Schneelawinen vom Dach: Wer haftet für Schäden?

15.01.2019, Redaktion Anwalt-Suchservice / Lesedauer ca. 4 Min. (179 mal gelesen)
Schneelawinen vom Dach: Wer haftet für Schäden? © Ma - Anwalt-Suchservice

Dicke Schneemassen liegen auf den Dächern und drohen abzugehen. Müssen Hauseigentümer besondere Schutzmaßnahmen treffen? Wer haftet, wenn sich eine Dachlawine löst und Schäden verursacht?

Dachlawinen stellen im Winter eine nicht zu unterschätzende Gefahr dar. Herabstürzende, nasse Schneemassen können ein beträchtliches Gewicht haben: So können zehn Zentimeter Nassschnee bis zu 40 Kilogramm pro Quadratmeter erreichen; wenn der Schnee zu Eis gefriert, sind es bis zu 90 Kilo. Dachlawinen können nicht nur parkende Autos beschädigen, sondern auch Passanten ernsthaft verletzen. Und kaum jemand rechnet mit einer Gefahr von oben. Hauseigentümer müssen hier im Winter durchaus tätig werden, wenn sie sich keinem Haftungsrisiko aussetzen wollen.

Was müssen Hauseigentümer tun?


Hauseigentümer haben eine sogenannte Verkehrssicherungspflicht. Das bedeutet: Sie müssen dafür sorgen, dass von ihrer Immobilie keine Gefahren für andere ausgehen. Wieviel Absicherung sein muss, richtet sich allerdings nach dem, was im konkreten Fall nötig und zumutbar ist.
Dies bedeutet auch: Inwieweit ein Hauseigentümer besondere Sicherungspflichten, wie zum Beispiel Warnhinweise oder Schneefanggitter, zum Schutz vor Dachlawinen treffen muss, hängt immer vom Einzelfall ab. Sicherungspflichten kommen insbesondere dann in Betracht, wenn sie nach den örtlichen Gepflogenheiten, der allgemeinen Schneelage des Ortes, der Beschaffenheit und Lage des Gebäudes und der Art und des Umfangs des gefährdeten Verkehrs erforderlich sind. In einer schneereichen Gegend müssen Hauseigentümer also mehr tun als im schneearmen Norddeutschland. Trotzdem können auch in schneearmen Gegenden Sicherheitsmaßnahmen erforderlich sein, wenn es dann doch einmal stark geschneit hat.

Was können Hauseigentümer tun?


Eine bewährte Standardmaßnahme sind Schneefanggitter auf dem Dach. Diese werden meist an Ziegeln befestigt, die von Anfang an mit entsprechende Haltevorrichtungen versehen sind. So etwas sollte also am besten schon beim Bau des Daches einkalkuliert werden. Schneefang-Hilfen können auch als runde Stangen zwischen zwei Halterungen ausgeführt sein. Eine andere Variante sind über das Dach verteilte Schneefanghaken, die für eine gleichmäßige Verteilung der Schneelast sorgen.
Droht konkrete Gefahr, sind auch Warnhinweise an Passanten notwendig. Hier können Hauseigentümer Warnschilder an der Hauswand aufhängen und auch rot-weiße Stangen vom Boden senkrecht an die Hauswand lehnen, damit Fußgänger mehr Abstand halten. Einen öffentlichen Fußweg dürfen die Anwohner allerdings in der Regel nicht komplett absperren, zumindest nicht ohne Erlaubnis der Gemeinde.
Im Extremfall kann es erforderlich sein, ein Dach von der Schneelast zu befreien. Dies sollte dann von einem Dachdecker erledigt werden und nicht in Eigenleistung. Meist ist dies jedoch eher als Schutz vor dem Einsturz des Gebäudes erforderlich und weniger im Rahmen der Verkehrssicherungspflicht.

Was regelt das Gesetz?


Die Landesbauordnungen der Bundesländer enthalten meist eher allgemeine Regelungen zum Thema Dachlawinen. Meist besagen diese, dass Schneefanggitter oder ähnliche Einrichtungen auf den Dächern anzubringen sind, wenn dies erforderlich ist. In vielen Bundesländern gibt es dazu keine Regelungen.
Allerdings gibt es vielerorts besondere Regelungen der Gemeinden. Diese können Schneefanggitter, Warnhinweise oder das Absperren von Fußwegen im Notfall betreffen. Besonders in schneereichen Gemeinden verpflichten solche Vorschriften dann die Hauseigentümer zum Tätigwerden. Sind solche Regelungen vorhanden, haften Hauseigentümer in der Regel bei einem durch Dachlawinen verursachten Schaden, wenn sie ihren Pflichten nicht nachgekommen sind.

Was sagen die Gerichte?


Das Oberlandesgericht Hamm sah eine Hauseigentümerin nicht als verpflichtet an, Dritte vor Dachlawinen zu schützen. Weder Vorsorgemaßnahmen noch Warnungen seien erforderlich gewesen. Begründet wurde dies damit, dass es in der Stadt Bielefeld keine behördlichen oder städtischen Regelungen gebe, die derartige Pflichten beinhalteten. Hauseigentümern obliege es grundsätzlich nicht, Dritte vor Dachlawinen zu schützen. Zu speziellen Sicherungsmaßnahmen seien sie nur dann verpflichtet, wenn besondere Umstände vorlägen, wie die allgemeine Schneelage des Ortes, eine besondere Beschaffenheit und Lage des Gebäudes, allgemein ortsübliche Sicherungsvorkehrungen, die konkreten Schneeverhältnisse oder besonders intensiver Verkehr unter dem Dach. Solche besonderen Umstände seien im Schadensfall nicht festzustellen gewesen. Vor möglichen Dachlawinen habe die Eigentümerin auch nicht warnen müssen, weil diese Gefahrenlage für den aufmerksamen Verkehrsteilnehmer rechtzeitig erkennbar gewesen sei (Az. I-9 U 119/12).

Das Landgericht Ulm sah dies etwas anders. Es entschied, dass bei einem besonders steilen Dach (hier: Dachneigung von 60 Grad) in einem schneereichen Gebiet und aufgrund der Tatsache, dass sich unter dem Dach ein öffentlicher Parkplatz befand, eine Pflicht des Hauseigentümers bestand, ein Schneefanggitter anzubringen. Dem Eigentümer des beschädigten Autos erlegte das Gericht allerdings eine Mithaftung von 50 Prozent auf, da er als Ortskundiger unter dem mit Schnee überladenen Dach geparkt hatte (Az. 1 S 16/06).

Das Oberlandesgericht Karlsruhe war der Ansicht, dass Schneefanggitter grundsätzlich anzubringen sind, wenn die Dachneigung mindestens 45 Grad beträgt (Az. 1 U 305/82).

Das Amtsgericht München betonte, dass Hauseigentümer ihrer Verkehrssicherungspflicht genügen, wenn sie Schneefanggitter auf dem Dach anbringen. Zusätzliche Maßnahmen, wie etwa Warnschilder, sind nur unter ganz besonderen Umständen erforderlich, also bei besonderer Gefahrenlage. Einsetzendes Tauwetter reiche dafür nicht aus. Denn grundsätzlich müsse im Winter immer noch jeder selbst darauf achten, keinen Schaden zu erleiden. Der Autofahrer blieb hier also auf dem Schaden sitzen, den er durch einen in sein Fahrzeug eingeschlagenen Eisbrocken erlitten hatte.
Das Gericht erklärte, dass insbesondere von den Bewohnern schneeärmerer Gebiete nicht ohne weiteres verlangt werden könne, bei jedem Niederschlag, der geeignet sein kann, zur Bildung und Ablösung von Dachlawinen zu führen, entsprechende Sicherheitsmaßnahmen zu ergreifen (Az. 263 C 10893/07 und Az. 222 C 25801/05).

Was sagt die Versicherung?


Hauseigentümer sollten sich durch eine Privathaftpflichtversicherung absichern, wenn sie ihr Haus selbst bewohnen. Wer vermietet, sollte eine Haus- und Grundeigentümer-Haftpflicht abschließen, denn hier reicht die Privathaftpflichtversicherung in der Regel nicht aus.
Schäden durch Schneedruck am eigenen Gebäude sind oft nicht durch eine normale Gebäudeversicherung abgedeckt. Hier muss zusätzlich ein Baustein abgeschlossen werden, der sich “weitere Naturgefahren” oder “Elementarschadenversicherung” nennt.
Autofahrer bekommen Schäden durch eine Dachlawine allenfalls bei einer Vollkaskoversicherung erstattet. Eine Teilkasko bezahlt zumindest die Glasschäden – als kleinen Trost.

Praxistipp


Zusammenfassend kann man sagen, dass zwar jeder Passant und Autofahrer grundsätzlich selbst darauf achten muss, nicht durch Dachlawinen geschädigt zu werden. Hauseigentümer mit Dächern, die über öffentliche Straßen hängen, sollten allerdings zumindest darauf achten, dass Schneefanggitter vorhanden sind – egal, wo in Deutschland sich ihr Haus befindet. Denn diese Sicherheitsmaßnahme kann als Standard angesehen werden. Durch Schneefanggitter wird die Verkehrssicherungspflicht in aller Regel erfüllt. Zusätzliche Maßnahmen wie Warnschilder sind nur bei besonderer Gefahr erforderlich.

(Wk)



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