Flug verpasst: Schadensersatz wegen langer Wartezeit beim Einchecken?

01.04.2019, Anwalt-Suchservice / Lesedauer ca. 4 Min. (88 mal gelesen)
Flug verpasst: Schadensersatz wegen langer Wartezeit beim Einchecken? © Rh - Anwalt-Suchservice

Auch wer rechtzeitig am Flughafen ist, kann immer noch den Flug verpassen – durch lange Warteschlangen beim Einchecken. Haben Passagiere in diesem Fall Anspruch auf eine Entschädigung?

Nicht nur Sicherheitskontrollen, sondern auch allgemein die Menschenmassen am Flughafen können das Einchecken für einen Fug zu einer zeitraubenden Angelegenheit machen. Zwar werden Flugpassagiere immer wieder aufgefordert, rechtzeitig am Flughafen sein. Aber auch, wenn sie dem nachkommen, können lange Wartezeiten immer noch dazu führen, dass sie ihren Flug verpassen. Was müssen Flugreisende dazu wissen?

Gegen wen kann man in einem solchen Fall Ansprüche geltend machen?


Viel wird über die Rechte von Fluggästen geschrieben. Meist geht es dabei um Entschädigungsforderungen nach der Europäischen Fluggastrechte-Verordnung. Diese greift bei Flugverspätungen, Annullierungen oder Nichtbeförderung durch die Fluggesellschaft. Die standardisierten Ansprüche der EU-Verordnung passen jedoch nicht auf Fälle, bei denen Passagiere allein aufgrund langer Warteschlangen zu spät zum Gate kommen. Hier hängt es sehr vom Einzelfall ab, gegen wen geklagt werden kann.
Handelt es sich um eine Pauschalreise, bietet sich in solchen Fällen eine Klage auf der Grundlage des Reiserechts aus dem Bürgerlichen Gesetzbuch an – also eine Klage gegen den Reiseveranstalter. Denn dieser ist für die korrekte Organisation der Reise verantwortlich.

Fall: Zwei Stunden Warteschlange – Urlaubsflug verpasst


Eine Familie hatte einen All-Inclusive Urlaub in der Türkei gebucht. Der Flug sollte von Leipzig nach Antalya gehen. Der Urlaub für vier Personen kostete rund 2.262 Euro. Im Voucherheft stand zu lesen, dass die Eincheckzeit für den Flug dreißig Minuten vor der Abflugzeit ende. Abflugzeit war 14 Uhr 45.
Die Familie war nach eigenen Angaben zwei Stunden vor dem Abflug am Abflugschalter. Allerdings fand sie hier riesige Warteschlangen vor. Gleichzeitig mit dem Flug nach Antalya wurde nämlich auch noch ein Flug nach Griechenland abgefertigt. Davon bekam die Familie aber nichts mit, da nur der Name der Fluggesellschaft am Check-In-Schalter stand. Die Familie stellte sich in die Warteschlange. Beim Schalter kamen sie schließlich um 14 Uhr 20 an. Das Flugzeug flog ohne sie nach Antalya.
Sie verbrachten daraufhin die Nacht bei Leipziger Verwandten auf dem Fußboden, fuhren am nächsten Tag mit dem Zug nach Berlin und buchten dort einen Flug nach Antalya. Statt am 29.9. um 19 Uhr kamen sie dort am 1.10. um 3 Uhr an – also zwei Tage später.
Sie verklagten daraufhin den Reiseveranstalter auf Minderung des Reisepreises und Schadensersatz.

Warten oder sich beschweren?


Das Schalterpersonal sagte aus, dass eine Mitarbeiterin die Fluggäste nach Antalya eine Stunde vor dem Abflug aufgefordert habe, an der Schlange vorbei nach vorn zu gehen, da sie bei der Abfertigung vorgezogen würden. Es sei die eigene Schuld der Reisenden, wenn sie dies nicht bemerkt oder ignoriert hätten.
Die Familie hielt dagegen, dass sie keinen derartigen Aufruf bemerkt hätte. Es seien auch keine anderen Reisenden an der Schlange vorbei nach vorn gegangen. Sie seien davon ausgegangen, dass alle in der Schlange das gleiche Reiseziel hätten.

Was sagt das Gericht?


Das Gericht stellte sich auf die Seite der Kläger. Die Fluggesellschaft habe nicht ausreichend auf das Vorziehen der Fluggäste für den Antalya-Flug hingewiesen. Es sei nicht ausreichend, wenn ein Mitarbeiter an der Schlange vorbeilaufe und mehrmals laut rufe. Am Flughafen sei es laut, die Wartenden würden sich unterhalten und Dauer-Aufmerksamkeit könne während einer Wartezeit von anderthalb Stunden auch nicht erwartet werden. Man hätte stattdessen eine Lautsprecherdurchsage machen oder jeden Wartenden in der Schlange ansprechen müssen.
Von den Fluggästen könne weder erwartet werden, dass sie wüssten, dass zwei Flüge gleichzeitig abgefertigt würden, noch, dass sie einfach so an der Schlange vorbei nach vorne gingen. Dies sei ein sozial unerwünschtes Verhalten.

Welche Entschädigung stand den Fluggästen zu?


Das Gericht gestand den Reisenden gegen den Reiseveranstalter einen Anspruch auf Minderung des Reisepreises um den Betrag für einen Tag zu, also 2.262 / 11 = 205,65 Euro. Dazu kam ein weiterer Betrag für einen Tag als Schadensersatz für nutzlos aufgewendete Urlaubszeit.
Zusätzlich hatten die Kläger allerdings auch noch den Ersatz der Kosten für ihren selbst gebuchten Flug ab Berlin gefordert. Hier bekamen sie 50 Prozent des Betrages zugesprochen.
Bei allen Teilbeträgen gab es also nur die Hälfte des Geforderten. Das Gericht war nämlich der Meinung, dass ihnen generell ein Mitverschulden von 50 Prozent anzulasten sei.

Was müssen Reisende beachten?


Auch wenn das Schalterpersonal keinen ausreichenden Aufruf für den Flug durchgeführt habe, hätten sich die Reisenden dem Gericht zufolge nicht einfach nur brav in die Schlange stellen dürfen, ohne auch nur einmal nachzufragen. Sie hätten sich irgendwie auch selbst um die Lösung des Problems kümmern müssen. Zwar könne von ihnen nicht erwartet werden, sich mit ihren Koffern an den anderen Wartenden “vorbeizudrängeln”. Aber sie hätten zumindest einen von ihnen zum Schalter schicken können, um nachzufragen, ob und wie sie noch rechtzeitig nach Antalya einchecken könnten. Dies nicht zu tun, wertete das Gericht als “grobe Verletzung der Sorgfalt in eigenen Angelegenheiten” (Amtsgericht München, Urteil vom 5.10.2018, Az. 154 C 2636/18).

Praxistipp


Etwas Eigeninitiative kann also auch in der Warteschlange verlangt werden: Wer alles einfach dem gestressten Schalterpersonal überlässt, wird keine volle Entschädigung erhalten. Zumindest nachfragen sollte man also – auch wenn man noch nicht an der Reihe ist. Bei Problemen mit Fluggesellschaften oder Reiseveranstaltern ist die Beratung durch einen im Zivilrecht tätigen Rechtsanwalt zu empfehlen, der sich auf das Reiserecht spezialisiert hat.

(Wk)



Anwalt-Suchservice
Juristische Redaktion
E-Mail schreiben Juristische Redaktion

Anwalt-Suchservice
Juristische Redaktion
E-Mail schreiben Juristische Redaktion