Wildschaden / Wildunfall: Haftung und Beweislast bei Teilkasko und Vollkasko

15.10.2020, Redaktion Anwalt-Suchservice / Lesedauer ca. 6 Min. (4906 mal gelesen)
Schild,Wildwechsel Wer haftet nach dem Unfall mit einem Wildtier? © Bu - Anwalt-Suchservice

In jedem Jahr wieder kommt es in Deutschland zu tausenden Verkehrsunfällen mit Wildschweinen, Rehen und anderen Wildtieren. Was ist nach einem Wildunfall zu beachten und wer zahlt den Schaden?

Im Jahr 2018 haben die deutschen Versicherungen nach Auskunft des Versicherungsverbandes GDV 268.000 Wildunfälle registriert. Die meisten Wildunfälle passieren zwischen April und Mai sowie zwischen Oktober und Dezember. Im Frühjahr droht erhöhte Gefahr besonders durch Wildschweine mit Frischlingen, im Herbst sind es eher Hirsche in der Brunftzeit, die für Unfälle sorgen.
Für Auto- und besonders auch für Motorradfahrer können die Folgen einer Kollision lebensgefährlich sein. Trotzdem machen sich die meisten Verkehrsteilnehmer wenig Gedanken darüber, was bei einem Wildunfall zu tun ist – bis es dann tatsächlich passiert. Hier haben wir einige Tipps zum Verhalten nach einem Wildunfall und zur Schadensabwicklung mit der Versicherung zusammengestellt.

Wo droht Gefahr durch Wild?


Oft sind bekannte Wildwechsel ausgeschildert. Eine solche Beschilderung ist meist ein Zeichen dafür, dass es an dieser Stelle schon mehrfach Wildunfälle gegeben hat. Auch an nicht gekennzeichneten Stellen besteht jedoch die Gefahr, dass Wildtiere Straßen überqueren. Besonders gefährlich sind Straßen durch Wälder oder Alleen durch Feld- und Wiesengelände. Besonders bei schlechten Sichtverhältnissen ist hier eine angepasste Geschwindigkeit und vorausschauende Fahrweise zu empfehlen.

Wie verhält man sich nach einem Wildunfall?


Ist es zu einem Unfall mit einem Wildtier gekommen, gilt zunächst wie bei jedem anderen Unfall: Nicht einfach weiterfahren. Denn:

- Wird der Wildunfall nicht vorschriftsmäßig aufgenommen, ist der eigene Versicherungsschutz in Gefahr. Versicherungen verlangen Belege für einen Wildunfall.
- Wer ein Wirbeltier ohne vernünftigen Grund tötet oder ihm länger andauernde Schmerzen zufügt, macht sich gemäß § 17 Tierschutzgesetz strafbar. Dies steht im Raum, wenn man zum Beispiel ein verletztes Tier nicht waidgerecht selbst tötet oder es verletzt am Straßenrand zurücklässt.
- Ein totes Tier kann eine Gefahr für andere Verkehrsteilnehmer darstellen.

Das richtige Verhalten besteht vielmehr darin, anzuhalten, die Unfallstelle zu sichern, die Polizei zu verständigen und anschließend am Unfallort zu warten. Die Polizei nimmt den Wildunfall auf und benachrichtigt den zuständigen Jäger oder Jagdpächter, der dann für das tote oder verletzte Tier zuständig ist.
Abzuraten ist vom eigenen Umgang mit verletzten Tieren. Denn: Diese können durchaus in Schmerz oder Panik ausschlagen oder beißen und den Menschen verletzen.
Auch wenn ein Tier nach einem Unfall verletzt geflüchtet ist, sollte man den Vorfall melden. So kann der zuständige Jäger es suchen, die Schwere seiner Verletzungen feststellen und ihm, wenn erforderlich, den Gnadenschuss geben.

Muss man einen Wildunfall melden?


In allen Bundesländern außer Berlin, Bremen, Hamburg, Nordrhein-Westfalen und Niedersachsen gibt es eine gesetzliche Meldepflicht für Wildunfälle. Diese ist in den Landesjagdgesetzen festgelegt. Es stellt dort also eine bußgeldpflichtige Ordungswidrigkeit dar, einen Wildunfall nicht zu melden.

Wildgulasch a la rue - Achtung: strafbare Wilderei


Weder erlaubt noch ratsam ist es, das verunfallte Tier in den Kofferraum zu packen und zu Hause als Abendessen auf den Tisch zu bringen. Wildtiere können auf den Menschen übertragbare Krankheiten haben, wie zum Beispiel Tollwut, Hepatitis E, Brucellose, Tularämie.
Außerdem machen sich Autofahrer wegen Wilderei strafbar. Eine Jagdwilderei liegt nach § 292 des Strafgesetzesbuches (StGB) immer dann vor, wenn jemand sich eine Sache aneignet, die dem Jagdrecht unterliegt. Dieser Tatbestand ist erfüllt, wenn man ein totes Tier einfach mit nach Hause nimmt, das zum Jagdwild gehört. Für die Strafbarkeit spielt es keine Rolle, ob das Tier geschossen wurde oder durch einen Unfall umgekommen ist. Die Wilderei wird mit einer Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren oder einer Geldstrafe geahndet. In einigen Bundesländern ist das Mitnehmen von verunfallten toten Wildtieren zusätzlich durch das jeweilige Landesjagdgesetz verboten.

Muss der Jagdpächter Schadensersatz leisten?


Ein hartnäckiges Gerücht besagt, dass der zuständige Jagdpächter für einen Unfallschaden durch Wild aufkommen muss. Nur entspricht dies nicht den Tatsachen. Eine Ausnahme aber gibt es: Der Jagdpächter haftet für Schäden, zu denen es kommt, weil er eine Treibjagd quer über eine Bundesstraße veranstaltet hat, ohne die erforderlichen Sicherungsmaßnahmen zu treffen.
Umgekehrt kann der Jagdpächter auch keinen Schadensersatz von einem Autofahrer verlangen, der ein Wildtier überfahren hat. Er hat auch keinerlei Anspruch auf Gebühren für die Beseitigung des Tierkörpers.

Muss man nach einem Wildunfall die Straßenreinigung zahlen?


In drei Fällen hat das niedersächsische Oberverwaltungsgericht entschieden, dass Autofahrer nach einem Wildunfall nicht für die Entsorgung des toten Tiers durch eine Fachfirma zahlen müssen. Geklagt hatte die Straßenverkehrsbehörde, die den Autofahrern jeweils knapp 400 Euro in Rechnung gestellt hatte.
Das Gericht führte aus, dass hier keine Verunreinigung der Straße im Sinne der entsprechenden Landesgesetze vorgelegen habe. Auch könne man eine Person, die selbst nicht zur Reinigung von Straßen verpflichtet sei, nicht zur Zahlung von Straßenreinigungskosten heranziehen (Urteil vom 20.11.2017, Az. 7 LC 34/17, 7 LC 35/17 und 7 LC 37/17).

Welche Versicherung zahlt den entstandenen Schaden?


Wurden keine anderen menschlichen Verkehrsteilnehmer geschädigt, hat die Haftpflichtversicherung mit der Sache nichts zu tun.
Wildschäden am eigenen Auto werden in der Regel von der Kaskoversicherung getragen – wenn man eine hat. Die Versicherungen sehen als Wildunfälle Kollisionen mit Haarwild an, also mit Rehen, Hirschen, Wildschweinen, Hasen, Füchsen oder Gämsen. Solche Unfälle sind meist durch die Teilkasko abgedeckt. Eine weitere Voraussetzung ist jedoch, dass es sich um Jagdwild handelt. Dies wurde auch durch das Landgericht Coburg bestätigt: Das Gericht lehnte eine Einstandspflicht der Teilkaskoversicherung bei einem Zusammenstoß mit einem Eichhörnchen ab (Az. 23 O 256/09).

Eine Vollkaskoversicherung deckt oft zusätzliche Tierarten ab. Einige Versicherungsgesellschaften haben ihren Versicherungsschutz auch in der Teilkasko auf weitere Tiere ausgedehnt, so zum Beispiel auf manche Nutztiere wie Rinder, Pferde und Ziegen. Anzuraten ist hier ein Blick in die Versicherungspolice.
Übrigens: Eine Kaskoversicherung zahlt nur dann, wenn das Auto bei dem Unfall in Bewegung war - also nicht, wenn es beim Parken von einem Elch attackiert wurde.

Teilkasko und Vollkasko: Unterschiede bei der Beweislast


Bei der Teilkasko ist der Autofahrer beweispflichtig dafür, dass es sich tatsächlich um einen Wildunfall gehandelt hat. Versicherungsschutz besteht also nur mit einer entsprechenden Bestätigung der Polizei oder des Jagdpächters. Zu empfehlen sind zusätzliche Beweise wie etwa Fotos. Haar- und Blutreste am Fahrzeug können von Sachverständigen untersucht und einer Tierart zugeordnet werden.

Bei einer Vollkaskoversicherung gilt: Argumentiert der Versicherer, dass kein Wildschaden vorliegt (weil zum Beispiel keine Blut- und Haarreste von Wild am Auto gefunden werden) kann der Versicherer leistungsfrei werden, weil der Kunde eine "Aufklärungsobliegenheit" verletzt hat (indem er gelogen hat). Dazu muss jedoch der Versicherer eindeutig beweisen, dass es kein Wildunfall war. Ist also kein eindeutiger Beweis zu erbringen, muss die Vollkasko zahlen (Oberlandesgericht Hamm, Urteil vom 20.2.2008, Az. 20 U 134/07).

Für Verkehrsteilnehmer empfiehlt sich bei Wildunfällen immer eine Beweissicherung. Im Fall des OLG Hamm ging es um einen fünfstelligen Schaden.

Ein weiterer Unterschied zwischen beiden Versicherungsarten ist übrigens, dass bei einer Vollkaskoversicherung im Rahmen der Schadensabwicklung mit einem Verlust des Schadenfreiheitsrabattes gerechnet werden muss - in der Teilkaskoversicherung dagegen nicht, da es diesen dort nicht gibt.

Was muss man zu Ausweichunfällen wissen?


Manchmal landet ein Auto im Straßengraben, obwohl es gar nicht zu einem Zusammenprall zwischen Auto und Wildtier gekommen ist. Dies kommt oft vor, wenn der Fahrer - vielleicht ganz instinktiv - versucht hat, auszuweichen. In solchen Fällen kann der Fahrer den Wildunfall nur schwer beweisen. Besonders die Teilkasko zahlt dann häufig nicht.

Nach einer Entscheidung des Oberlandesgerichts Saarbrücken muss jedoch auch die Teilkasko grundsätzlich zahlen. Voraussetzung: Die Ausweich-Reaktion des Fahrers ist nicht reflexartig erfolgt und war der Größe des Tieres angemessen. Je größer ein Tier nämlich ist, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit für erhebliche Verletzungen der Fahrzeuginsassen. Wenn die Größe des Tieres nicht mehr feststellbar ist, reduziert sich die Kostentragung des Versicherers dem Urteil zufolge auf 50 Prozent (Urteil vom 26.1.2011, Az. 5 U 356/10).

Was gilt beim Ausweichen wegen Kleintieren?


Bei Ausweichunfällen mit Kleintieren verweigern viele Versicherer die Zahlung, da hier das Schadensrisiko beim Überfahren geringer ist als beim Ausweichen. Aber Vorsicht: Dies gilt nur außerhalb geschlossener Ortschaften. Auch gibt es durchaus Gerichtsurteile, die beispielsweise ein Ausweichen vor einem Fuchs nicht als grob fahrlässig ansehen, sodass die Versicherung zahlen muss (Bundesgerichtshof, Urteil vom 11.7.2007, Az. XII ZR 197/05). Das höchste deutsche Zivilgericht betrachtete hier das Ausweichen als natürliche Reaktion des Autofahrers.

Praxistipp


Gerade in der dunklen Jahreszeit ist es wichtig, auf Wildtiere zu achten und besonders in ländlichen Gegenden vorsichtig zu fahren. Will die Kaskoversicherung nach einem Wildunfall nicht zahlen, sollte man den Rat eines Fachanwalts für Verkehrsrecht suchen.

(Bu)



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