Wirecard-Insolvenz: Haben Aktionäre eine Chance auf Schadensersatz?

26.06.2020, Redaktion Anwalt-Suchservice / Lesedauer ca. 6 Min. (558 mal gelesen)
Chart,Absturz Wirecard: Nach langem Höhenflug folgt nun der Zusammenbruch. © Bu - Anwalt-Suchservice

Das insolvente DAX-Unternehmen Wirecard steht unter dem Verdacht, seine Bilanzen manipuliert zu haben. Die Aktie befindet sich im Sturzflug. Welche Rechte haben nun die Anleger?

Wirecard nimmt als Zahlungsdienstleister bei Onlinegeschäften und an Ladenkassen bargeldlose Zahlungen von Kunden an und leitet diese an die jeweiligen Händler weiter. Zeitungsberichten zufolge hat sich der deutsche Zahlungsdienstleister in puncto Bilanzierung nicht regelkonform verhalten. Nun wurde dem DAX-Unternehmen das Testat der Wirtschaftsprüfer zum Jahresabschluss verweigert. 1,9 Milliarden Euro sind auf asiatischen Treuhandkonten verschwunden, wahrscheinlicher ist, dass der Betrag nie existiert hat. Das Unternehmen hat nun Insolvenz angemeldet. Wie ist der Wissensstand über die Vorgänge und welche Rechte haben geschädigte Aktionäre?

Wirecard - eine Chronologie der Ereignisse


Der Wirecard-Skandal beginnt mit einem Bericht in der Financial Times am 30. Januar 2019. Da geht es um Geldwäsche, um gefälschte Verträge durch einen wichtigen Mitarbeiter in Singapur. Weitere Berichte über Straftaten in Singapur folgen - und eine Durchsuchung der dortigen Büros durch die Behörden. Mit jedem Zeitungsbericht sinkt der Wert der Aktien. Während in den USA bereits erste Rufe nach einer Sammelklage von Aktionären laut werden, verklagt Wirecard die Financial Times und weist alle Vorwürfe weit von sich. Einen Gerichtstermin lässt Wirecard jedoch platzen.

Die Zeitung beauftragt eine Anwaltskanzlei mit einer Untersuchung der eigenen Arbeit. Das Ergebnis: Die "FT" hat nicht mit sogenannten Shortsellern zusammengearbeitet, also Spekulanten, die auf fallende Kurse einer Aktie wetten. Allerdings läuft in dieser Sache auch noch ein Ermittlungsverfahren der Staatsanwaltschaft München. Dieses beruht auf der Strafanzeige eines Anlegers gegen die Zeitung. Der Staatsanwaltschaft wurde in diesem Zusammenhang ein offenbar abgehörtes oder mitgeschnittenes Gespräch zwischen einem sogenannten Shortseller und weiteren Personen übergeben, die offenbar im Vorfeld von einem negativen Artikel der Financial Times wussten und nun mit Millionenbeträgen auf fallende Kurse wetten wollten.

Im Oktober 2019 beauftragt Wirecard das Wirtschaftsprüfungsunternehmen KPMG mit einer außerplanmäßigen Prüfung. Der Bericht wird im April 2020 veröffentlicht. Für Wirecard ist jetzt bewiesen, dass alles in Ordnung ist: Es existierten keine Beweise für Fehlverhalten. Aus Sicht von Außenstehenden stellt sich dies aber ganz anders dar, denn laut KPMG-Bericht konnten die Prüfer nicht ermitteln, ob diverse Umsätze aus Drittpartnergeschäften in den Jahren 2016 bis 2018 überhaupt existierten. Auch seien Unterlagen nicht einsehbar gewesen. Die Aktenkurse fallen.

Im Mai 2020 gibt Wirecard bekannt, dass die Hauptversammlung verschoben werden muss. Die Jahresbilanz kann nicht veröffentlicht werden. Die bereits seit zehn Jahren mit der Prüfung der Jahresabschlüsse beauftragte Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Ernst & Young hat dem Abschluss kein Testat erteilt.

Im Juni 2020 kommt es zu einer Durchsuchung der Geschäftsräume von Wirecard in Aschheim durch die Staatsanwaltschaft München. Der Vorwurf: Die Geschäftsführung habe durch die "ad-Hoc-Mitteilungen" am 12.3.2020 und 22.4.2020 irreführende Signale an die Aktienmärkte gesendet, um den Aktienkurs zu beeinflussen.

Am 18.6.2020 räumt Wirecard ein, dass ein Betrag von 1,9 Milliarden Euro (rund ein Viertel der Konzern-Bilanzsumme) entweder verschwunden ist oder nie existiert hat. Die Wirtschaftsprüfer von Ernst & Young hätten nicht feststellen können, wo dieses angeblich auf philippinischen Treuhandkonten untergebrachte Geld sei. Wirecard spricht von Betrug und sieht sich als Opfer. Während der Aktienkurs abstürzt, tritt Firmengründer Markus Braun als CEO zurück. Kurz darauf wird er verhaftet und dann gegen eine Kaution von 5 Millionen Euro wieder auf freien Fuß gesetzt. Die Staatsanwaltschaft ermittelt. Auch gegen den ehemaligen Vorstand Jan Marsalek wird Haftbefehl erlassen. Dieser soll sich auf den Philippinen aufhalten.

Bekannt wird außerdem, dass Wirecard Bankkredite im Wert von zwei Milliarden Euro laufen hat. Ohne testierten Jahres- und Konzernabschluss können diese gekündigt werden.

Am 25.6.2020 stellt die Wirecard AG beim Amtsgericht München Insolvenzantrag.

Was sind die möglichen Gründe für eine Bilanzmanipulation?


Neben einem höheren Börsenwert der Aktien könnte ein Interesse an Manipulationen auch darin gelegen haben, in verschiedenen Ländern Lizenzen für Bankgeschäfte zu bekommen. In Deutschland gehört eine hauseigene Bank zum Konzern, die Kundenzahlungen annimmt und weiterleitet. Eine Lizenz für solche Geschäfte ist jedoch nicht selbstverständlich und wird in manchen Ländern nur erteilt, wenn ein gewisses Geschäftsvolumen vorhanden ist.
Dabei kann das Verfahren des "round tripping" zur Anwendung kommen, bei dem Gelder zwischen verschiedenen Stellen hin- und hergeschoben werden, um Geschäfte zu simulieren, die jedoch in Wahrheit gar nicht stattgefunden haben.

Ein weiterer Weg ist die Nutzung von ausländischen Partnerfirmen, die in ihren Ländern entsprechende Lizenzen haben. Wirecard arbeitet mit vielen solcher "Drittpartner" zusammen, das Hauptgeschäft in Asien wird jedoch durch drei Partner erwirtschaftet - einer davon auf den Philippinen. Allerdings sollen den Wirtschaftsprüfern zufolge mit den Vertragspartnern oft nur lückenhafte Verträge existiert haben, auch Unterschriften sollen gefehlt haben.

Welche Ansprüche haben Geldanleger gegen Wirecard?


Schadensersatzansprüche von Anlegern können sich aus §§ 97 und 98 des Wertpapierhandelsgesetzes (WpHG) ergeben. Diese Ansprüche beziehen sich auf die unterlassene unverzügliche Veröffentlichung von Insiderinformationen und die Veröffentlichung unwahrer Insiderinformationen. Ansprüche sind ausgeschlossen, wenn - im ersten Fall - das Unternehmen nachweisen kann, dass die Unterlassung nicht auf Vorsatz oder grober Fahrlässigkeit beruht oder - im zweiten Fall - dass es die Unrichtigkeit der Insiderinformation nicht gekannt hat und die Unkenntnis nicht auf grober Fahrlässigkeit beruht.

So hätte das Unternehmen zum Beispiel sofort bekannt geben müssen, dass 1,9 Mrd. Euro an Bilanzsumme gar nicht existierten, als dies ihm selbst bekannt wurde. Auch frühere Mitteilungen an die Öffentlichkeit - wie die "ad-Hoc-Mitteilungen" vom 12.3.2020 und 22.4.2020 müssen vor dem Hintergrund der nun bekannten Missstände einer kritischen Prüfung unterzogen werden.
Der Schadensersatzanspruch kann den Kursverlust der Aktien betreffen, aber auch den gesamten Investitionswert. Dies beruht auf einem Urteil des Bundesgerichtshofes vom 13.12.2011 (Az. XI ZR 51/10).

Können Anleger auch Ansprüche gegen Ernst & Young geltend machen?


Haben Anleger Verluste erlitten, weil die langjährig mit der Prüfung der Jahresabschlüsse beauftragte Prüfungsgesellschaft Ernst & Young (EY) nicht sorgfältig genug gearbeitet hat, sind auch hier Ansprüche möglich. Hier wird allerdings eine genaue Untersuchung notwendig sein, inwieweit die verwendeten Manipulationen bei üblichem Umfang einer solchen Prüfung hätten auffallen müssen. Auf der anderen Seite stellt sich die Frage, ob nicht angesichts der wiederholten Presseberichte über Wirecard eine genauere Prüfung angezeigt gewesen wäre - die ersten Vorwürfe wurden bereits 2016 bekannt.

Eine mögliche Argumentation besteht auch darin, dass EY das Testat für den Jahresabschluss der Wirecard-Tochter Wirecard Singapore Pte. Ltd für 2017 verweigert hatte, da diverse Buchungen und Transaktionen nicht durch Unterlagen belegt seien. Trotzdem wurden 2017 und 2018 Testate für den Konzernabschluss erteilt, was aus Anlegersicht das Unternehmen natürlich als gute Investition erscheinen ließ.

Chancen auf Schadensersatz bestehen insbesondere bei Aktien, die zwischen dem 24.2.2016 und dem 17.6.2020 erworben wurden.

Was ändert sich durch die Insolvenz?


Die Insolvenz reduziert die Chance, dass Aktionäre ihr Geld wiedersehen, sehr deutlich. Sie sind nun Insolvenzgläubiger, deren Schadensersatzforderungen nachrangig sind gegenüber denen von Banken, an die Sicherheiten abgetreten wurden. Aussichtsreich ist eine Klage damit wohl hauptsächlich gegen die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft EY.

Mit einer Sanierung des Unternehmens Wirecard oder einem Kauf durch ein anderes Unternehmen wird derzeit nicht gerechnet. Zu groß ist der Vertrauensverlust der Kunden und besondere Werte, auf die sich Begehrlichkeiten richten könnten, sind kaum vorhanden.

Welche Besonderheiten gelten für die Wirecard Bank?


Die Wirecard Bank AG soll finanziell und organisatorisch vom Wirecard-Konzern abgekoppelt werden. Der Insolvenzantrag bezieht sich offenbar nicht auf die Bank. Dem Bundesverband deutscher Banken zufolge sind Einlagen bei der Wirecard Bank geschützt - einerseits durch die Einlagensicherung von 100.000 Euro pro Kunde, andererseits durch den Einlagensicherungsfonds der Privatbanken.

Kommt es zu einem Musterverfahren?


Das deutsche Recht ermöglicht in derartigen Fällen ein sogenanntes Kapitalanleger-Musterverfahren, in dem sich eine größere Zahl von geprellten Anlegern zusammenschließen kann. In einem derartigen Verfahren können Tatsachen- und Rechtsfragen, die sich in mindestens zehn individuellen Schadensersatzprozessen gleichlautend stellen, durch das Oberlandesgericht einheitlich bindend für alle Kläger entschieden werden.
Eine deutsche Anwaltskanzlei hat bereits im Mai 2020 Antrag auf Einleitung eines solchen Verfahrens gegen Wirecard beim OLG München gestellt.
Nach Anmeldung der Insolvenz von Wirecard soll diese Klage auf weitere Gegner ausgeweitet werden, insbesondere Ernst & Young und mehrere Ex-Vorstände von Wirecard.

Praxistipp


Wer als Aktionär von Wirecard finanzielle Schäden erlitten hat, sollte mögliche Schadensersatzansprüche zeitnah prüfen lassen. Der beste Ansprechpartner in diesem Fall ist ein Fachanwalt für Bankrecht bzw. Kapitalmarktrecht.

(Ma)



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