Erbengemeinschaft – immer Ärger mit der Familie?

17.11.2020, Redaktion Anwalt-Suchservice / Lesedauer ca. 4 Min. (838 mal gelesen)
Männer,Frau Erben mehrere Personen gemeinsam, sind Streitigkeiten oft vorprogrammiert. © - freepik

Wenn es mehrere Erben gibt, die anteilig an einem Nachlass beteiligt sind, entsteht eine Erbengemeinschaft. Diese bleibt oft lange Zeit bestehen und häufig kommt es zu Streitigkeiten unter den Erben.

Nach einem Erbfall gibt es sehr oft mehrere Erben. Bei gesetzlicher Erbfolge kann dies ebenso passieren wie bei einer Erbschaft durch ein Testament. Ohne weiteres Zutun der Erben entsteht dann eine sogenannte Gesamthandsgemeinschaft. Das bedeutet: Der gesamte Nachlass gehört den Erben gemeinsam und jeder hat ein Anrecht auf den ihm zustehenden prozentualen Anteil. Dies gilt auch dann, wenn der Erblasser verfügt hat, dass sein Sportwagen an den Enkel, seine Münzsammlung an seine Tochter und sein Aktiendepot an seine Pflegekraft gehen soll. Ein Vererben einzelner Gegenstände an bestimmte Personen ist nur mit besonderen Regelungen wie etwa einer Teilungsanordnung oder einem Vermächtnis möglich. Ohne diese entsteht in der Regel ein gemeinsames Vermögen. Dieses muss bis zu seiner offiziellen Aufteilung zunächst einmal verwaltet werden.

Welche besonderen gesetzlichen Regeln gibt es?


§ 2032 des Bürgerlichen Gesetzbuches (BGB) erklärt, was eine Erbengemeinschaft ist. Deren Regeln geben dann die §§ 2034 bis 2057a vor. Dort ist beispielsweise geregelt, dass ein Miterbe zwar (durch notariellen Vertrag) über seinen Anteil am Nachlass verfügen kann. Zum Beispiel kann er also seinen 25-Prozent-Anteil am Nachlass einem anderen Miterben überschreiben.
Der Miterbe kann nicht frei über seinen Anteil an einzelnen Nachlassgegenständen verfügen. So kann er zum Beispiel nicht einfach 25 Prozent der Münzen aus der Münzsammlung bei eBay verkaufen.

Verkauf eines Anteils


Wenn ein Miterbe seinen Anteil am Gesamtnachlass verkaufen will, haben die anderen Miterben ein Vorkaufsrecht. Sie müssen dieses jedoch innerhalb von zwei Monaten ausüben. Hat der Verkäufer den Anteil bereits auf einen Fremden übertragen, dürfen die anderen Miterben gegenüber dem Käufer ein Vorkaufsrecht geltend machen. Derjenige, der seinen Anteil verkaufen will, muss die anderen von dem Geschäft unverzüglich unterrichten.

Wer trifft die Entscheidungen?


Die Erben haben den Nachlass gemeinsam zu verwalten. Dabei ist jeder gegenüber den anderen verpflichtet, bei Maßnahmen mitzuwirken, die für eine ordnungsgemäße Verwaltung erforderlich sind. Dies kommt besonders oft bei Immobilien vor. Besonders dringende Erhaltungsmaßnahmen kann aber auch jeder Miterbe allein veranlassen. Beispiel: Es regnet durch das Dach der geerbten Immobilie ins Schlafzimmer der Mieter. Ein einzelner Miterbe kann die Dachreparatur in Auftrag geben.
Wenn durch den Nachlass Gewinne erwirtschaftet werden, so erfolgt deren Verteilung erst bei der abschließenden Erbauseinandersetzung. So nennt man die endgültige Aufteilung des Nachlasses unter den Miterben. Sofern diese für längere Zeit als ein Jahr ausgeschlossen ist, kann jeder Miterbe am Ende eines jeden Jahres eine Aufteilung des Reinertrages verlangen.

Wer haftet für Nachlass-Schulden?


Die Nachlassverbindlichkeiten reichen von einem Darlehen des Erblassers für den Hausbau bis hin zu seinen Bestattungskosten. Für sie haften die Erben gemeinsam als Gesamtschuldner. Das heißt: Ein Gläubiger kann sich grundsätzlich aussuchen, von welchem Erben er sein Geld einfordert. Dies gilt jedoch erst, nachdem das Erbe angenommen wurde. Wenn ein Mitglied der Erbengemeinschaft wegen einer Nachlassverbindlichkeit in Anspruch genommen wurde, haben ihm die anderen entsprechend ihren Erbanteilen einen Ausgleich zu bezahlen.

Im Normalfall werden die Nachlassverbindlichkeiten vor der Erbauseinandersetzung aus dem Nachlass bezahlt. Dazu muss der Nachlass allerdings soweit erforderlich in Geld verwandelt werden. Bis zur Teilung des Nachlasses kann jeder Miterbe sich weigern, Beträge als Nachlassverbindlichkeiten zu bezahlen, die größer sind, als sein Erbanteil.

Wie endet eine Erbengemeinschaft?


Mit der Erbauseinandersetzung ist die Erbengemeinschaft beendet. Bei der Auseinandersetzung wird der Nachlass entsprechend der Erbanteile aufgeteilt. Jeder der Miterben ist berechtigt, die Auseinandersetzung jederzeit zu verlangen. Wenn eine einvernehmliche Regelung unter den Erben nicht zustande kommt, können diese das Nachlassgericht zur Vermittlung anrufen. Bleibt auch diese ohne Ergebnis, kann ein Miterbe auf Erbauseinandersetzung klagen.

Allerdings muss man wissen, dass die Erbauseinandersetzung für eine bestimmte Zeit ausgeschlossen sein kann. Dies kann zum Beispiel der Fall sein, wenn
- ein Miterbe dies wegen eines Aufgebotsverfahrens zur Ermittlung unbekannter Nachlassgläubiger wünscht,
- wenn die Erbteile wegen der zu erwartenden Geburt eines Miterben unklar sind,
- wenn der Erblasser entsprechende Regelungen im Testament getroffen hat.

Was ist eine Teilungsanordnung?


Der Erblasser kann in seinem Testament eine Teilungsanordnung treffen. In dieser bestimmt er, welche Nachlassgegenstände bestimmte Erben bekommen sollen. Wenn es keine derartige Anordnung gibt, geht es nach prozentualen Anteilen. Ein anderer Weg, Personen bestimmte Gegenstände zukommen zu lassen, ist das sogenannte Vermächtnis. Ein Vermächtnisnehmer ist jedoch kein Erbe. Er erwirbt lediglich einen Anspruch gegen die Erben. Im Rahmen eines Vorausvermächtnisses kann auch ein Miterbe zusätzlich zu seinem Erbanteil ein Vermächtnis erhalten. Dieses wird nicht auf seinen Anteil am Nachlass angerechnet. In der Praxis gibt es hier jedoch immer wieder Schwierigkeiten bei der Abgrenzung zwischen den verschiedenen Konstruktionen. Kleine falsche Formulierungen im Testament können unerwünschte Folgen haben. Hier besteht Beratungsbedarf.

Urteil: Anfechtung der Erbauseinandersetzung


Die Mitglieder einer Erbengemeinschaft sollten eine Erbauseinandersetzung immer als schriftlichen Vertrag festhalten – mit notarieller Beurkundung, sobald Immobilien im Spiel sind. Ein solcher Vertrag kann jedoch, wie jedes gegenseitige Rechtsgeschäft, auch angefochten werden. Eine Anfechtung kann zum Beispiel wegen arglistiger Täuschung erfolgen, wenn ein Miterbe den anderen nicht mitteilt, dass er vorher rechtswirksam auf seinen Erbteil verzichtet hat. Dies ergibt sich aus einem Urteil des Oberlandesgerichts München vom 24. Juni 2009 (Az. 20 U 4882/08).

Praxistipp


Probleme bereitet die Erbengemeinschaft insbesondere, wenn Immobilien vererbt werden, über deren weiteres Schicksal sich die Erben nicht einig sind und die womöglich vermietet sind und längere Zeit von der Gemeinschaft verwaltet werden müssen. Probleme bereiten auch vererbte Betriebe, wenn deren Zerschlagung zur Auszahlung der Erbanteile verhindert werden soll. Hier ist eine fachkundige Beratung durch einen Fachanwalt für Erbrecht unabdingbar.

(Bu)



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