Krankmeldung per WhatsApp: Ist das erlaubt?

16.01.2019, Redaktion Anwalt-Suchservice / Lesedauer ca. 7 Min. (16926 mal gelesen)
Krankmeldung per WhatsApp: Ist das erlaubt? © Rh - Anwalt-Suchservice

Die Krankmeldung beim Chef ist für Arbeitnehmer Pflicht. Oft nutzt man dafür einfach das Telefon. Aber: Dürfen sich Arbeitnehmer auch per WhatsApp krankmelden oder ihren Krankenschein einschicken?

Für viele Menschen ist es heute vollkommen normal, Termine oder organisatorische Fragen nicht mehr per Anruf oder gar schriftlich, per Fax oder E-Mail abzuklären, sondern mithilfe von Kurznachrichten (SMS) oder Messenger-Diensten wie etwa WhatsApp. Da liegt es nahe, auch bei der Krankmeldung auf diese Mittel zurückzugreifen. Immerhin sind sie bequem, schnell, und der Chef kann einem keine unangenehmen Fragen stellen. Der Chef selbst ist allerdings vielleicht weniger begeistert. Allzu leicht entgeht einem nämlich eine solche Nachricht, und bis man sie liest, hat das Fehlen des Mitarbeiters vielleicht längst Probleme verursacht.
Ist eine solche Krankmeldung nun rechtlich zulässig? Und was passiert, wenn es später ernsthaft Streit gibt und man Zugang und Inhalt der Krankmeldung zu beweisen hat? Dann geht es schnell um wichtige Fragen wie unentschuldigtes Fehlen, Krankfeiern und die Lohnfortzahlung im Krankheitsfall.

Was muss aus meiner Krankmeldung hervorgehen?


Zunächst muss man sich klarzumachen, dass es einen Unterschied zwischen Krankmeldung und Krankschreibung gibt. Die Krankmeldung ist die erste Mitteilung an den Chef, dass man heute nicht zur Arbeit kommen kann. Die Krankschreibung erfolgt später durch einen Arzt.

Die gesetzlichen Regelungen zur Krankmeldung stehen im Entgeltfortzahlungsgesetz (EntgFG). Danach hat der Arbeitnehmer bei einer unverschuldeten Erkrankung für mindestens sechs Wochen Anspruch auf Fortzahlung seines Arbeitslohnes.
Nach § 5 EntgFG sind Arbeitnehmer dazu verpflichtet, es ihrem Arbeitgeber unverzüglich mitzuteilen, wenn sie arbeitsunfähig erkrankt sind. Auch die voraussichtliche Dauer der Erkrankung muss mitgeteilt werden. Dauert diese länger als drei Kalendertage, hat der Arbeitnehmer zusätzlich ein ärztliches Attest über seine Arbeitsunfähigkeit und deren voraussichtliche Dauer vorzulegen. Dieses nennt man auch Arbeitsunfähigkeits-Bescheinigung oder umgangssprachlich „Krankenschein“ oder „gelben Schein“.

Wichtig: Der Arbeitgeber darf die ärztliche Bescheinigung, also die Krankschreibung, auch früher verlangen, also auch am ersten Tag. Stellt sich heraus, dass die Erkrankung länger dauert, als im Attest angegeben ist, muss der Mitarbeiter eine neue ärztliche Bescheinigung beibringen.
Nicht hervorgehen muss aus dem ärztlichen Attest, um was für eine Erkrankung es sich handelt oder wodurch sie verursacht worden ist. Zwar ist persönliches Interesse des Chefs am Wohlergehen der Mitarbeiter durchaus wünschenswert. Er hat aber keinen Anspruch auf solche Informationen, und ihre Verweigerung darf für den Arbeitnehmer keinen Nachteil bedeuten. Dementsprechend darf auch der Arzt dem Arbeitgeber keine weitere Auskunft erteilen.

Wann muss ich mich krankmelden?


Das Gesetz fordert eine “unverzügliche” Krankmeldung. Nun weiß natürlich niemand, der morgens mit Fieber aufwacht, wie lange er genau krank sein wird. Trotzdem darf er keinesfalls erst den Arzttermin später am Tag abwarten, bis er sich beim Chef meldet. Der Arbeitnehmer muss sich unbedingt spätestens bei Arbeitsbeginn am ersten Krankheitstag beim Betrieb melden und seinen Vorgesetzten oder die Personalabteilung über seine Erkrankung informieren.
Wann dann im zweiten Schritt das ärztliche Attest vorgelegt werden muss, ergibt sich in der Regel aus dem Arbeitsvertrag. Nach dem Gesetz muss dies bei einer Erkrankung von mehr als drei Kalendertagen “spätestens am darauffolgenden Arbeitstag” passieren, also am vierten Tag der Erkrankung. Der Arbeitgeber darf das Attest jedoch wie erwähnt auch früher einfordern.

Wer ist der richtige Empfänger der Krankmeldung?


Wichtig ist es auch, sich beim richtigen und zuständigen Ansprechpartner krankzumelden. In kleineren Betrieben ist dies in der Regel der Chef selbst, in größeren oft die Personalabteilung. Sich nur bei einem Kollegen krankzumelden, reicht nicht aus. Viele Betriebe haben einen besonderen Ansprechpartner für Krankmeldungen. Arbeitnehmer sollten sich rechtzeitig darüber informieren, wie dies in ihrem Betrieb gehandhabt wird und die Kontaktdaten der betreffenden Stelle bereithalten.

Reicht eine Mitteilung per WhatsApp?


Es gibt keine gesetzliche Regelung darüber, wie eine Krankmeldung erfolgen muss. Allerdings muss sichergestellt sein, dass sie zum richtigen Zeitpunkt (Arbeitsbeginn) an die richtige Person (Chef, Personalabteilung) geht.
Auf keinen Fall ausreichend ist eine Krankmeldung an eine WhatsApp-Gruppe, auf die neben anderen Leuten auch der Chef Zugriff hat. Denn es ist ja nicht gesagt, dass dieser gleich morgens dort hineinschaut.

Anders sieht es bei individuellen Nachrichten aus. Erhält der Chef selbst vor Arbeitsbeginn auf seinem Handy eine an ihn persönlich gerichtete WhatsApp-Nachricht des Arbeitnehmers mit einer Krankmeldung, die ihn auch über die voraussichtliche Dauer der Erkrankung informiert, ist dies rechtlich ausreichend. Immerhin soll die Krankmeldung nur dafür sorgen, dass der Chef bei der Organisation des Betriebsablaufs den fehlenden Mitarbeiter berücksichtigen kann – und das ist hier gegeben.
Es gibt jedoch eine wichtige Einschränkung: Eine Krankmeldung per WhatsApp ist nur in Betrieben zulässig, in denen WhatsApp ein übliches Kommunikationsmittel zwischen Mitarbeitern und Chef ist. Ist es nicht üblich, muss der Chef auch nicht damit rechnen. Der Arbeitnehmer ist aber verpflichtet, dafür zu sorgen, dass die Nachricht den Vorgesetzten tatsächlich erreicht.
Ein weiteres mögliches Problem: Erhält der Empfänger die Krankmeldung erst zum Feierabend, weil irgendwo ein Server ausfällt, muss sich der Mitarbeiter im Streitfall vorwerfen lassen, dass er einen unsicheren Kommunikationsweg verwendet hat. Er hat seine Pflichten damit nicht erfüllt.
Natürlich kann der Chef durchaus darüber bestimmen, wie eine Krankmeldung zu erfolgen hat. Er kann also zum Beispiel vorschreiben, dass diese mündlich per Telefon stattfinden muss. Dies ist vom Arbeitnehmer dann auch einzuhalten.

Krankmeldung per SMS?


Zur Krankmeldung per WhatsApp haben sich die Gerichte noch nicht geäußert. Es gibt jedoch Urteile zur Krankmeldung per SMS. So beispielsweise vom Landesarbeitsgericht Rheinland-Pfalz (Urteil vom 10.7.2014, Az. 5 Sa 63/14) oder vom Arbeitsgericht Hamburg (Urteil vom 4.6.2008, Az. 2 Ca 470/07). Beide hatten keine grundsätzlichen Einwände gegen die Verwendung von SMS zur Krankmeldung. Allerdings ließ das Arbeitsgericht Hamburg durchblicken, dass eine SMS wohl nicht der beste denkbare Weg sei, um eine solche Information zu übermitteln.

Krankmeldung per E-Mail?


Auch per E-Mail kann man sich krankmelden. Rechtlich ist dies jedenfalls grundsätzlich zulässig. Ob es auch ratsam ist, ist jedoch eine andere Frage. Denn, wie schon erwähnt: Der Arbeitnehmer ist derjenige, der dafür zu sorgen hat, dass die Nachricht den Arbeitgeber bis Arbeitsbeginn erreicht. Liest der Chef seine E-Mails nicht rechtzeitig, kann man dem Arbeitnehmer womöglich vorwerfen, dass er einen unsicheren Weg der Übermittlung gewählt hat. Auch kommt es manchmal vor, dass eine E-Mail erst mit einigem Zeitverlust ankommt.
Unabhängig von möglichen technischen Problemen gilt: Niemand kann wissen, wann eine E-Mail, SMS oder WhatsApp tatsächlich gelesen wird.

Was passiert, wenn ich mich nicht ordnungsgemäß krankmelde?


Wer sich zu spät, bei der falschen Person oder auf dem falschen Weg krank meldet, riskiert eine Abmahnung. Im Wiederholungsfall ist eine Kündigung möglich. Immerhin geht es hier um die Kernpflicht aus dem Arbeitsvertrag, nämlich das Erbringen der Arbeitsleistung.
Das Landesarbeitsgericht Hessen erklärte zum Beispiel die ordentliche Kündigung eines Flugzeug-Reinigers nach 16 Jahren Betriebszugehörigkeit für wirksam. Dieser hatte sich innerhalb von sechs Jahren siebenmal zu spät krank gemeldet und war deswegen viermal abgemahnt worden (18.1.2011, Az. 12 Sa 522/10).
Übrigens: Solange dem Chef noch kein ärztliches Attest vorliegt, kann er einem Mitarbeiter auch nach § 7 EntgFG die Entgeltfortzahlung im Krankheitsfall verweigern.

Neu: Krankschreibung per WhatsApp


Ein Hamburger Start-Up bietet mittlerweile bei Erkältung eine Krankschreibung per WhatsApp an. Der Arbeitnehmer beantwortet dazu auf einem Online-Formular ein paar Fragen zu seiner Erkrankung, gibt seine Kontaktdaten ein und entscheidet sich für eine Bezahlvariante, um den Preis von neun Euro zu begleichen. Dann macht er ein Foto von seiner Versichertenkarte und schickt es dem Unternehmen. Ein mit diesem kooperierender Arzt sieht sich alles an, stellt eine Ferndiagnose und schickt den Krankenschein als Foto per WhatsApp. Das Original kommt per Post. Zur Vermeidung von dauerndem Krankfeiern darf der Service nur zweimal im Jahr in Anspruch genommen werden.

Der Hintergrund: 2018 wurde das in der ärztlichen Berufsordnung verankerte Fernbehandlungsverbot vom Deutschen Ärztetag gekippt. Nun dürfen Ärzte im Einzelfall auch Ferndiagnosen und -Behandlungen durchführen, und das auch bei bisher unbekannten Patienten. Voraussetzung sind entsprechende Regelungen in den Berufsordnungen der Ärztekammern der einzelnen Bundesländer. Der Ärztetag sprach sich mehrheitlich allerdings gegen Fernkrankschreibungen aus, ohne diese ausdrücklich zu untersagen.

Dass dieses Geschäftsmodell äußerst umstritten ist, ist nicht verwunderlich. Zwar erspart es Arbeitnehmern den Gang zur Arztpraxis wegen jedes Schnupfens und das lange Warten in bazillengeschwängerten Wartezimmern. Andererseits werden hier Diagnosen auf Basis laienhafter Angaben gestellt. Wenn es doch etwas Ernsteres war – war das halt Pech. Einige Ärztekammern haben Zweifel an der Zulässigkeit solcher Fernkrankschreibungen geäußert. Und nicht zuletzt werden sensible Daten über WhatsApp verschickt. Dass dieser Dienst vom Verkauf von Kundendaten lebt, sollte inzwischen bekannt sein. Auch aus Arbeitgebersicht ist hier Vorsicht geboten: WhatsApp greift auf alle Kontaktdaten im Handy zu und übermittelt diese in die USA. Hier dürfte es sich nach den Regelungen der DSGVO um einen bußgeldpflichtigen Datenschutzverstoß handeln, sofern nicht jeder der Kontakte dem zugestimmt hat.

Muss der Chef den WhatsApp-Krankenschein akzeptieren?


Das Gesetz enthält keine Vorgaben dazu, in welcher Form eine Krankschreibung vorgelegt werden muss. Bisher ging man von der Schriftform aus. Der Arbeitgeber darf auf jeden Fall verlangen, das Original zu sehen.
Die Zusendung eingescannter Krankenscheine an den Arbeitgeber etwa per E-Mail war auch bisher nicht unumstritten. Gerade, wenn der Verdacht besteht, dass der Arbeitgeber nach einem Kündigungsgrund sucht, sollte ihm der Krankenschein innerhalb der Frist aus Gesetz oder Arbeitsvertrag im Original vorgelegt werden.
Für das Hamburger Geschäftsmodell bedeutet das: Reicht dem Chef die gesetzliche Regelung aus, nach der der Krankenschein erst am vierten Tag abzugeben ist, kann das per Post nachgeschickte Original verwendet werden. Verlangt der Arbeitgeber den gelben Schein schon am ersten Tag, ist der Arbeitnehmer auf der unsicheren Seite. Den Krankenschein einfach per WhatsApp an den Chef weiterzuleiten, muss diesem nicht ausreichen. Hier sollte im Zweifel lieber wie bisher ein Arzt aufgesucht werden.

Praxistipp


Erkundigen Sie sich im Betrieb, was der übliche Weg für die Krankmeldung ist. Vielleicht gibt es für diesen Zweck eine besondere Telefonnummer oder E-Mailadresse. Im Zweifelsfall sind Sie mit einem Telefonanruf auf der sicheren Seite. Denn hier wissen Sie, dass Ihre Nachricht angekommen ist – und auch wann und bei wem. Wenn ein Zeuge das Gespräch mitbekommen hat, ist dies im Streitfall sogar noch besser. Bei der Versendung von Krankenscheinen per WhatsApp ist bisher Vorsicht geboten. Kommt es zur Auseinandersetzung mit dem Arbeitgeber, kann ein Fachanwalt für Arbeitsrecht Sie bei den nötigen Schritten beraten.

(Bu)



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