Kategorie: Zivilrecht

Schockschaden: Wann gibt es Schmerzensgeld?

09.01.2017, Redaktion Anwalt-Suchservice (141 mal gelesen)
Schockschaden: Wann gibt es Schmerzensgeld? © Oliver Boehmer - Fotolia.com
In bestimmten Fällen sprechen Gerichte auch dann ein Schmerzensgeld zu, wenn der Betreffende keine körperlichen Verletzungen erlitten hat, sondern einen Schock. Bei welcher Art von Schock kann man nun einen Anspruch geltend machen?

Was ist ein Schock?
Ein Schock ist einerseits ein medizinischer Zustand, der etwa Unfallopfer betreffen kann. Ein solcher Schock geht meist mit einem Kreislaufversagen einher. Andererseits versteht man unter einem Schock aber auch eine besonders starke seelische Erschütterung. Diese kann zum Beispiel jemanden betreffen, der gerade eine tragische Nachricht erhalten hat. Umgangssprachlich ist man "schockiert", wenn man etwas ganz und gar nicht glauben kann.

Schockschaden rechtlich gesehen
Ein Beispiel für einen Schock, der zu rechtlichen Ansprüchen führen kann, ist der Schock durch den Tod oder einen schweren Unfall eines nahen Angehörigen. Es ist möglich, dass sich aus einer solchen Nachricht oder gar dem Dabeisein bei dem entsprechenden Vorfall seelische Probleme und schließlich auch eine Erkrankung ergeben. Für erlittene seelische Schmerzen kann unter Umständen nach dem Zivilrecht Schmerzensgeld beansprucht werden. Allerdings rechtfertigt nicht jede ernste seelische Erschütterung einen solchen Anspruch. Die Gerichte legen hier strenge Maßstäbe an. Denn normalerweise bekommt nur derjenige Schadensersatz oder Schmerzensgeld, der selbst bei einem Unfall dabei war und körperlich verletzt wurde. Geld für einen Schockschaden ist also eine Ausnahme.

Voraussetzungen
Nur nahe Angehörige einer bei einem Unfall getöteten oder schwer verletzten Person haben eine Chance, vor Gericht gegen den Unfallverursacher Schmerzensgeld wegen eines Schockschadens geltend zu machen. Der durch den Schock Geschädigte muss über das normalerweise bei einem solchen Vorkommnis zu erwartende Maß hinaus seelisch erschüttert worden sein; seine psychische Reaktion muss für sich genommen als Krankheitszustand anzusehen sein. Und schließlich spielt auch der Anlass für den Schock eine Rolle. Dieser muss auch für dritte verständlich und nach allgemeiner Ansicht geeignet sein, um eine solche starke seelische Erschütterung auszulösen.

Was sind nahe Angehörige?
Unter nahen Angehörigen sind hier Eltern, Ehepartner oder Kinder zu verstehen. Keine Chance auf Schmerzensgeld hat jemand, wenn lediglich ein Freund bei einem Unfall verletzt wurde. Das Amtsgericht Oberhausen wies 2014 die Klage einer Frau ab, die dabei gewesen war, als die befreundete Nachbarin von einem Auto angefahren wurde. Die Klägerin hatte sich selbst nur durch einen Sprung retten können. Die Nachbarin war leicht verletzt worden. Hier sah das Gericht keinen Ansatzpunkt für ein Schmerzensgeld wegen eines Schockschadens (Urteil v. 30.01.2014, Az. 37 C 2749/12).

Todesfall mit schweren Folgen
Das Oberlandesgericht Nürnberg gestand einem Elternpaar in einem älteren Urteil ein Schmerzensgeld zu. In diesem Fall waren alle drei Kinder des Paares bei einem tragischen Verkehrsunfall ums Leben gekommen. Die Nachricht darüber hatte das Leben der Eltern für immer verändert. Der Vater musste in psychiatrische Behandlung, auch stationär, und war arbeitsunfähig. Die Mutter betreute ihn, war jedoch selbst durch schwerste Depressionen so angeschlagen, dass sie wegen dauernder krankheitsbedingter Fehlzeiten ihren Job verlor. Der Vater erhielt 30.000, die Mutter 20.000 DM Schmerzensgeld (Urteil vom 1.8.1995, Az. 3 U 468/95).

Gegenteilige Entscheidung
Das Oberlandesgericht Hamm gestand einer schwangeren Frau, die bei der Nachricht vom Unfalltod ihres Mannes einen Schock erlitten hatte, kein Schmerzensgeld zu. Die Folgen – Schweißausbrüche, Pulsrasen, zitternde Beine und vorübergehende Wehen – seien noch im Bereich der normalen Trauerreaktion, mit der bei solch einer schlimmen Nachricht zu rechnen sei (Urteil vom 22.2.2001, Az. 6 U 29/00).

Eingeweckte Regenwürmer
Ganz und gar auf Granit biss ein Familienvater, der einen Schockschaden geltend machen wollte, weil er beim Weihnachtsessen zwei tote Regenwürmer in einem Glas mit eingelegter Paprika gefunden hatte. Angeblich hatte die ganze Familie daraufhin unter Brechreiz gelitten und das Weihnachtsessen abbrechen müssen. Das Amtsgericht Aalen lehnte hier einen Schockschaden vehement ab (Urteil vom 16.9.1999, Az. 3 C 811/99). Zwar gehörten Regenwürmer hierzulande nicht ins Essen, andererseits sei der Anblick eines solchen Tieres weder ungewöhnlich noch besonders schockierend.


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