Wer haftet beim Reitunfall?

08.03.2018, Redaktion Anwalt-Suchservice (187 mal gelesen)
Wer haftet beim Reitunfall? © Rh - Anwalt-Suchservice

Beim Reiten kommt es oft zu Verletzungen. Oft entsteht Streit über die Haftung. Denn: Viele Reiter sind auf fremden Pferden unterwegs, verletzten sich in der Reitschule oder ihr Pferd verletzt Unbeteiligte.

Reiten ist ein beliebter Sport. Nach einer von der “Deutschen reiterlichen Vereinigung” veröffentlichten Allensbach-Studie bezeichneten sich 2016 in Deutschland 3,89 Millionen Menschen als Reiter. 900.000 Menschen besaßen ein eigenes Pferd. Allerdings kommt es beim Reiten auch immer wieder zu Unfällen. Wer dann für die Folgen haftet, richtet sich nach den Umständen des Unfalls. Viele Pferdehalter sind sich über den Umfang ihrer Haftung als Tierhalter im Unklaren. Und auch über die Haftung von Reitschulen wurden bereits Prozesse ausgefochten.

Wer haftet, wenn ich vom Pferd falle?


Fällt ein Reiter durch eigene Schuld vom eigenen Pferd, muss er selbst die Folgen tragen. Hier können allenfalls seine Versicherungen für die Kosten der ärztlichen Behandlung oder des Krankenhausaufenthaltes aufkommen.
Wird der Sturz jedoch verursacht, weil das Pferd infolge eines laut hupenden Autos durchgeht oder vor einem unangeleinten fremden Hund scheut, sieht die Sache schon anders aus. Dann haftet der hupende Autofahrer oder auch der Halter des Hundes. Denn ohne die fremde Einwirkung wäre es nicht zum Sturz gekommen. Hier kann ggf. auch ein Anspruch auf Schmerzensgeld geltend gemacht werden. Ist das eigene Pferd durchgegangen oder hat gescheut, wird ein Gericht jedoch auch meist dem Reiter ein Mitverschulden an seiner eigenen Verletzung anrechnen. Wie hoch dieses ausfällt, ist von Fall zu Fall unterschiedlich.

Was versteht man unter der Tierhalterhaftung?


Die Tierhalterhaftung ist in § 833 des Bürgerlichen Gesetzbuches (BGB) geregelt. Es handelt sich um eine verschuldensunabhängige Haftung des Tierhalters für jegliche Schäden, die sein Tier anderen Leuten zufügt. Dies können Personen- oder Sachschäden sein. Die Haftung betrifft dabei Unfälle, die sich durch eine “typische Tiergefahr” ereignet haben, also durch ein für die jeweilige Tierart typisches Verhalten. Es muss sich dabei um ein selbstständiges und unberechenbares Verhalten des Tieres handeln (Beispiel: Scheuen eines Pferdes). Folgt das Tier jedoch der Leitung eines Menschen, ereignet sich der Reitunfall also, während der Reiter das Pferd unter Kontrolle hat, kommt die Tierhalterhaftung nicht zur Anwendung. Aus diesem Grund wies zum Beispiel das Oberlandesgericht Hamm 2013 einen Anspruch aus Tierhalterhaftung ab. In diesem Fall war eine Reiterin beim Ausritt mit einem fremden Pferd gestürzt. Der genaue Unfallhergang konnte aufgrund eines Gedächtnisverlustes durch Kopfverletzungen nicht festgestellt oder bewiesen werden und es gab damit keine Beweise für eine “typische Tiergefahr” (18.11.2012, Az. 9 U 162/11).

Wann gilt die Tierhalterhaftung nicht?


Eine Ausnahme gibt es für Nutztiere, mit denen der Tierhalter seinen Lebensunterhalt verdient. Bei diesen haftet der Halter nicht, wenn er beweisen kann, dass er alle üblichen und erforderlichen Sicherheitsmaßnahmen und Sorgfaltsregeln beachtet hat. Beispiel: Ein Pferd bricht aus einer Weide aus und kollidiert mit einem Radfahrer. Gilt das Pferd als Nutztier, kann sich der Halter aus der Haftung befreien, wenn er nachweist, dass die Weide in der üblichen Form eingezäunt war, dass das Pferd bisher nie besondere Ausbruchsneigungen gezeigt hat und dass das Gatter geschlossen war. Gilt das Pferd nicht als Nutztier, haftet er in jedem Fall – auch dann, wenn er gerade in Spanien in der Sonne lag.
Die Einteilung als Nutztier kann auf Zuchtpferde oder auch die Pferde einer Reitschule zutreffen. Pferde in privatem Eigentum gelten hingegen als Luxustiere, die nicht unter die Ausnahme fallen.

Wann haftet der Pferdehalter für den Unfall einer Reitbeteiligung?


Dem Oberlandesgericht Nürnberg zufolge haftet ein Pferdeeigentümer auch für den Unfall einer Reitbeteiligung. Hier hatte eine Reiterin mit der Eigentümerin eines Pferdes eine Reitbeteiligung vereinbart. Sie war dann beim Reiten auf einer Koppel vom Pferd gefallen und hatte eine Querschnittslähmung erlitten. Ihre gesetzliche Krankenversicherung verklagte die Eigentümerin des Pferdes. Es ging um 103.000 Euro. Hier stellte sich die Frage, ob die Reitbeteiligung vielleicht selbst als Tierhalterin anzusehen war und deshalb keine Ansprüche geltend machen konnte. Aber: Das Gericht entschied, dass die Vereinbarung einer Reitbeteiligung nichts daran ändere, dass die Eigentümerin als alleinige Tierhalterin anzusehen sei. Denn diese habe allein das Bestimmungsrecht über das Tier und bezahle das Futter sowie alle Rechnungen. Die Reitbeteiligung bezahle nur ein geringes Entgelt für gelegentliche Ausritte und miste gelegentlich den Stall aus. Auch lehnte das Gericht hier einen stillschweigenden Haftungsausschluss zwischen den Beteiligten ab. Dass die Reitbeteiligung hier nicht in die von der Halterin abgeschlossene Versicherung einbezogen war, ändere daran nichts. Die Tierhalterin haftete damit nach § 833 BGB. Allerdings wurde der Reiterin ein Mitverschulden von 50 Prozent angerechnet. Dies begründete das Gericht damit, dass sich die näheren Umstände des Sturzes nicht mehr aufklären ließen (OLG Nürnberg, 29.3.2017, Az. 4 U 1162/13).

Wer haftet, wenn ein Kaufinteressent beim Probereiten stürzt?


Vor dem Kauf eines Pferdes findet meist ein Probereiten statt. Denn zwischen Pferd und Reiter muss “die Chemie stimmen”. Bei einem solchen Probereiten – es war bereits das dritte mit diesem Tier – stürzte eine Frau vom Pferd und verletzte sich. Sie verklagte den Eigentümer auf Schmerzensgeld und Ersatz ihres Verdienstausfalls aufgrund der Tierhalterhaftung. Der Pferdehalter wandte ein, dass sie sich ja im eigenen Interesse auf das Pferd gesetzt habe – und damit auch auf eigene Gefahr. Das Landgericht Hildesheim verurteilte ihn trotzdem zur Zahlung. Die Tierhalterhaftung kommt nach dem Urteil auch Reitern zugute, die sich im eigenen Interesse auf ein fremdes Pferd setzen.

Wann haftet die Reitschule für den Unfall eines Reitschülers?


Nicht immer wird bei Reitunfällen aufgrund der Tierhalterhaftung gehaftet. Insbesondere bei Reitschulen geht es oft auch um die Verletzung von Sorgfaltspflichten. Nach einem Urteil des Oberlandesgerichts Koblenz müssen die Veranstalter von Reitkursen gerade bei Anfängern mit besonderer Sorgfalt vorgehen, um Unglücksfällen vorzubeugen. Bei einem Unfall müssen sie die Erfüllung ihrer Pflichten vor Gericht beweisen. Im verhandelten Fall war eine Reiterin bei ihrer ersten Reitstunde vom Pferd gefallen, weil dieses plötzlich zu galoppieren begann. Sie zog sich schwere Verletzungen zu und forderte Schadensersatz. Die Reitschule lehnte dies mit dem Argument ab, dass die Reiterin einen Reitfehler begannen habe. Das Gericht verurteilte die Reitschule zum Schadensersatz aufgrund der Verletzung ihrer vertraglichen Sorgfaltspflicht. Der Reitunfall sei die Folge unterlassener Schutzmaßnahmen. Für den Umfang der zu treffenden Vorbeugemaßnahmen sei insbesondere die Art der Übung sowie das Alter und die Erfahrenheit von Reitschüler und Pferd von Bedeutung. Ein Reitlehrer müsse seine Schüler immer über die zu beachtenden Regeln und Schutzmaßnahmen informieren, so das Gericht. Darüber hinaus müsse er sich stets vergewissern, dass die Teilnehmer auch alles verstünden und zur Umsetzung im Stande seien. Sollte es sich um die erste Reitstunde eines Schülers handeln, müsse der Veranstalter ihm ein friedfertiges Pferd zuweisen, das nicht zu temperamentvollen Gangwechseln neige. Um ganz sicher zu gehen, müsse das Pferd zunächst sogar an der Leine geführt werden, damit Tier und Reiter sich aneinander gewöhnen könnten. Sämtliche Maßnahmen habe der Veranstalter und Pferdehalter im Verfahren aber entweder erst gar nicht dargelegt oder er habe sie nicht nachweisen können (Az. 5 U 1708/05).

Wann lehnen die Gerichte eine Haftung der Reitschule ab?


Ein Reiterhof haftet nicht für jeden Schaden, den Kinder im Verlauf ihrer Reiterferien erleiden, entschied das Oberlandesgericht Oldenburg (Az. 15 U 47/03). Im verhandelten Fall war ein dreizehnjähriges Mädchen im Rahmen eines "freien" unbeaufsichtigten Reitens von einem gutmütigen Pony gestürzt und hatte sich dabei lebensgefährliche Verletzungen zugezogen. Die Richter lehnten eine Schadensersatzklage des Mädchens ab. Sie erläuterten, dass der Sturz des Mädchens auch mit einer Aufsicht nicht zu verhindern gewesen wäre. Es handele sich dabei um ein allgemeines Lebensrisiko.

Fünfjährige fällt vom Pony: Keine Haftung


Auch die Inhaberin einer Reitschule musste nicht für den Unfall einer fünfjährigen Reitschülerin haften, die in einer Reitstunde vom Pony gerutscht war. Dies entschied das Oberlandesgericht Hamm (Az. 12 U 130/12). Während des Unterrichts hatte eine Aushilfe der Reitschule ein Pony mit einer ein bis zwei Meter langen Longe im Kreis geführt, bei dem eine Decke mit Haltegriff aufgelegt war. Die Kinder ritten auf dem Pony und sollten auf Kommando frei sitzend kurz in die Hände klatschen. Dabei verlor das Mädchen das Gleichgewicht und rutschte vom Pony. Es zog sich schwere Verletzungen zu und verlangte dafür von der Inhaberin der Reitschule Schmerzensgeld. Diese habe ihre Aufsichtspflicht verletzt. Das Oberlandesgericht sah das anders: Die Inhaberin habe eine Aushilfe für die Reitstunde ausgewählt, die nach ihrem Alter, ihren Kenntnissen und Fähigkeiten die Reitstunde sachgerecht durchführen konnte. Ein Fehlverhalten der Aushilfe sei nicht festzustellen. Auch hätten sich die Gruppengröße und die Dauer des Reitunterrichts nicht auf das Unfallgeschehen ausgewirkt. Das Mädchen habe auch vorher auf einem Pferd gesessen und Erfahrung im reiten gehabt – sie sei zuvor bereits im Trab und Galopp geritten. Während der Reitstunde habe sie auch gut mitmachen können und es sei nicht zu erwarten gewesen, dass sie die Gleichgewichtsübung am Ende der Reitstunde nicht schaffen werde. Das Kind sei plötzlich und ohne Vorwarnung vom Pony gerutscht. Die Aushilfe habe noch versucht, den Sturz der Reiterin abzufangen. Dass sie dies nicht geschafft habe, sei ihr nicht anzulasten.

Welche Versicherungen schützen gegen die Folgen von Reitunfällen?


Besonders wichtig ist eine Tierhalterhaftpflichtversicherung. Sie deckt Schadensersatzforderungen aufgrund der angesprochenen Tierhalterhaftung ab. Es gibt ferner spezielle Reiterunfallversicherungen, die Unfälle des Reiters selbst bei jeder nicht beruflichen Beschäftigung mit dem Pferd abdecken. Auch eine Pferdehalter-Rechtsschutzversicherung ist möglich, sowie eine Pferde-Krankenversicherung für das Pferd selbst.

Praxistipp


Nach einem Reitunfall benötigen Sie sowohl als Geschädigter als auch als verantwortlicher Tierhalter oder Unfallverursacher kompetenten anwaltlichen Rat. Es gibt Rechtsanwälte, die sich besonders auf den Bereich “Tierrecht” bzw. “Pferderecht” spezialisiert haben. Diese können beurteilen, wie Ihre Erfolgschancen bei einer Klage auf Schadensersatz oder Schmerzensgeld stehen bzw. inwieweit Sie haften müssen.

(Bu)



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