Nach Autounfall: Was ist zu empfehlen – Sachverständigengutachten oder Kostenvoranschlag?

13.07.2015, Redaktion Anwalt-Suchservice / Lesedauer ca. 3 Min. (419 mal gelesen)
Nach Autounfall: Was ist zu empfehlen – Sachverständigengutachten oder Kostenvoranschlag? © Bu - Anwalt-Suchservice
Schadenshöhe: schwer einschätzbar
Nach einem Unfall ist die Höhe des Schadens meist schwer einschätzbar. Eine zerkratzte Stoßstange aus Kunststoff ist oft unreparabel und kann teuer werden, auch das Beseitigen von Beulen und Lackschäden ist aufwändig. Kommen Schäden an der Technik dazu, wird die Sache für den Laien endgültig undurchschaubar. Nur: Wenn man bei der gegnerischen Versicherung einen Schadenersatz geltend machen will, muss man dessen Höhe nennen können – und diese irgendwie nachweisen.

Kostenvoranschlag
Ein möglicher Weg dafür ist, den Kostenvoranschlag einer Werkstatt einzuholen. Für den Kostenvoranschlag gibt es grundsätzlich keine Extra-Vergütung. Eine solche kann aber vertraglich vereinbart werden. Manchmal werden die Kosten dafür dann bei Auftragerteilung verrechnet. Man muss hier zwischen einem unverbindlichen und einem verbindlichen Kostenvoranschlag unterscheiden.

Ist der Kostenvoranschlag verbindlich?
Der Kostenvoranschlag oder – wie ihn das Gesetz nennt – Kostenanschlag – ist im Zivilrecht geregelt (§§ 650 und 632 Abs. 3 BGB). Der unverbindliche Kostenvoranschlag wird kein fester Vertragsbestandteil. Wenn die Werkstatt die darin veranschlagten Kosten wesentlich – also um mehr als 20 Prozent – überschreitet, muss sie den Auftraggeber vorher um sein Einverständnis bitten. Dieses kann der Kunde erteilen oder verweigern. Im zweiten Fall beendet er den Vertrag und erstattet der Werkstatt die bisher entstandenen Kosten. Bei einem verbindlichen oder garantierten Kostenvoranschlag muss sich die Werkstatt an den angegebenen Preis halten, dieser wird Vertragsbestandteil. Hat der Unternehmer sich allerdings böse verrechnet, kann er den Vertrag von sich aus anfechten.

Sachverständigengutachten
Generell trägt der Unfallverursacher bzw. dessen Haftpflichtversicherung die Kosten für einen Sachverständigen. Der Geschädigte sollte sich dabei nicht auf den Sachverständigen der gegnerischen Versicherung verlassen, sondern auf der Einschaltung eines unabhängigen Sachverständigen bestehen. Auch Punkte wie die Wertminderung des Fahrzeugs und ein Nutzungsausfall für die Reparaturzeit müssen bei der Schadensfeststellung mit einbezogen werden. Bei einem Kaskoschaden regelt der Versicherungsvertrag, ob der Versicherte den Gutachter frei aussuchen darf. Häufig wird dieser von der Versicherung bestellt; ein unabhängiger Gutachter muss dann in der Regel selbst bezahlt werden.

Was kostet ein Sachverständigengutachten?
Sacherständige rechnen meist auf Basis der Höhe des festgestellten Schadens ab. Dem Bundesverband der KfZ-Sachverständigen BVSK zufolge beträgt der Preis für ein Schadengutachten bei einem Schaden von 2.500 Euro abhängig von Aufwand und regionalen Gegebenheiten zwischen 313 und 353 Euro. Nebenkosten wie Fahrtkosten, Porto/ Telefon und Fotokosten gehen extra. Verbindliche einheitliche Gebührensätze gibt es jedoch nicht. Das Landgericht Saarbrücken hat entschieden, dass einem KfZ-Sachverständigen zwar 291 Euro für eine Begutachtung zustanden, aber nicht die geforderten 259 Euro für „Nebenleistungen.“ Dem Gericht zufolge sind alle Nebenkosten, die 100 Euro überschreiten, überhöht (Urteil vom 22.06.2012, Az. 13 S 37/12).

Versicherungsfragen
Die Entscheidung zwischen Kostenvoranschlag und Gutachten wird immer
dann relevant, wenn es sich um einen relativ geringen Schaden handelt. Denn die Versicherungen zahlen bei geringen Schäden kein teures Sachverständigengutachten. Ein solcher Fall wurde vom Amtsgericht Kiel verhandelt: Ein Autofahrer hatte auf einem KITA-Parkplatz rückwärts aus einer Parklücke ausgeparkt und dabei ein anderes Auto gestreift. Der Unfallgegner beauftragte einen Sachverständigen mit der Schadensfeststellung. Dieser verlangte 323 Euro dafür. Die Versicherung des Verursachers weigerte sich, den Sachverständigen zu bezahlen: Der Schaden am Auto sei mit rund 1.054 Euro inklusive Mehrwertsteuer zu gering. Der Unfallverursacher habe durch die Beauftragung des Sachverständigen gegen seine Pflicht verstoßen, den zu ersetzenden Schaden insgesamt gering zu halten.

Bagatellgrenze
Grundsätzlich gehen die Gerichte bei kleineren Schäden von einer Bagatellgrenze von 700 Euro aus. Übersteigt der Unfallschaden diesen Betrag, muss die Versicherung die Kosten für den Sachverständigen erstatten. Das Kieler Gericht entschied ebenso: Bei einem Schaden von 1.054 Euro seien die Sachveständigenkosten von der Versicherung zu übernehmen (Urteil vom 30.11.2011, Az.: 113 C 145/11). Das Gericht betonte jedoch, dass nicht nur die Beträge entscheidend seien, die der Geschädigte ja vor Beauftragung eines Gutachters nicht kenne. Es hänge auch davon ab, ob der Schaden auch vom Laien ohne Weiteres als Bagatellschaden zu erkennen sei. Und dies sei heute aufgrund der immer aufwändigeren Fahrzeugtechnik immer seltener der Fall.

Pro und Contra Kostenvoranschlag
Muss damit gerechnet werden, dass die gegnerische Versicherung ein Sachverständigengutachten nicht bezahlt, muss demnach ein Kostenvoranschlag der Werkstatt ausreichen. Ihm wird vor Gericht in der Regel jedoch ein geringerer Beweiswert beigemessen. Kommt es zum Rechtsstreit, wird das Gericht unter Umständen von sich aus einen Sachverständigen beauftragen. Geschädigte sollten auch wissen, dass die KFZ-Werkstatt nur die Reparaturkosten ermittelt, Wertverlust und Nutzungsausfall aber außen vor lässt.