Sind Arbeitnehmer im Homeoffice gesetzlich unfallversichert?

06.07.2020, Redaktion Anwalt-Suchservice / Lesedauer ca. 4 Min. (63 mal gelesen)
Laptop,Verbandsmaterial Beim Arbeiten zu Hause schützt die Unfallversicherung nicht immer. © Ma - Anwalt-Suchservice

Nach wie vor arbeiten viele Arbeitnehmer im Homeoffice. Auch zu Hause können jedoch Unfälle passieren. Ist man nun auch im Homeoffice gesetzlich unfallversichert und wann greift dieser Schutz?

Die gesetzliche Unfallversicherung schützt Arbeitnehmer bei Unfällen während der Arbeit und auf dem Arbeitsweg. Getragen wird sie von der Berufsgenossenschaft. Allerdings gibt es eine Vielzahl von Rechtsstreitigkeiten darüber, wann genau ein Arbeitsunfall vorliegt. Viele diese Auseinandersetzungen betreffen zum Beispiel Betriebsfeiern, Dienstreisen oder Verrichtungen ohne Bezug zum Job. Die Coronakrise hat dafür gesorgt, dass eine Vielzahl von Arbeitnehmern im Homeoffice arbeiten. Einiges spricht dafür, dass deren Zahl sich auch nach Corona auf einem deutlich höheren Niveau als zuvor bewegen wird, denn Homeoffice hat Vorteile für Arbeitgeber und Arbeitnehmer. Was gilt nun aber im Homeoffice für die Unfallversicherung? Denn immerhin vermischen sich hier der private und der berufliche Bereich.

Wann greift die gesetzliche Unfallversicherung auch im Homeoffice?


Die gesetzliche Unfallversicherung greift grundsätzlich immer dann, wenn sich ein Unfall im Zusammenhang mit der arbeitsvertraglich geschuldeten Tätigkeit ereignet. Das bedeutet: Fällt dem Arbeitnehmer beim Verfassen einer beruflichen E-Mail der Laptop auf den Fuß und er bricht sich den großen Zeh, ist dies ein Fall für die gesetzliche Unfallversicherung.

Anders sieht dies nun aber aus, wenn sich ein Arbeitnehmer im Homeoffice schnell einen Kaffee aus der Küche holt oder die Toilette aufsucht. Im Betrieb steht der Gang zur Kantine oder zur Toilette unter dem Schutz der gesetzlichen Unfallversicherung - immerhin befindet sich beides im Betriebsgebäude. Ausnahme: Ein Unfall auf der Toilette oder im Toilettenraum selbst wird oft - nicht immer - als Privatsache angesehen (Bayerisches Landessozialgericht, Urteil vom 6.5.2003, Az. L 3 U 323/01).

Im Homeoffice verhält es sich mit den Wegen zur Küche oder zur Toilette jedoch anders als im Betrieb. Hier wird damit argumentiert, dass es sich um Verrichtungen handelt, die nicht in vollem Umfang der Berufstätigkeit zuzuordnen sind und die sich auch nicht in den Räumen des Betriebes abspielen.

Schon vor vielen Jahren hat das Bundessozialgericht daher entschieden: Im Homeoffice gelten Wege zur Toilette oder zur Nahrungsaufnahme in die Küche als sogenannte eigenwirtschaftliche Tätigkeiten und sind nicht versichert (Urteil vom 6.12.1989, Az. 2 RU 5/89).

Aber: Verlässt man nun den eigentlichen Arbeitsraum im Zusammenhang mit der Arbeit, sieht dies wieder anders aus. Verlässt man zum Beispiel den Arbeitsraum im Erdgeschoss, weil die Internetverbindung streikt, um im ersten Stock den Router zu überprüfen, dürfte ein Sturz auf der Treppe als Arbeitsunfall durchgehen. Wird das Arbeitszimmer verlassen, um eine Postsendung oder ein Paket anzunehmen, hängt es davon ab, ob es sich um eine berufliche oder private Zusendung gehandelt hat. In derartigen Fällen ist jedoch damit zu rechnen, dass sich die Unfallversicherung erst einmal gegen eine Anerkennung sperrt, sodass unter Umständen geklagt werden muss.

Wie sieht es mit dem Arbeitsweg aus?


Der Arbeitsweg zum Betrieb fällt unter den Schutz der gesetzlichen Unfallversicherung. Zu Hause ist das jedoch problematisch.

Das Bayerische Landessozialgericht hatte noch vor einiger Zeit entschieden, dass Arbeitswege innerhalb der eigenen Wohnung keine Arbeitswege seien. Wer also auf dem Weg ins Homeoffice auf der eigenen Treppe ausrutscht und sich verletzt, wäre demnach nicht unfallversichert. Das Bundesarbeitsgericht sieht das jedoch anders.

Zur Verhandlung kam der Fall einer Key-Account Managerin, die laut Arbeitsvertrag eine 40-Stunden-Woche hatte und ausschließlich von zu Hause aus arbeiten sollte. Genauere Angaben zum Arbeitsplatz standen nicht im Vertrag. Die Frau hatte sich im Keller ihres Hauses ein Arbeitszimmer eingerichtet. Eines Tages hatte sie eine Messe besucht, um Kunden zu gewinnen. Eine Mitarbeiterin aus dem Unternehmen rief an und forderte sie auf, um 16 Uhr 30 den Chef anzurufen. Die Arbeitnehmerin fuhr nach Hause und wollte nun in ihr Kellerbüro gehen, um dort den Laptop anzuschließen, über den sie üblicherweise telefonierte. Sie trug den Laptop und weiteres Arbeitsmaterial in den Keller, stürzte auf der Treppe und verletzte sich an der Wirbelsäule.
Die gesetzliche Unfallversicherung lehnte eine Anerkennung als Arbeitsunfall ab. Die Treppe habe den privaten und den beruflichen Bereich miteinander verbunden, solche Räume fielen nicht unter den Schutz der Unfallversicherung.

Wie hat das Bundessozialgericht entschieden?


Das Bundessozialgericht stellte fest: Es handelte sich hier um einen versicherten Arbeitsunfall. Denn: Als Arbeitsort war die Wohnung der Arbeitnehmerin vertraglich vereinbart worden. Und sie war in den Keller gegangen, um einer direkten dienstlichen Weisung des Geschäftsführers nachzukommen.
Die Faustregel "der Arbeitsweg beginnt an der Außentür der Privatwohnung" sei im Homeoffice nicht anwendbar. Obendrein sei das Telefonat mit dem Geschäftsführer eine Aufgabe im Interesse des Unternehmens gewesen (Urteil vom 27.11.2018, Az. B 2 U 28/17 R).

Anmerkung: Wäre ihr auf dem Weg zur Messe auf der Straße ein Unfall passiert, hätte dies der Unfallversicherungsschutz sehr wahrscheinlich auch umfasst - denn dann wäre sie in Ausführung ihrer arbeitsvertraglichen Tätigkeiten (Vertrieb) unterwegs gewesen. Es kommt hier aber immer auch auf den Einzelfall an.

Was gilt, wenn ich mein Kind in die Kita bringen muss?


Wer in einem Betrieb arbeitet, darf durchaus auf dem Weg zur Arbeit noch sein Kind in der Kita vorbeibringen. Auf dem Weg ist der Elternteil dann gesetzlich unfallversichert - schließlich befindet er oder sie sich auf dem Weg zur Arbeit. Der Umweg zur Kita ist anerkannt. Nur vollkommen private Umwege machen (etwa zum Frühstück-Einkaufen) darf man nicht (Sozialgericht Wiesbaden, Az. S 1 U 99/08).

Wer jedoch im Home-Office arbeitet, hat eigentlich keinen Arbeitsweg - zumindest nicht außerhalb der Wohnung. Der Umweg zur Kita kann also auch nicht in den Arbeitsweg einbezogen werden. Aus diesem Grund sind Arbeitnehmer im Homeoffice auf dem Weg in die Kita nicht gesetzlich unfallversichert. Das hat auch das Sozialgericht Hannover bestätigt - hier hatte sich eine Mutter, die im Homeoffice arbeitete, auf dem Rückweg von der Kita den Ellbogen gebrochen, als sie mit dem Fahrrad auf Blitzeis ausgerutscht war. Das Landessozialgericht Niedersachsen bestätigte das Urteil. Zuletzt lehnte auch das Bundessozialgericht eine Anerkennung als Arbeitsunfall ab (30.1.2020, Az. B 2 U 19/18 R).

Praxistipp


Wege innerhalb der Wohnung können im Ausnahmefall gesetzlich unfallversichert sein, wenn sie notwendig sind, um etwas für den Beruf zu erledigen. Dies gilt nicht für private Wege zum Kühlschrank, zur Kaffeemaschine oder zur Toilette. Wege außerhalb der Wohnung sind in der Regel nicht unfallversichert. Wer mit der Unfallversicherung über die Anerkennung eines Arbeitsunfalls streitet, sollte sich von einem Fachanwalt für Sozialrecht beraten lassen.

(Ma)



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