Mit Rail & Fly verspätet am Flughafen - Haftet der Reiseveranstalter?

11.07.2019, Redaktion Anwalt-Suchservice / Lesedauer ca. 5 Min. (300 mal gelesen)
Mit Rail & Fly verspätet am Flughafen - Haftet der Reiseveranstalter? © Bu - Anwalt-Suchservice

Je länger der Anreiseweg zum Flughafen, desto größer die Chance, dass etwas schiefläuft. Per Rail & Fly kann man Staus auf der Autobahn vermeiden. Was ist jedoch, wenn der Zug Verspätung hat?

Wer kennt die Situation nicht: Man muss einen Flieger erreichen, aber auf der Autobahn steht alles still. Oder die ganze Innenstadt ist ein einziger Stau. Abhilfe bieten öffentliche Verkehrsmittel. So bietet es sich beispielsweise an, “Rail & Fly” bei der Deutschen Bahn zu nutzen. Nur: Was passiert, wenn auch das nicht wie gewünscht funktioniert? Auch Züge haben nämlich oft Verspätung. Wer zahlt nun die Kosten für das Ticket, oder womöglich sogar für eine notwendig gewordene Übernachtung im Hotel?

Welche Folgen hat eine verspätete Ankunft am Flughafen?


Erscheint man zu spät am Check-In oder auch am Gate, wird man von der Fluggesellschaft unter Umständen nicht mehr an Bord genommen. Wie lange vor dem Abflugtermin der Passagier sich einfinden muss, regeln die Fluggesellschaften in ihren Geschäftsbedingungen. Die letzte Frist für den Check-In sind oft 45 Minuten vor der Boarding-Zeit, andere Vorgaben sind jedoch auch möglich. Wer dann zu spät kommt, kann also nicht mehr einchecken. Dann verfällt sein Ticket, ohne dass der Fluggast eine Entschädigung fordern kann.

Am Gate muss sich der Flugpassagier zu den auf dem Ticket genannten Boarding-Zeiten einfinden. Meist wird sogar empfohlen, 90 bis 120 Minuten – je nach Flugentfernung – vor der Boardingzeit zum Check-In-Schalter zu kommen. Je nach Andrang können dort oder auch vor der Sicherheitskontrolle lange Menschenschlangen Verzögerungen verursachen. Achtung: Bei vielen Fluggesellschaften wird der Check-In-Schalter eine Zeitlang vor dem Abflug geschlossen. Hier ist es wichtig, sich vorher über die Vorgaben der Airline zu informieren und ggf. noch einmal auf deren Homepage zu schauen.
In vielen Fällen ist auch ein Online-Check-In von zu Hause aus möglich. Meist kann man diesen ab etwa 24 Stunden vor dem Abflug durchführen. Auf diese Weise spart man Zeit; wenn man jedoch mehr als Handgepäck hat, muss man trotzdem seinen Koffer aufgeben. Auch die Sicherheitskontrolle braucht Zeit.

Was ist entscheidend: Boardingzeit oder Abflugzeit?


Für die Zeitplanung des Fluggastes sollte die Boardingzeit ausschlaggebend sein. Bei Inlandsflügen liegt diese meist 20 bis 30 Minuten vor dem eigentlichen Start, bei internationalen Flügen verlängert sich diese Zeitspanne meist auf 30 bis 40 Minuten. Reisende sollten auch berücksichtigen, dass sich das Gate immer kurzfristig ändern kann. Dann müssen sie kurzfristig womöglich noch mit Gepäck eine längere Strecke bis zum richtigen Gate zurücklegen.

Was ist Rail & Fly?


Fluggäste können Rail & Fly über ihren Reiseveranstalter oder ihre Fluggesellschaft buchen. Dann ist die Anreise zum Flughafen per Bahn Teil des gebuchten Leistungspakets. Das Ticket der Deutschen Bahn ist nicht an einen bestimmten Zug gebunden. Das heißt: Die Abfahrtzeit am Fahrttag ist frei wählbar, das Ticket ist in allen DB-Zügen gültig. Es gilt am Tag vor dem Abflug und am Abflugtag, ferner am Tag des Rückfluges und am Tag danach.
Mit einem Rail and Fly-Ticket können Reisende keine Zugverbindungen nutzen, für die ein Verkehrsbund-Tarif gilt. Eine Ausnahme ist jedoch "Rail & Fly inclusive".
Rail and Fly wird nicht von allen Reiseveranstaltern oder Airlines angeboten. Listen der Anbieter finden sich auf der Internetseite der Deutschen Bahn.

Was gilt bei Rail & Fly, wenn die Bahn Verspätung hat?


Dazu hat sich vor mehreren Jahren bereits der Bundesgerichtshof geäußert. Im damaligen Fall ging es um eine Kundin, die mit ihrem Mann in die Dominikanische Republik unterwegs war. Bei ihrem Reiseveranstalter hatte sie “Rail & Fly” gebucht. Nach den Vorgaben der Bahn sollte sie einen Zug wählen, der mindestens zwei Stunden vor dem Abflug am Flughafen ankam.
Sie nutzte einen Zug, der um 9.08 Uhr am Flughafen Düsseldorf ankommen sollte. Der Abflug sollte dann um 11.15 Uhr sein. Allerdings erreichte der Zug den Flughafen erst um 11.45. Das Paar buchte daraufhin auf einen von München aus am nächsten Tag startenden Flug um, fuhr mit der Bahn nach München und schlief dort in einem Hotel.
Der Reiseveranstalter rechnete aufgrund der Planänderung einen neuen Reisepreis aus und buchte zügig noch einmal über 1.000 Euro zusätzlich von der Kreditkarte der Frau ab. Diese fand das gar nicht lustig und forderte das Geld per Klage zurück. Außerdem wollte sie die Zusatzkosten für Hotel, Taxi und Verpflegung in Höhe von 218 Euro ersetzt haben. Schließlich sei die Verspätung des Zuges nicht ihre Schuld, und das Leistungspaket habe sie beim Veranstalter gekauft.

Wie entschied der Bundesgerichtshof?


Der Bundesgerichtshof betrachtete die Anreise per Bahn über Rail & Fly als Teil der gebuchten Reiseleistung. Aufgrund der Verspätung der Bahn sei diese Leistung mangelhaft gewesen. Der Reiseveranstalter müsse für diesen Reisemangel einstehen. Die erfolgte Umbuchung stelle keine zusätzliche Leistung dar, die man zusätzlich abrechnen könne, sondern sei eine Abhilfemaßnahme für Mängel der eigenen Reiseleistung. In diesem Fall müsse der Reiseveranstalter für die Verspätung der Deutschen Bahn einstehen.
Dabei betonte der Bundesgerichtshof auch, dass die Möglichkeit der freien Zugwahl nichts an dieser Haftung des Reiseveranstalters ändere. Als Reisender habe man gar keine andere Möglichkeit, als eben einen von den Fahrplanzeiten her rechtzeitig ankommenden Zug auszuwählen. Für alles Weitere sei der Reisende nicht verantwortlich. Daher fiel das Urteil zugunsten der Reisenden (Urteil vom 28.10.2010, Az. Xa ZR 46/10).

Was gilt, wenn man den falschen Zug wählt?


Allerdings kann ein Gerichtsurteil auch völlig anders ausfallen. So erging es einem Paar, das von Bonn nach Thailand fliegen wollte. Beide hatten wieder die Anreise über den Reiseveranstalter mit Rail & Fly gebucht. Von Würzburg sollte es zum Flughafen Köln/Bonn gehen. Der Zug hatte jedoch 108 Minuten Verspätung, sodass das Paar den Flughafen erst nach Ende der Eincheck-Zeit überhaupt erreichte und dadurch den Flug verpasste. Nach einer Übernachtung im Hotel buchten die Reisenden einen neuen Flug am nächsten Tag. Die Übernachtungs- und Mehrkosten wollten sie vom Reiseveranstalter ersetzt haben.
Das Amtsgericht Frankfurt a. M. hatte jedoch wenig Verständnis für diese Forderung. Der Reiseveranstalter habe ihnen schriftlich empfohlen, einen Zug zu wählen, der mindestens drei Stunden vor Abflug am Flughafen ankomme. Dem seien sie nicht nachgekommen. Der Veranstalter hafte zwar grundsätzlich auch für ein Verschulden der Bahn. Hier überwiege jedoch das Mitverschulden der Reisenden. Sie hätten in ihrer Zeitplanung mögliche Zugverspätungen berücksichtigen müssen. Daher bekamen sie keine Entschädigung für die Kosten von Flug und Hotel (Urteil vom 20.2.2018, Az. 32 C 1966/17).

Wie sehen die aktuellen Vorgaben der Bahn aus?


Die Bahn empfiehlt im Juli 2019 ausdrücklich, einen Zug auszuwählen, mit dem man den Check-In-Schalter mindestens zwei Stunden vor dessen Schließung erreicht. Bei einer Buchung über eine Airline oder einen Reiseveranstalter sind jedoch deren eigene Vorgaben entscheidend, da diese dann Vertragspartner des Reisenden sind. Insbesondere bei längeren Flugstrecken ist eine längere Vorlaufzeit für den Check-In zu empfehlen.

Praxistipp


Aus den beiden Urteilen ergibt sich, dass der Reiseveranstalter nur dann für eine Verspätung der Bahn einstehen muss, wenn der Reisende einen vom Fahrplan her rechtzeitig ankommenden Zug ausgewählt hat. Dabei müssen sich Reisende sehr genau an die Vorgaben halten, die ihr jeweiliger Vertragspartner – also etwa der Reiseveranstalter oder die Airline – macht. Wer eine solche “Empfehlung” ignoriert, kann schnell auf einer vierstelligen Rechnung sitzen bleiben.

(Ma)



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