Sorgerecht: Wer entscheidet über die Religion des Kindes?

28.11.2018, Redaktion Anwalt-Suchservice / Lesedauer ca. 5 Min. (864 mal gelesen)
Sorgerecht: Wer entscheidet über die Religion des Kindes? © Ma - Anwalt-Suchservice

Im Rahmen ihres Sorgerechts können Eltern auch bestimmen, ob ein Kind im Sinne einer bestimmten Religion erzogen wird und wenn ja nach welcher. Allerdings sorgt dieser Punkt in den letzten Jahren oft für Streit.

Immer mehr Paare haben eine unterschiedliche Religion. Was im Alltagsleben vielleicht kaum auffällt, wird bei Fragen der Kindererziehung und der religiösen Erziehung des Kindes schließlich doch relevant. So kommt es zu immer mehr Streitigkeiten darüber, nach wessen Religion sich die Erziehung des Kindes richten soll. Auch diese Entscheidung gehört zum Sorgerecht der Eltern. Spätestens bei einer Trennung sorgt dieser Punkt jedoch oft für Streit.
Beim Familiengericht können Eltern nicht nur die Übertragung des Sorgerechts insgesamt auf einen Elternteil beantragen, sondern auch die Übertragung der Entscheidungsbefugnis in einer bestimmten Sache, über die sich beide Elternteile nicht einigen können – wie zum Beispiel der Entscheidung über die religiöse Erziehung des Kindes.

Warum gehört der Glaube zum Sorgerecht?


Das Sorgerecht bzw. korrekter die "elterliche Sorge" ist ein Begriff aus dem Familienrecht. Geregelt ist es in den §§ 1626 ff. des Bürgerlichen Gesetzbuches. Nach diesen Vorschriften haben Eltern nicht nur das Recht, sondern auch die Pflicht, für ihr minderjähriges Kind zu sorgen. Dies ergibt sich schon aus Artikel 6 Abs. 2 des Grundgesetzes. Dabei unterscheidet man die Sorge für die Person des Kindes (Personensorge) von der Sorge für dessen finanzielle Angelegenheiten (Vermögenssorge).
Nach § 1626 BGB haben die Eltern bei der Ausübung des Sorgerechts im Rahmen der Pflege und Erziehung des Kindes dessen wachsende Fähigkeiten und sein wachsendes Bedürfnis zu selbständigem, verantwortungsbewusstem Handeln zu berücksichtigen. Die Eltern sollen mit dem Kind, soweit es nach dessen Entwicklung angezeigt ist, Fragen der elterlichen Sorge besprechen, und ein Einvernehmen anstreben. Das Ziel ist, dass das Kind irgendwann als mündiger Erwachsener seine eigenen Lebensentscheidungen treffen kann. Dazu gehört auch der Umgang mit der Religion, der das Kind selbst bei nicht religiösen Eltern unweigerlich in der Schule, bei Freunden und an Feiertagen begegnet.

Beispiel: Katholische Taufe nach der Trennung


Mit einem besonderen Streitfall hatte sich das Oberlandesgericht Oldenburg zu beschäftigen. Hier hatten die Eltern eines Kindes sich getrennt, aber – nicht unüblich – das gemeinsame Sorgerecht behalten. Das Kind lebte bei der deutschen Mutter, die katholisch war. Der Vater war Moslem. Unmittelbar nach der Trennung ließ die Mutter das Kind katholisch taufen.
Der Vater war durchaus tolerant. Er akzeptierte, dass die Taufe eine nicht umkehrbare Sache war, und hatte auch nichts dagegen, dass das Kind weiter den katholischen Kindergarten besuchte. Allerdings wollte er nicht, dass sein Kind zu einer bestimmten Religion gezwungen würde. Dies sollte das Kind beizeiten selbst entscheiden können. War dies nicht das, was man im Westen unter Toleranz und Freiheit verstand? Er verlangte im Rahmen seines Sorgerechts, dass er für sein Kind den Austritt aus der katholischen Kirche erklären dürfe.

Was dürfen Gerichte zum Thema Religion entscheiden?


Das Oberlandesgericht Oldenburg tat sich mit einer solchen Entscheidung schwer: Es sei nicht Sache des Staates und der Gerichte, über die Religion eines Kindes zu entscheiden. Komme man dem Antrag des Vaters nach, treffe man aber eine solche Entscheidung. Letztendlich sei dies aber Sache der Eltern. Ein Gericht könne im Streitfall allenfalls einem Elternteil die Entscheidungsbefugnis zusprechen, den Eltern aber nicht die Entscheidung abnehmen.

Wonach richtet sich, welcher Elternteil entscheidet?


Bei der Entscheidung, welcher Elternteil über die Religion des Kindes bestimmen darf, kommt es laut Oberlandesgericht Oldenburg darauf an, welcher Elternteil nach den allgemeinen Grundsätzen des Sorgerechts dafür besser geeignet sei. Auf dessen Religion komme es nicht an, sondern auf

- das Kindeswohl,
- eine kontinuierliche Erziehung ohne ständige Richtungswechsel,
- die Einbettung des Kindes in seine soziale Umgebung.

Da das Kind hier nun einmal bei der katholischen Mutter wohnte und in einer katholischen Umgebung einschließlich katholischem Kindergarten aufwuchs, hielt das Gericht die Mutter auch für am besten geeignet, entsprechende Entscheidungen zu treffen. Es lehnte daher den Antrag des Vaters auf eine Entscheidung über den Kirchenaustritt des Kindes ab (OLG Oldenburg, Beschluss vom 9. Februar 2010, Az. 13 UF 8/10).

Beispiel: Katholisch oder serbisch-orthodox?


Auch das Oberlandesgericht Stuttgart hatte sich mit einem ähnlichen Fall zu befassen. Hier war die Mutter katholisch, der Vater serbisch-orthodox. Die Eltern hatten sich getrennt, die Kinder lebten bei der Mutter. Das Sorgerecht lag bei beiden Elternteilen, die Mutter hatte jedoch die Übertragung des alleinigen Sorgerechts beantragt. Getauft waren die Kinder nicht. Die Mutter beantragte nun bei Gericht, ihr die Entscheidungsbefugnis darüber zuzugestehen, dass der Sohn sich katholisch taufen und die Kommunion empfangen dürfe. Der neunjährige Sohn war auch dafür, aber eher aus nichtreligiösen Gründen: Seine Freunde waren katholisch. Der Vater war jedoch dagegen.
Das Gericht erklärte hier, dass man Entscheidungen, die mit dem Kindeswohl zu tun hätten, nicht einfach ablehnen könne, weil sie mit der religiösen Erziehung des Kindes zu tun hätten. Zwar schreibe das Gesetz über religiöse Kindererziehung (RelKErzG) vor, dass Kinder ab 14 Jahren selbst über ihre Religion entscheiden könnten. Man könne hier die Entscheidung aber nicht fünf Jahre lang aufschieben. Hier sei das Kindeswohl und auch der Wille des Kindes selbst zu berücksichtigen. Der Junge habe sich mehrfach eindeutig dafür ausgesprochen, getauft zu werden und die Kommunion zu erhalten. Er habe sich auch mit der Religion des Vaters befasst und sehe diese nicht negativ. Auch nach den Äußerungen des Vaters sei kein Bruch zwischen Vater und Sohn zu erwarten, wenn dieser katholisch erzogen werde. Es sei auch zu berücksichtigen, dass der Sohn bei der Mutter in einem katholischen Umfeld aufwachse.
Das Gericht sprach daher die Entscheidungsbefugnis über Taufe und Kommunion der Mutter zu (OLG Stuttgart, Beschluss vom 24. Februar 2016, Az. 17 UF 292/15).

Beispiel: Beschneidung oder Taufe?


Ganz anders entschied das OLG Karlsruhe im Mai 2016. Hier war die Mutter evangelisch und der Vater Moslem. Die Eltern des dreijährigen Kindes hatten sich getrennt; die Mutter hatte wieder geheiratet und wollte das Kind nun evangelisch taufen lassen. Der Vater dagegen wollte den Sohn nach muslimischer Tradition beschneiden lassen. Die Mutter beantragte beim Familiengericht, ihr die alleinige Entscheidungsbefugnis in dieser Frage zuzuweisen. Das Amtsgericht stimmte dem zu, das Oberlandesgericht jedoch nicht.
Dem OLG zufolge entspreche es nämlich nicht dem Kindeswohl, wenn andere für das Kind im Alter von drei Jahren entschieden, welche Religion es haben solle. Zum jetzigen Zeitpunkt könne das Kind den Inhalt und die Bedeutung der jeweiligen religiösen Bekenntnisse noch gar nicht verstehen. Es ahme höchstens das Verhalten seiner Eltern nach, ohne den Sinn zu begreifen.
Zwar sei das Kind Spannungen ausgesetzt, wenn es im Haushalt der Mutter und des Vaters unterschiedliche Religionen erlebe. Dies sei aber nicht zu ändern – schon gar nicht, indem man ihm eine der beiden Religionen vorschreibe. Am besten sei dem Kindeswohl gedient, wenn beide Eltern die Religionszugehörigkeit des jeweils anderen tolerierten, diese Toleranz auch dem Kind vermittelten und ihm so die Entscheidung für den einen oder anderen Elternteil ersparten. Wenn das Kind alt genug sei, könne es dann selbst über seine Religion entscheiden (OLG Karlsruhe, Beschluss vom 3.5.2016, Az. 20 UF 152/15).

Praxistipp


Was für das Kind das beste ist, hängt auch hier sehr stark vom Einzelfall ab – etwa von der sozialen Einbindung des Kindes, seinen Freunden und seinem Umfeld. Die Gerichte werden bei dieser Frage auch immer die Wünsche des Kindes anhören. Rat und Hilfe zum Thema Sorgerecht finden Sie bei einem Fachanwalt für Familienrecht.

(Ma)



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