200 Kilo: Darf der Arbeitgeber wegen Übergewicht kündigen?

28.07.2016, Redaktion Anwalt-Suchservice / Lesedauer ca. 3 Min. (228 mal gelesen)
200 Kilo: Darf der Arbeitgeber wegen Übergewicht kündigen? © DOC RABE Media - Fotolia.com
Übergewicht kann krankhafte Formen annehmen. Dies stellt nicht nur für den Betroffenen eine Belastung dar, sondern auch für seinen Arbeitgeber. Vor dem Landesarbeitsgericht Düsseldorf kam nun eine Kündigung wegen extremen Übergewichts auf den Richtertisch.

Gärtner mit 200 Kilo: Ungeeignet für den Beruf?
Ein Garten- und Landschaftsbaubetrieb hatte einem Gärtner gekündigt. Der 49jährige Mann wog 200 Kilo. Zunächst hatte der Arbeitgeber versucht, auf eine Gewichtsreduzierung hinzuwirken – und der Mitarbeiter hatte sich auch 2014 an einem Gesundheitsprogramm in einem Adipositaszentrum beteiligt. Nur konnte nach Ende des Programms nicht festgestellt werden, dass er abgenommen hatte. Nun kündigte ihm der Arbeitgeber. Allerdings begründete er die Kündigung offenbar nur mündlich mit dem Gewicht des Arbeitnehmers. Dieser nutzte das Arbeitsrecht und reichte Kündigungsschutzklage ein.

Die Argumente des Arbeitgebers
Der Arbeitgeber rechtfertigte sich damit, dass der Mitarbeiter viele Arbeiten nicht mehr ausführen könne. Er könne keine Gräben mehr ausheben, weil deren Breite nach DIN vorgeschrieben und er selbst dafür zu breit sei. Auf Leitern könne er nicht mehr steigen – denn deren Belastungsgrenze liege bei 150 Kilo. Den Firmenwagen könne er nicht mehr fahren, weil er mit dem Lenkrad an seinem Körper hängen bleibe. Am Pritschenwagen sei bereits eine Fußraste abgebrochen, als er sich darauf gestellt habe. Das Bücken sei ein Problem, und Warnwesten oder Arbeitsschuhe passten ihm nicht mehr.

Der Mitarbeiter wehrt sich
Der Gärtner hielt dagegen, dass er durchaus die üblichen Arbeiten noch ausführen könne. Um aus den Gräben wieder hinauszukommen, benötige er eine Leiter – wie seine Kollegen auch. Er habe im Adipositas-Zentrum versucht, abzunehmen – aber nach den Ärzten dort sei ohne Operation bei ihm wenig zu machen. Eine Kündigung sah er jedenfalls nach 30 Jahren Betriebszugehörigkeit als nicht gerechtfertigt an. Im Gegenteil forderte er 6.000 Euro Schadensersatz, weil er wegen einer Behinderung benachteiligt worden sei. Hier hatte er auch das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz (AGG) auf seiner Seite: Denn dieses Gesetz verbietet eine Diskriminierung unter anderem wegen Rasse, Geschlecht, ethnischer Herkunft oder eben einer Behinderung. § 15 des Gesetzes gibt Arbeitnehmern auch einen Anspruch auf Schadensersatz im Falle einer Benachteiligung.

Was ist Adipositas?
Als Adipositas wird ein Übergewicht bezeichnet, das Gesundheitsschäden hervorrufen kann. Die Ursachen dafür sind vielfältig. Die direkten Folgen des Übergewichts können Probleme mit dem Herz-Kreislaufsystem und dem Bewegungsapparat sein. Indirekte Folgen dagegen sind zum Beispiel ein höheres Risiko, an Diabetes zu erkranken, oder auch das Schlafapnoe-Syndrom sowie Komplikationen in der Schwangerschaft. In Deutschland sollen 16 Millionen Menschen an Adipositas leiden. Ein leichtes Übergewicht kann in Adipositas übergehen, wenn der Betroffene zu wenig Bewegung hat und weiterhin mehr Nahrung zu sich nimmt als er an Energie verbraucht.

Vergleich vor Gericht
Das Arbeitsgericht gab in erster Instanz der Kündigungsschutzklage statt. In der Berufungsverhandlung vor dem Landesarbeitsgericht Düsseldorf kam es zu einem Vergleich (27.7.2016, Az. 7 Sa 120/16). Das Gericht hatte zunächst erklärt, dass es für den Arbeitgeber unter Umständen nicht zumutbar sein könnte, den Mann noch 18 Jahre bis zur Rente zu beschäftigen. Ob er seine Arbeit noch machen könne, müsse notfalls ein Gutachter klären. Wichtig sei, ob mit einer Besserung – also einer positiven Gewichtsprognose – gerechnet werden könne. Dem Arbeitnehmer könne aber zugemutet werden, abzuspecken. Schließlich kam es zu dem erwähnten Vergleich zwischen den beiden Parteien. Sein Inhalt: Der Arbeitgeber kündigte dem Gärtner nicht, dafür muss dieser sich nun bemühen, Gewicht zu verlieren – und den Arbeitgeber regelmäßig über seine Fortschritte informieren. Das Thema "Schadensersatz" wurde zu den Akten gelegt. Der Rechtsstreit war damit beigelegt.

Gute Chancen
Der Gärtner hat seinem Rechtsanwalt zufolge gute Chancen, sein Problem in den Griff zu bekommen: Immerhin liegt sein Gewicht nach sieben Wochen Kur immerhin bei 188 Kilo – ein deutlicher Fortschritt. Vielleicht hat ja der Streit vor Gericht auf diese Weise auch noch positive Auswirkungen auf seine Gesundheit.