Autodiebstahl Teil II – Streit um den Wiederbeschaffungswert

28.04.2016, Redaktion Anwalt-Suchservice / Lesedauer ca. 3 Min. (513 mal gelesen)
Autodiebstahl Teil II – Streit um den Wiederbeschaffungswert © Torbz - Fotolia.com
Nach einem Autodiebstahl haben Bestohlene und Versicherungen oft ganz unterschiedliche Vorstellungen vom Wert des Fahrzeugs. Es gibt jedoch Mittel und Wege, um die Beurteilung der Versicherung anzugreifen.

Wiederbeschaffungswert – was versteht man darunter?
Eine Kaskoversicherung zahlt beim Diebstahl eines PKW in der Regel den Wiederbeschaffungswert abzüglich eines möglicherweise vorhandenen Restwertes. Einen Restwert gibt es nur dann, wenn das – oft beschädigte – Fahrzeug wiedergefunden wird. Als Wiederbeschaffungswert wird im Versicherungsrecht der Preis angesehen, den man für den Kauf eines gleichwertigen gebrauchten Fahrzeugs am Tag des Schadens bezahlen müsste. Gleichwertig heißt: Möglichst gleiche Ausstattung, ungefähr gleicher Zustand. Und: Mit Kauf ist hier der Kauf vom Händler gemeint, nicht von einem Privatmann auf einem dunklen Hinterhof.

Unterschied zum Zeitwert
Der Zeitwert ist das, was der Fahrzeugeigentümer derzeit selbst beim Verkauf seines Autos bekommen würde. Dieser Wert ist aber deutlich geringer als der Wiederbeschaffungswert. Denn der Wiederbeschaffungswert ist der Preis, für den ein Gebrauchtwagenhändler das Auto verkaufen würde. Einschließlich dessen Unkosten und Gewinnspanne.

Ermittlung des Wiederbeschaffungswertes
Die Höhe des Wiederbeschaffungswertes stellt die Versicherung durch einen Gutachter, also einen eigenen Sachverständigen, fest. Wird das Fahrzeug wieder aufgefunden, weil – zum Beispiel – der Dieb damit gegen den nächsten Baum gefahren ist – hat der Sachverständige etwas zum Anschauen und kann den Restwert bzw. Schrottwert einbeziehen. Ist das Auto einfach nur verschwunden, hat er nichts zum Anschauen.

Wonach wird der Wiederbeschaffungswert in der Praxis beurteilt?
Bei der Ermittlung des Wiederbeschaffungswertes orientieren sich Gutachter an Tabellen, wie etwa die "Schwacke-Liste" oder die "DAT-Liste". In diese fließen Angaben von Händlern ein, die melden, zu welchem Preis sie welches Auto verkauft haben. Die Listen differenzieren nach Autotypen, Baujahren, Motorleistung usw., geben jedoch nur Durchschnittswerte an. Der Sachverständige muss diese Bewertung nun an das jeweilige Fahrzeug anpassen, zum Beispiel die Laufleistung, die Zeit bis zur nächsten HU oder eine besondere Ausstattung berücksichtigen.

Fahrzeughalter contra Versicherung
Aufgabe einer Versicherung ist nicht, ihren Versicherten möglichst viel zu zahlen, damit diese glücklich sind – sondern vielmehr, ihre Aktionäre durch hohen Gewinn glücklich zu machen. Daher ist es nicht verwunderlich, wenn alles versucht wird, um im Einklang mit Gesetzen und auch den eigenen AGB bzw. AVB (Allgemeine Geschäftsbedingungen bzw. Versicherungsbedingungen) möglichst wenig auszuzahlen. Der Sachverständige, der für die KfZ-Versicherung ein Gutachten erstellt, ist natürlicherweise mehr auf das Wohl seines Auftraggebers als auf das des Geschädigten bedacht. All dies ist legitim, allerdings muss sich der Kunde auch nicht alles bieten lassen.

Das Sachverständigenverfahren
Der Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft hat Muster-Bedingungen für die KfZ-Versicherung herausgegeben, die viele Versicherer (teils mit Abwandlungen) übernehmen. Darin wird ausdrücklich der Fall erwähnt, dass der Versicherungskunde nicht mit dem ermittelten Wiederbeschaffungswert einverstanden ist. Für diesen Fall ist das Sachverständigenverfahren vorgesehen. Ist dies vertraglich vereinbart, bedeutet das: Bevor der Kunde vor Gericht ziehen darf, muss ein Sachverständigenausschuss den Wert ermitteln.

Der Sachverständigenausschuss
Dieser wird so gebildet, dass die Versicherung und der Kunde jeweils einen eigenen Sachverständigen ihrer Wahl benennen. Diese beiden einigen sich auf einen dritten als Ombudsmann. Die beiden Gutachter erstellen nun eigene Gutachten. Bei Abweichungen wird eine Einigung versucht. Scheitert diese, muss der Ombudsmann entscheiden. Seine Wertermittlung muss zwischen den Werten liegen, die die beiden anderen ermittelt haben. Die Entscheidung des Sachverständigenausschusses ist für die beiden Parteien bindend. Achtung: Die Benennung eines eigenen Sachverständigen muss innerhalb von zwei Wochen erfolgen.

Wer trägt die Kosten für das Verfahren?
Die Kosten für das Sachverständigenverfahren tragen beide Beteiligte in dem Verhältnis, in dem sie gewinnen oder verlieren. Einigen sich die Gutachter zum Beispiel auf einen Mittelwert zwischen ihren beiden Einschätzungen, müssen Versicherung und Kunde sich die Kosten der beteiligten Sachverständigen hälftig teilen. Ein solches Verfahren lohnt sich daher nur bei größeren Schäden und wenn die Wahrscheinlichkeit gut ist, dass dabei ein höherer Wert ermittelt wird als von der Versicherung angeboten. Manche Rechtsschutzversicherungen tragen die Kosten eines Sachverständigenverfahrens – andere nicht. Hier lohnt sich eine Nachfrage.

Vor Gericht
Die Entscheidung des Sachverständigenausschusses ist zwar grundsätzlich bindend, kann aber vor Gericht angefochten werden. Sinn macht dies in der Regel nur bei ganz offensichtlichen Fehlern oder Unstimmigkeiten, wie etwa der Zugrundelegung eines falschen Autotyps.

Tipp: Dokumente aufbewahren
Nach einem Autodiebstahl ist es wichtig, den Wert des eigenen Fahrzeugs durch Unterlagen untermauern zu können. Heben Sie daher den Kaufvertrag auf, sowie Werkstattrechnungen mit verzeichnetem Kilometerstand. Ebenso auch Rechnungen für Zusatzeinrichtungen, Reifen, Felgen, Tuningteile, Autoradio, Navi etc.

Tipp: Oldtimer und Youngtimer
Für Oldtimer und Youngtimer gibt es besondere Versicherungen. Hier kann der Marktwert, der Wiederbeschaffungswert oder auch der Wiederherstellungswert versichert werden. Unbedingt zu empfehlen ist ein Wertgutachten über das Fahrzeug. Die bekannten Wertermittlungslisten berücksichtigen keine Autos, die älter sind als 12 Jahre.