Anzeige wegen Körperverletzung – wie reagieren?

05.06.2020, Redaktion Anwalt-Suchservice / Lesedauer ca. 4 Min. (24075 mal gelesen)
Staatsanwaltschaft Berlin Was muss man zur Anzeige wegen Körperverletzung wissen? © Bu - Anwalt-Suchservice

Mancher Streit eskaliert schnell – gerade wenn Sommerhitze und Alkohol im Spiel sind. Eine körperliche Auseinandersetzung ist schnell passiert. Nach einer Strafanzeige gilt es, schnell richtig zu reagieren.

Mancher meint nur, sich selbst verteidigt zu haben – und wundert sich dann über eine Anzeige wegen Körperverletzung.

Was also ist überhaupt eine strafbare Körperverletzung?


Diese Straftat ist gesetzlich geregelt in § 223 des Strafgesetzbuches (StGB). Demnach gilt es als Körperverletzung, wenn jemand „eine andere Person körperlich misshandelt oder an der Gesundheit schädigt“. Als Misshandlung betrachtet man dabei jede üble, unangemessene Behandlung, die das körperliche Wohlbefinden oder die körperliche Unversehrtheit nicht nur unerheblich beeinträchtigt. Zum Beispiel wird ein Faustschlag ins Gesicht in aller Regel eine Körperverletzung darstellen. Ein Ohrfeige ist der Grenzfall – manchmal wird sie auch lediglich als Beleidigung betrachtet (und geahndet).

Welche Körperverletzungs-Tatbestände gibt es noch?


Weitere Vorschriften beschäftigen sich mit schlimmeren Arten der Tatausführung, also beispielsweise mit
- gefährlicher Körperverletzung (unter Verwendung von Gift, Waffen, Hinterhalt, bei Begehung durch mehrere Personen, Lebensgefahr),
- schwerer Körperverletzung (mit der Folge dauerhafter körperlicher Schäden oder Behinderungen) oder
- Körperverletzung mit Todesfolge.

Zu den Körperverletzungsdelikten zählen außerdem
- Misshandlung von Schutzbefohlenen,
- Verstümmelung weiblicher Genitalien.

Alle diese Varianten haben härtere Strafen zur Folge als die einfache Körperverletzung.

Wie wird die Körperverletzung bestraft?


Eine einfache Körperverletzung wird mit Freiheitsstrafe bis zu fünf Jahren oder mit Geldstrafe bestraft. Bei einer gefährlichen Körperverletzung liegt der Strafrahmen bei mindestens sechs Monaten bis zu zehn Jahren Freiheitsstrafe, in minder schweren Fällen bei einer Freiheitsstrafe von drei Monaten bis zu fünf Jahren. Bei einer schweren Körperverletzung drohen dem Täter ein bis zehn Jahre Freiheitsentzug, bei einer Körperverletzung mit Todesfolge mindestens drei Jahre. Auch eine versuchte Körperverletzung ist strafbar.

Was ist eine Misshandlung von Schutzbefohlenen?


Werden Kinder von ihren Eltern oder Menschen, unter deren Aufsicht sie stehen, misshandelt, ist dies strafrechtlich eine Misshandlung von Schutzbefohlenen. Dies gilt auch für die Misshandlung von Kranken oder gebrechlichen Senioren zum Beispiel durch Pflegepersonal. Geregelt ist dieser Straftatbestand in § 225 StGB.

Schutzbefohlene sind minderjährige, kranke oder gebrechliche Personen, die
- der Fürsorge oder Obhut des Täters unterstehen,
- seinem Haushalt angehören,
- ihm vom Fürsorgepflichtigen (z. B. Eltern, Betreuer) zur Beaufsichtigung überlassen worden sind,
- ihm im Rahmen eines Dienst- oder Arbeitsverhältnisses unterstellt sind (z. B. Praktikanten, Auszubildende).

Wer diese Personen quält, roh misshandelt oder ihre Gesundheit durch böswillige Vernachlässigung seiner Pflicht, für sie zu sorgen, schädigt, macht sich strafbar.

Das Strafmaß liegt hier bei einer Freiheitsstrafe von sechs Monaten bis zu zehn Jahren. Bei Lebensgefahr, Gefahr von schweren Gesundheitsschäden und schweren Schäden in der Entwicklung eines Minderjährigen beträgt die Mindeststrafe ein Jahr. In minder schweren Fällen sind geringere Strafen möglich, aber immer mit Mindesthaftstrafen von drei bis sechs Monaten.

Verstümmelung weiblicher Genitalien


Dieser Tatbestand wurde 2013 eingeführt. Strafbar sind sämtliche Varianten der Verstümmelung äußerer weiblicher Geschlechtsorgane bzw. der sogenannten Beschneidung bei Frauen. Die Mindeststrafe liegt bei einem Jahr Freiheitsstrafe. In minder schweren Fällen können es allerdings auch sechs Monate bis fünf Jahre Freiheitsstrafe sein.

Was ist eine fahrlässige Körperverletzung?


Eine Körperverletzung kann sogar strafbar sein, wenn sie nicht vorsätzlich, sondern fahrlässig erfolgt ist. Wird also jemand verletzt, weil ein anderer notwendige Sorgfaltspflichten außer Acht lässt, riskiert dieser eine Geldstrafe oder eine Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren.

Was ist ein Strafantrag und wann ist er nötig?


Umgangssprachlich ist oft von der „Strafanzeige“ die Rede. Hier muss man aber unterscheiden: Mit einer Strafanzeige informiert jemand die Polizei lediglich über ein möglicherweise strafbares Verhalten. Sie muss nicht durch den Geschädigten erfolgen. Es ist Sache der Ermittlungsbehörden, inwieweit sie daraufhin Schritte einleiten.
Ein Strafantrag dagegen ist bei bestimmten Straftaten eine gesetzliche Voraussetzung dafür, dass die Behörden überhaupt ein Verfahren einleiten. Dies betrifft auch einige Körperverletzungsdelikte: So werden eine einfache Körperverletzung nach § 223 StGB und eine fahrlässige Körperverletzung nach § 229 StGB nur auf einen Strafantrag des Opfers hin verfolgt – oder, wenn die Staatsanwaltschaft ein besonderes öffentliches Interesse für die Strafverfolgung sieht. Meist muss der Betroffene also einen Strafantrag stellen, damit eine Strafverfolgung stattfindet.
Bei Straftaten gegen Amtsträger im öffentlichen Dienst, Polizisten, Soldaten oder Amtsträger von Religionsgemeinschaften kann auch deren Dienstvorgesetzter Strafantrag stellen, solange die Tat etwas mit dem Dienst oder Beruf des Betroffenen zu tun hat.

Wechselseitige Körperverletzung


Häufig kommt es vor, dass sich im Rahmen einer Schlägerei beide Kontrahenten als Opfer einer Körperverletzung ansehen. Dann stellen beide Strafantrag gegen den jeweils anderen. In solchen Fällen muss das Gericht dann genau prüfen, ob ein sogenannter Rechtfertigungsgrund für einen der beiden spricht – etwa Notwehr. Denn dann hätte der Betreffende nicht rechtswidrig gehandelt und sich nicht strafbar gemacht. Wenn es im Rahmen einer Schlägerei mit mehreren Beteiligten zu einer schweren Körperverletzung oder zum Tod eines Menschen kommt, wird auch ein bloßer Teilnehmer mit einer Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren oder einer Geldstrafe bestraft (§ 231 StGB).

Wie reagieren?


Oft werden Ermittlungsverfahren wegen Körperverletzung eingestellt, wenn der Täter sich beim Geschädigten entschuldigt oder es sich um gegenseitige Körperverletzung gehandelt hat. Notwehr kann ebenfalls ein gutes Argument sein. Empfehlenswert ist eine anwaltliche Beratung in frühem Stadium. Keinesfalls sollten bei einer polizeilichen Vernehmung Angaben gemacht werden, ohne zuvor mit einem Strafverteidiger gesprochen zu haben. Denn: Unbedachte Aussagen lassen sich oft in einem gerichtlichen Strafverfahren nicht mehr rückgängig machen.

Strafrecht und Zivilrecht – zwei verschiedene paar Schuhe


Eine Körperverletzung hat oft nicht nur ein Ermittlungs- bzw. Strafverfahren zur Folge, sondern auch eine Klage des Geschädigten auf Schmerzensgeld und/oder Schadenersatz nach dem Zivilrecht.
Hier ist es wichtig, beide Rechtsgebiete auseinander zu halten. Beide finden vor unterschiedlichen Gerichten statt. Oft erfolgt das Zivilverfahren erst, nachdem im Ermittlungs- oder Strafverfahren eine Entscheidung gefallen ist.

Hat die Staatsanwaltschaft das Ermittlungsverfahren nach § 170 Absatz 2 der Strafprozessordnung eingestellt (weil man keinen ausreichenden Anlass für ein Strafverfahren gesehen hat) hat der Geschädigte meist nur wenig Chancen bei der Schmerzensgeldklage vor einem Zivilgericht. Dies gilt ebenso bei einem Freispruch im gerichtlichen Strafverfahren. Erfolgt die Einstellung nach § 153 StPO (Geringfügigkeit), sind die Erfolgschancen sehr vom Einzelfall abhängig.
Wenn allerdings jemand wegen einer Körperverletzung strafrechtlich verurteilt wurde, steht einer Zivilklage auf Schmerzensgeld meist wenig im Wege.

Praxistipp


Wer wegen einer Körperverletzung strafrechtlich belangt wird oder sich Ermittlungen ausgesetzt sieht, sollte so bald wie möglich einen auf das Strafrecht spezialisierten Rechtsanwalt aufsuchen. Ohne die Beratung durch einen Strafverteidiger können bei Vernehmungen durch die Polizei Fehler gemacht werden, die das ganze weitere Verfahren beeinflussen.

(Wk)



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