Schmerzensgeld – oft schmerzhaft wenig

31.05.2016, Redaktion Anwalt-Suchservice (300 mal gelesen)
Schmerzensgeld – oft schmerzhaft wenig © spotmatikphoto - Fotolia.com
Schmerzensgeld soll die nicht materiellen Schäden wiedergutmachen, die jemand durch fremde Schuld erlitten hat. In Deutschland gibt es kein wirklich nachvollziehbares System, um die Höhe des Schmerzensgeldes zu berechnen. In vielen Fällen sprechen die Gerichte Geschädigten nur geringe Beträge zu.

Schmerzensgeld – Sinn und Zweck
Schmerzensgeld soll den immateriellen Schaden ausgeichen, den jemand erlitten hat – also zum Beispiel Schmerzen körperlicher und seelischer Art, Einschränkungen der Beweglichkeit oder der Lebensqualität. Es hat nicht nur die Funktion eines Ausgleichs erlittener Schmerzen, sondern auch die Funktion, dem Verletzten eine Genugtuung zu bieten. Das Zivilrecht regelt den Anspruch auf Schmerzensgeld in § 253 Absatz 2 des Bürgerlichen Gesetzbuches.

Wie wird die Höhe des Schmerzensgeldes berechnet?
Das Gesetz spricht lediglich von einer "billigen Entschädigung in Geld". "Billig" bedeutet so viel wie angemessen. Da es sich nun hier aber gerade um Schäden handelt, die nicht in Geld zu beziffern sind, ist es oft nicht leicht, einen angemessenen Betrag zu bestimmen. Einbezogen werden dabei folgende Kriterien:

- Art und Dauer der Schmerzen (bzw. auch Dauer des Krankenhausaufenthaltes, einer Beweglichkeitseinschränkung, des Tragens einer Halskrause),
- Intensität eines medizinischen Eingriffs (ist eine Operation nötig, um die Gesundheit wiederherzustellen?),
- Folgeschäden (sowohl körperlich als auch psychisch).

Eine besondere Berechnungsformel gibt es nicht. Die Gerichte orientieren sich an sogenannten Schmerzensgeldtabellen, in denen die Beträge aus früheren Gerichtsurteilen zusammengefasst werden. Allerdings ist kein Gericht an Urteile anderer Gerichte gebunden, und jeder Fall ist unterschiedlich. Es können also auch in ähnlichen Fällen ganz unterschiedliche Beträge herauskommen.

Beispiel: Schleudertrauma
Oft erhalten Geschädigte nach einem Schleudertrauma der Halswirbelsäule etwa 600 Euro. Das Amtsgericht München hat allerdings einer bei einem Autounfall verletzten Frau 2.000 Euro zugesprochen, weil sie wochenlang unter Schmerzen litt und arbeitsunfähig war (Urteil vom 29.1.2013, Az. 332 C 21014/12).

Beispiel: Amputation
Eine 11jährige wurde an einer Fußgängerfurt von einer U-Bahn erfasst und verlor ein Bein. Das Oberlandesgericht Düsseldorf gestand ihr 80.000 Euro Schmerzensgeld zu sowie eine lebenslange monatliche Schmerzensgeldrente von 228 Euro (Urteil vom 30.08.2013, Az: 1 U 68/12).

Beispiel: Wachkoma nach Tötungsversuch
Ein 35jähiger Familienvater wurde von einem Arbeitskollegen nach einer Betriebsfeier, auf der beide in Streit geraten waren, absichtlich mit dem Auto überfahren. Er erlitt neben diversen anderen Verletzungen ein Schädel-Hirn-Trauma und fiel dauerhaft ins Wachkoma, eine Heilung war nicht absehbar. Hier wurde ein für deutsche Verhältnisse außergewöhnlich hohes Schmerzensgeld von 500.000 Euro zugesprochen (Oberlandesgericht Oldenburg, Urteil vom 02.09.2014, Az. 12 U 50/14).

Beispiel: Fehlerhafte Geburt
Bei einer Geburt kam es aufgrund eines grob schuldhaft vom Arzt verzögerten Notkaiserschnitts zu einer Sauerstoff-Unterversorgung des Kindes. Dieses war deshalb von Geburt an körperlich und geistig schwerst behindert, blind, im Wachkoma und an eine Atemmaschine angeschlossen. Das Oberlandesgericht Jena bestätigte den "herausragenden" Schmerzensgeldbetrag von 600.000 Euro für einen Schaden, wie er schlimmer nicht denkbar sei (14.8.2009, Az. U 459/09).

Schmerzensgeld wegen Verlust eines nahen Angehörigen
Nahe Angehörige eines Menschen, der zum Beispiel bei einem Unfall ums Leben gekommen ist, erhalten nur im Ausnahmefall Schmerzensgeld. Sie müssen einen sogenannten Schockschaden nachweisen, es muss also durch den Todesfall zu einem nachweisbaren Schock oder Trauma, also zu einem eigenen Gesundheitsschaden, gekommen sein. Beispiel: Das Landgericht Düsseldorf gestand einem Elternpaar, das den Tod des 15jährigen Sohnes mit ansehen musste, gerade einmal 20.000 Euro Schmerzensgeld zu. Der Junge war von der Pumpe eines Hotelpools angesaugt worden, die Eltern hatten ihn nicht befreien können (Az. 3 O 170/04).

Verjährung
Ein Anspruch auf Schmerzensgeld verjährt grundsätzlich in drei Jahren. Die Frist beginnt zum Jahresende des Jahres, in dem der Anspruch entstanden ist und der Geschädigte von den anspruchsbegründenden Umständen erfahren hat. Das bedeutet: Bei unvorhergesehenen Spätfolgen beginnt auch die Verjährungsfrist erst später zu laufen.

Vererblicher Anspruch
Der Anspruch auf Schmerzensgeld ist seit 1990 vererblich. Die Vererblichkeit setzt nicht voraus, dass der Geschädigte vor seinem Tod angekündigt hat, Schmerzensgeld fordern zu wollen. Dies hat der Bundesgerichtshof in Karlsruhe bestätigt (Urteil vom 6.12.1994, Az. VI ZR 80/94).


Gefällt Ihnen dieser Rechtstipp?
Ihre Bewertung:  stern_graustern_graustern_graustern_graustern_grau
Bisher abgegebene Bewertungen:
sternsternsternsternstern  3,8/5 (26 Bewertungen)

Hier finden Sie Anwälte für Zivilrecht an Ihrem Ort (alphabetisch sortiert)
A B C D E F G H I J K L M N O P Q R S T U V W Z Ö

Suche in Rechtstipps

Diese Beiträge könnten Sie auch interessieren:
2017-07-11, Redaktion Anwalt-Suchservice
Wird bei einem Unfall ein Mensch verletzt, kann gegen den Verursacher ein Anspruch auf Schmerzensgeld bestehen. Ob und in welcher Höhe ein solcher Anspruch gerechtfertigt ist, kann ein im Verkehrsrecht erfahrener Rechtsanwalt feststellen.
2017-06-19, Redaktion Anwalt-Suchservice
Ob Hundebiss, Unfall, Arztfehler, Beleidigung oder schwere Straftat: In solchen Fällen wird häufig ein finanzieller Ausgleich in Form von Schmerzensgeld gefordert. Patientenanwalt, Rechtsanwälte und Gerichte werfen dann einen Blick in die Schmerzensgeldtabelle, um die korrekte Höhe zu bestimmen.
Redaktion Anwalt-Suchservice
Opfer einer Straftat haben die Möglichkeit, sich mit der Nebenklage einem Strafverfahren anzuschließen. Auch in Verfahren, in denen kein Zwang zur anwaltlichen Vertretung besteht, haben sie die Möglichkeit sich durch einen Rechtsanwalt im Verfahren vertreten zu lassen – sogenannte Opfervertretung. Eine Opfervertretung kommt außerdem in Betracht, wenn sich der Verletzte einer Straftat eines Zeugenbeistands bedienen oder bereits im Strafverfahren Schadensersatzansprüche und Schmerzensgeldansprüche geltend machen möchte (Adhäsionsverfahren). Eine weitere Möglichkeit der Opfervertretung ist die Geltendmachung von Ansprüchen nach dem Opferentschädigungsgesetz (OEG).
2015-09-30, Redaktion Anwalt-Suchservice
Der Begriff U-Haft ist eine Abkürzung und ist die Kurzform für den Begriff "Untersuchungshaft". Die Untersuchungshaft ist eine Maßnahme im Rahmen der Strafverfolgung, die dazu dient, die Ermittlung einer Straftat zu erleichtern oder überhaupt erst zu ermöglichen.
2014-02-11, Autor Martin Jensch (923 mal gelesen)

Schmerzensgeld- und Ausgleichsansprüche im Überblick Der Wert eines Menschen – Schmerzensgeld- und Ausgleichsansprüche in der Praxis - Schmerzensgeld ist ein weiter Begriff, welcher den gesamten Bereich des Ausgleichs immaterieller Schäden ...

sternsternsternsternstern  3,9/5 (44 Bewertungen)
2014-10-15, Redaktion Anwalt-Suchservice (528 mal gelesen)

Nach körperlichen Verletzungen wird dem Geschädigten oft von deutschen Gerichten neben dem Schadenersatz ein Schmerzensgeld zugesprochen. Es gibt jedoch viele Missverständnisse darüber, wann Anspruch darauf besteht – und in welcher Höhe. ...

sternsternsternsternstern  4,1/5 (31 Bewertungen)
2013-07-22, Autor Hartmut Breuer (1093 mal gelesen)

Wer bei einem fremdverschuldeten Unfall verletzt wird, kann Schmerzensgeld fordern. Wer bei einem fremdverschuldeten Unfall verletzt wird, kann Schmerzensgeld fordern. § 253 Abs. 2 BGB Ist wegen einer Verletzung des Körpers, der Gesundheit, der ...

sternsternsternsternstern  4,1/5 (19 Bewertungen)
Arzthaftung: Augenärztin muss 80.000 Euro Schmerzensgeld zahlen © spotmatikphoto - Fotolia.com
2016-06-28 18:09:10.0, Redaktion Anwalt-Suchservice (200 mal gelesen)

Deutsche Gerichte sind bei der Höhe von Schmerzensgeldern eher zurückhaltend. Immerhin werden Patienten mittlerweile nach Behandlungsfehlern etwas höhere Beträge zugestanden als noch vor einigen Jahren. Das OLG Hamm hat nun einer Augenarzt-Patientin...

sternsternsternsternstern  3,7/5 (17 Bewertungen)
2014-06-25, Redaktion Anwalt-Suchservice (294 mal gelesen)

Beim Kauf eines gebrauchten Fahrzeugs muss dem Käufer mitgeteilt werden, ob das Fahrzeug ein Unfallwagen ist, also einen Schaden aufgrund eines Unfalls erlitten hat. Welche Schäden am Fahrzeug „Unfallschäden“ sind, müssen letztlich immer wieder die...

sternsternsternsternstern  3,0/5 (5 Bewertungen)
weitere Rechtstipps in der Rubrik Zivilrecht weitere Rechtstipps weitere Rechtstipps in der Rubrik Zivilrecht

Suchen Sie hier mit einem

Rechtsthema, z.B.: Kündigung, Scheidung...
Rechtsgebiet, z.B. Arbeitsrecht, Mietrecht...
Qualifikation, z.B. Fachanwalt für...
Name, z.B. Max Mustermann

Suchen Sie hier mit

einer PLZ, z.B.: 10117, 1224,..
oder
einem Ort, z.B.: Berlin, Hamburg...

Suche in Rechtstipps
Cookies helfen uns bei der Bereitstellung unserer Dienste. Durch die Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies setzen.   
Mehr Informationen  |  OK
Durch die Nutzung unserer Dienste, erklären Sie sich mit Cookies einverstanden.    Info
OK