Wildunfall – wer haftet?

06.11.2019, Redaktion Anwalt-Suchservice / Lesedauer ca. 5 Min. (634 mal gelesen)
Wildunfall – wer haftet? © Bu - Anwalt-Suchservice

Alljährlich kommt es in Deutschland zu tausenden Verkehrsunfällen mit Wildschweinen, Rehen und anderen Wildtieren. Was muss man nach einem Wildunfall beachten und wer trägt den Schaden?

Im Jahr 2017 wurden den deutschen Versicherungen nach Auskunft des Versicherungsverbandes GDV 275.000 Wildunfälle gemeldet - eine neue Rekordzahl. Diese Zahl steigt derzeit leider von Jahr zu Jahr. Gerade im Herbst begegnen Autofahrer besonders häufig auf der Fahrbahn Rehen, Hirschen oder Wildschweinen. Für Auto- und noch mehr für Motorradfahrer können die Folgen einer Kollision lebensgefährlich sein. Die meisten Autofahrer machen sich allerdings trotzdem wenig Gedanken darüber, was in einem solchen Fall zu tun ist – bis es dann tatsächlich passiert. Hier geben wir einige Tipps zum Verhalten nach einem Wildunfall und zur Schadensabwicklung mit der Versicherung.

Wo droht Gefahr durch Wild?


Bekannte Wildwechsel sind häufig ausgeschildert. Meist ist die Beschilderung ein Zeichen dafür, dass es an dieser Stelle schon mehrmals Wildunfälle gegeben hat. Aber auch an nicht gekennzeichneten Stellen besteht die Gefahr, dass Wildtiere Straßen überqueren. Generell ist besondere Vorsicht geboten in der Morgen- und Abenddämmerung und in den dunklen Jahreszeiten Herbst und Winter. Besonders gefährlich sind Straßen, die durch Wälder führen oder Alleen durch Feld- und Wiesengelände. Gerade bei schlechten Sichtverhältnissen ist hier zu angepasster Geschwindigkeit und vorausschauender Fahrweise zu raten. Die meisten Unfälle gibt es mit Rehwild.

Wie verhält man sich nach einem Wildunfall?


Wenn es zu einem Unfall mit einem Wildtier gekommen ist, gilt grundsätzlich wie bei jedem anderen Unfall: Fahren Sie nicht einfach weiter. Denn:

- Der eigene Versicherungsschutz ist in Gefahr, wenn der Wildunfall nicht vorschriftsmäßig aufgenommen wird und es keine Belege über den Unfall gibt,
- wer ein Wirbeltier ohne vernünftigen Grund tötet oder ihm länger andauernde Schmerzen zufügt, macht sich strafbar nach § 17 Tierschutzgesetz. Dies kann zum Beispiel der Fall sein, wenn man ein verletztes Tier nicht waidgerecht selbst tötet oder es verletzt am Straßenrand liegenlässt.
- Ein totes Tier kann eine Gefahr für andere Verkehrsteilnehmer sein.

Richtig ist es vielmehr, anzuhalten und die Unfallstelle zu sichern sowie danach am Unfallort zu bleiben und die Polizei zu verständigen. Diese nimmt dann den Wildunfall auf und verständigt den zuständigen Jäger oder Jagdpächter, der dann für das tote oder verletzte Tier zuständig ist.
Vom eigenen Umgang mit verletzten Tieren ist eher abzuraten. Diese können durchaus in Schmerz oder Panik beißen oder ausschlagen und dabei Verletzungen verursachen.
Melden sollte man den Unfall auch dann, wenn ein Tier danach verletzt geflüchtet ist. Denn so kann der zuständige Jäger es suchen, feststellen, wie schwer seine Verletzungen sind und ihm, wenn erforderlich, den Gnadenschuss geben.

Muss man einen Wildunfall melden?


Eine Reihe von Bundesländern haben eine gesetzliche Meldepflicht für Wildunfälle. Geregelt ist diese in den jeweiligen Landesjagdgesetzen. Keine derartigen Regelungen gibt es in Berlin, Bremen, Hamburg, Nordrhein-Westfalen und Niedersachsen. Wer in den übrigen Bundesländern einen Wildunfall nicht meldet, begeht eine Ordnungswidrigkeit und riskiert ein Bußgeld.

Wildgulasch a la rue - Achtung: strafbare Wilderei


Rechtlich unzulässig und auch nicht ratsam ist es, das verunfallte Tier in den Kofferraum zu packen und zu Hause als Abendessen auf den Tisch zu bringen. Immerhin können Wildtiere auf den Menschen übertragbare Krankheiten haben, wie beispielsweise Tollwut.
Autofahrer machen sich hier zudem wegen Wilderei strafbar. Jagdwilderei liegt nach § 292 des Strafgesetzesbuches (StGB) immer vor, wenn jemand sich eine Sache zueignet, die dem Jagdrecht unterliegt. Dies wäre zum Beispiel der Fall, wenn man ein totes Tier, das zum Jagdwild gehört, einfach mitnimmt. Es spielt für die Strafbarkeit keine Rolle, ob das Tier geschossen bzw. absichtlich getötet wurde oder durch einen Unfall umgekommen ist. Bestraft wird dieses Delikt mit einer Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren oder einer Geldstrafe. In mehreren Bundesländern verbietet zusätzlich das jeweilige Landesjagdgesetz das Mitnehmen von Wildtieren, die bei einem Unfall getötet wurden.

Muss der Jagdpächter Schadensersatz leisten?


Einem hartnäckigen Gerücht zufolge muss der zuständige Jagdpächter für den Unfallschaden durch Wild aufkommen. Dies entspricht jedoch nicht den Tatsachen. Es gibt aber eine Ausnahme: Der Jagdpächter haftet für Schäden, wenn er eine Treibjagd quer über eine Bundesstraße veranstaltet hat, ohne die nötigen Sicherungsmaßnahmen zu treffen.
Der Jagdpächter kann umgekehrt auch keinen Schadensersatzanspruch gegen den Autofahrer geltend machen. Er hat auch keinen Anspruch auf Gebühren für die Beseitigung des Tierkörpers.

Muss man nach einem Wildunfall die Straßenreinigung zahlen?


Das Niedersächsische Oberverwaltungsgericht hat in drei Fällen entschieden, dass Autofahrer nach einem Wildunfall keine Zahlungen an die Straßenverkehrsbehörde leisten müssen, weil diese das tote Tier durch eine Fachfirma hat entsorgen lassen. Die Behörde hatte den Autofahrern hier Kosten von knapp 400 Euro berechnet. Das Gericht erklärte, dass erstens keine Verunreinigung der Straße im Sinne der entsprechenden Landesgesetze vorgelegen habe. Zweitens könne eine Person, die nicht zur Reinigung von Straßen verpflichtet sei, auch nicht zur Zahlung von Straßenreinigungskosten herangezogen werden (Urteil vom 20.11.2017, Az. 7 LC 34/17, 7 LC 35/17 und 7 LC 37/17).

Welche Versicherung zahlt den entstandenen Schaden?


Wenn keine anderen menschlichen Verkehrsteilnehmer geschädigt wurden, hat die Haftpflichtversicherung nichts mit der Sache zu tun.
Wildschäden am eigenen Auto trägt in der Regel die Kaskoversicherung – wenn man eine besitzt. Als Wildunfall gelten für die Versicherung Unfälle mit Haarwild, also mit Rehen, Hirschen, Wildschweinen, Hasen, Füchsen oder Gämsen. Meist deckt die Teilkasko solche Unfälle ab. Übrigens muss es sich bei diesem Haarwild auch um Jagdwild handeln, denn sonst wird die Teilkaskoversicherung eine Übernahme des Wildschadens ablehnen. Dies bestätigte das Landgericht Coburg: Das Gericht lehnte eine Einstandspflicht der Teilkasko bei einem Zusammenstoß mit einem Eichhörnchen ab (Az. 23 O 256/09).

Häufig deckt die Vollkasko zusätzliche Tierarten ab. Verschiedene Versicherungsgesellschaften haben ihren Versicherungsschutz auch in der Teilkasko auf weitere Tiere ausgedehnt, etwa auf manche Nutztiere wie Rinder, Pferde und Ziegen. Hier empfiehlt sich ein Blick in die Versicherungspolice.
Die Kaskoversicherung zahlt jedoch nur dann, wenn das Auto bei dem Unfall in Bewegung war - also nicht, wenn es beim Parken von einem Elch gerammt wurde.

Teilkasko und Vollkasko


Bei der Teilkasko ist der Autofahrer dafür beweispflichtig, dass es sich um einen Wildunfall gehandelt hat. Für den Versicherungsschutz ist also eine entsprechende Bestätigung der Polizei oder des Jagdpächters wichtig, am besten kombiniert mit zusätzlichen Beweisen wie Fotos. Bei einer Vollkaskoversicherung hat der Autofahrer nicht in allen Fällen zu beweisen, dass er einen Wildunfall hatte (Oberlandesgericht Hamm, Az. 20 U 134/07). Eine Beweissicherung ist jedoch trotzdem unbedingt zu empfehlen!

Was muss man zu Ausweichunfällen wissen?


Für Probleme sorgen oft Ausweichunfälle, bei denen es nicht zu einem Zusammenprall zwischen Auto und Tier kommt - das Auto aber trotzdem im Straßengraben landet. Denn: Hier kann der Fahrer oft schwer beweisen, dass es sich um einen Wildunfall gehandelt hat. Gerade die Teilkasko zahlt hier häufig nicht.
Das Oberlandesgericht Saarbrücken hat allerdings entschieden, dass auch die Teilkasko grundsätzlich zahlen muss, wenn die Ausweich-Reaktion des Fahrers nicht reflexartig erfolgt ist und der Größe des Tieres angemessen war. Denn: Je größer das Tier ist, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit für erhebliche Verletzungen der Fahrzeuginsassen. Ist die Größe des Tieres nicht feststellbar, verringert sich die Kostentragung des Versicherers dem Urteil zufolge auf 50 Prozent (Urteil vom 26.1.2011, Az. 5 U 356/10).

Was gilt beim Ausweichen wegen Kleintieren?


Viele Versicherer verweigern bei Ausweichunfällen durch Kleintiere die Zahlung, da hier das Schadensrisiko beim Überfahren geringer ist als beim Ausweichen. Aber: Dies gilt nur außerhalb geschlossener Ortschaften. Auch gibt es durchaus Gerichtsurteile, die zum Beispiel ein Ausweichen vor einem Fuchs nicht als grob fahrlässig betrachten, sodass die Versicherung zahlen muss (Bundesgerichtshof, Urteil vom 11.7.2007, Az. XII ZR 197/05). Das höchste deutsche Zivilgericht sah hier das Ausweichen als natürliche Reaktion des Autofahrers an.

Praxistipp


Besonders in der dunklen Jahreszeit ist es wichtig, auf Wildtiere zu achten und in ländlichen Gegenden vorsichtig zu fahren. Wenn die Versicherung nach einem Wildunfall nicht zahlen will, kann ein Fachanwalt für Versicherungsrecht helfen. Ansonsten ist ein Fachanwalt für Verkehrsrecht der geeignete Ansprechpartner.

(Wk)



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