergeblichem Versuch einer medikamentösen Behandlung wurde eine weitere Operation durchgeführt. Spätere Gutachten ergaben, dass diese zu spät und mit einer falschen Operationstechnik erfolgte. Der Patient einigte sich später mit der Haftpflichtversicherung der Klinik auf eine Abfindung in Höhe von 90.000 Euro.

Aber auch seine Ehefrau ging vor Gericht und machte einen Schockschaden geltend. Dass der einfache Eingriff durch Behandlungsfehler in einen wochenlangen Überlebenskampf ausgeartet sei, habe bei ihr eine schwere Depression mit ausgeprägten psychosomatischen Beschwerden und Angstzuständen hervorgerufen.
Als der Fall vor den BGH kam, war der Mann inzwischen verstorben.
Anders als die Vorinstanzen sah der Bundesgerichtshof in dem Vorfall keinen Ausdruck des "allgemeinen Lebensrisikos". Die psychische Erkrankung der Frau sei durch die Falschbehandlung ihres Mannes ausgelöst worden. Ihr wurde daher ein Schmerzensgeld wegen eines Schockschadens zugesprochen (Urteil vom 21. Mai 2019, Az. VI ZR 299/17).

Kein Schockschaden: Eingeweckte Regenwürmer


Ganz und gar auf Granit biss allerdings ein Familienvater, der einen Schockschaden aus einem ganz anderen Grund geltend machen wollte: Er hatte beim Weihnachtsessen zwei tote Regenwürmer in einem Glas mit eingelegter Paprika gefunden. Er erklärte, dass daraufhin seine ganze Familie unter Brechreiz gelitten habe und man das Weihnachtsessen habe abbrechen müssen.
Das Amtsgericht Aalen wies jedoch seine Klage wegen eines Schockschadens vehement ab: Regenwürmer gehörten zwar - zumindest hierzulande - nicht ins Essen. Trotzdem sei der Anblick eines solchen Tieres weder ungewöhnlich noch besonders schockierend (Urteil vom 16.9.1999, Az. 3 C 811/99).

Praxistipp


Nach neuerer Rechtsprechung kann ein Schockschaden nicht nur bei psychischen Belastungen infolge eines Unfalls geltend gemacht werden, sondern auch bei einem Schock, der durch den Tod oder die schwere Verletzung eines nahen Angehörigen aus anderen Gründen hervorgerufen wurde. In solchen Fällen ist ein auf das Zivilrecht spezialisierter Rechtsanwalt der richtige Ansprechpartner.

(Bu)



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