Krankschreibung für Arbeitnehmer: Auch per Video möglich?

17.07.2020, Redaktion Anwalt-Suchservice / Lesedauer ca. 4 Min. (55 mal gelesen)
Arzt,Patient,Bildschirm,Computer,Video Arbeitnehmer profitieren von einfacherer Krankschreibung per Video © Ake1150Sb - freepik

Nachdem sich Arbeitnehmer in der Coronakrise zeitweise auch telefonisch krankschreiben lassen konnten, wird bald auch eine Krankschreibung per Video möglich sein - unter bestimmten Voraussetzungen.

Der bisher für eine Krankschreibung zwingend notwendige Arztbesuch ist für viele Arbeitnehmer eine lästige Pflicht und trägt sicherlich auch jedes Jahr wieder zur Verbreitung der allgemeinen Grippewelle bei. Nicht zuletzt werden auch die Arztpraxen erheblich durch Patienten belastet, die sich wegen einer Erkältung oder Magenverstimmung krankschreiben lassen wollen - also im Grunde einer Bagatell-Erkrankung, wegen der man nicht unbedingt einen Arzt aufsuchen müsste. Immer wieder wird gefordert, das Verfahren der Krankschreibung zu ändern. Nun scheint Bewegung in die Angelegenheit zu kommen. Stand Juli 2020 können sich Arbeitnehmer ab September 2020 per Video krankschreiben lassen.

Was unterscheidet Krankmeldung und Krankschreibung?


Egal, ob per Video, oder nicht. Wichtig ist es zunächst, sich den Unterschied zwischen einer Krankmeldung und einer Krankschreibung klar zu machen. Mit der Krankmeldung ist die Mitteilung des Arbeitnehmers an seinen Chef gemeint, dass er krank ist und nicht zur Arbeit kommen kann. Diese Meldung muss "unverzüglich" erfolgen. Hier stellt sich dann die Frage, wie genau dies passieren muss. Zu empfehlen ist eine telefonische Krankmeldung beim Chef oder der zuständigen Stelle der Personalabteilung morgens vor Arbeitsbeginn am ersten Fehltag. Dabei muss der Arbeitnehmer auch die voraussichtliche Dauer der Arbeitsunfähigkeit mitteilen. Umstritten und nur mit Einschränkungen möglich ist eine Krankmeldung per Whatsapp.

Die Krankschreibung dagegen wird vom Arzt vorgenommen. Mit ihr bestätigt der Arzt, dass der jeweilige Arbeitnehmer für eine bestimmte Zeit arbeitsunfähig ist. Bisher kann eine Krankschreibung nur stattfinden, indem der Beschäftigte den Arzt persönlich aufsucht und sich untersuchen lässt. Dieser stellt dann gegebenenfalls eine Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung ("AU-Bescheinigung") aus. Eines der drei Exemplare dieses Dokuments ist dann dem Arbeitgeber auszuhändigen. So weist der Arbeitnehmer nach, dass er krank ist und seinen arbeitsvertraglichen Pflichten gerade nicht nachkommen kann. Ein weiteres Exemplar geht an die Krankenkasse und eines behält der Arbeitnehmer. Letztere sollen sich künftig in bestimmten Fällen auch per Video krankschreiben lassen können.

Wann brauchen Arbeitnehmer eine Krankschreibung?


Nach § 5 des Entgeltfortzahlungsgesetzes müssen Arbeitnehmer sich vom Arzt krankschreiben lassen, wenn ihre Arbeitsunfähigkeit mehr als drei Kalendertage lang dauert. Die Krankschreibung muss der Arbeitgeber spätestens am darauffolgenden Tag erhalten, also am vierten Tag. Aber: Der Arbeitgeber hat das Recht, eine schnellere Krankschreibung zu verlangen. Er kann also darauf bestehen, dass schon am ersten Tag der Erkrankung eine Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung eingeholt wird. Dies kann in jedem Betrieb anders geregelt sein.
Wenn der in der gelben Bescheinigung genannte Zeitraum abgelaufen ist und der Arbeitnehmer immer noch krank ist, muss er auch eine neue AU-Bescheinigung vom Arzt besorgen.
Die Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung ist die Voraussetzung, um eine Entgeltfortzahlung oder auch Krankengeld oder Verletztengeld zu erhalten.
Ab 1. Januar 2021 sollen Ärzte die AU-Bescheinigung elektronisch an die Krankenkassen übermitteln. Ab 2022 sollen auch die Arbeitgeber die Bescheinigung auf elektronischem Wege erhalten.

Welche Infos umfasst die Krankschreibung?


Die AU-Bescheinigung enthält eine Reihe von Daten, darunter natürlich Name und Geburtsdatum des Arbeitnehmers, seine Krankenversicherung, die Diagnose, die voraussichtliche Dauer der Arbeitsunfähigkeit, ob die Erkrankung durch die Arbeit oder durch einen Unfall ausgelöst wurde und ob es sich um eine Erst- oder Folgebescheinigung handelt. Aus dem Exemplar für den Arbeitgeber geht nicht hervor, um welche Krankheit es sich genau handelt, denn diese Information unterliegt dem Datenschutz und der ärztlichen Schweigepflicht. Der Chef hat kein Recht darauf, diese Information zu erhalten.

Was hat sich durch Corona bei der Krankschreibung geändert?


Für einen begrenzten Zeitraum konnten sich Arbeitnehmer ohne persönlichen Arztbesuch auch telefonisch vom Arzt krankschreiben lassen. Per Video war dies nicht vorgesehen. Dies war bei geringfügigen Erkrankungen der Atemwege oder bei Verdacht auf eine Erkrankung an COVID-19 möglich. Diese Sonderregelung ist am 1. Juni 2020 beendet worden.

Was muss man zur Krankschreibung per Video wissen?


Der Gemeinsame Bundesausschuss (G-BA), das höchste Beschlussgremium der gemeinsamen Selbstverwaltung im deutschen Gesundheitswesen, hat am 16.7.2020 beschlossen, künftig eine Krankschreibung per Videosprechstunde zu ermöglichen. Zum G-BA gehören die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV), die Kassenzahnärztliche Bundesvereinigung (KZBV), die Deutsche Krankenhausgesellschaft (DKG) und der Bund der Krankenkassen (GKV-Spitzenverband).

Voraussetzung für die Krankschreibung per Video soll sein, dass der Patient in der Praxis bekannt ist und es sich um eine Krankheit handelt, für die eine "Untersuchung" in einer Videosprechstunde ausreicht. Eine Krankschreibung ausschließlich auf Basis eines Telefonates, einer Chat-Befragung oder eines Online-Fragebogens soll es definitiv nicht geben.
Patienten sollen auch keinen Anspruch darauf haben, dass ihr Arzt sie nach einer Videosprechstunde krankschreibt.

Eine Erstbescheinigung soll für maximal sieben Tage ausgestellt werden, für eine Folgebescheinigung ist dann ein persönlicher Besuch in der Praxis erforderlich.

Aus Sicht des G-BA ist die Krankschreibung per Video allerdings eher als Ausnahme zu sehen - der Standardfall soll der persönliche Arztbesuch bleiben. Betont wurde auch, dass die Neuregelung nicht im Zusammenhang mit der Coronakrise steht: Das berufsrechtliche Verbot der Fernbehandlung für Ärzte wurde gelockert, und dies ist nun eine Folge davon.

Ab wann gibt es eine Krankschreibung per Video?


Der Beschluss des Gemeinsamen Bundesausschusses muss noch vom Bundesgesundheitsministerium geprüft werden. Das Ministerium hat dafür zwei Monate Zeit. Wird der Beschluss nicht beanstandet, wird er im Bundesanzeiger veröffentlicht und wird dann am Folgetag in Kraft treten. Dies könnte Ende September 2020 passieren.

Praxistipp zur Krankschreibung per Video


Arbeitnehmer können sich darauf freuen, bald nicht mehr wegen jeder Erkältung zum Arzt zu müssen, um sich krankschreiben zu lassen. Wer mit seinem Arbeitgeber über das Thema "Krankschreibung" in Streit gerät, sollte einen Fachanwalt für Arbeitsrecht hinzuziehen. Hier ist immer Vorsicht geboten, denn "Krankfeiern" oder "Arbeitsverweigerung" sind gute Kündigungsgründe.

(Bu)



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