Zeugniscodes - die Geheimsprache im Arbeitszeugnis

06.02.2020, Redaktion Anwalt-Suchservice / Lesedauer ca. 4 Min. (622 mal gelesen)
Zeugniscodes - die Geheimsprache im Arbeitszeugnis © Bu - Anwalt-Suchservice

Manche Bemerkungen im Arbeitszeugnis sagen mehr aus, als man beim oberflächlichen Lesen vermuten würde. Hier bieten wir eine Übersetzungshilfe zur inoffiziellen Geheimsprache im Zeugnis.

Zwar wird immer wieder vollmundig betont, dass es keine „Geheimsprache“ im Arbeitszeugnis gibt. Trotzdem haben sich bestimmte Formulierungen eingebürgert, mit denen der bisherige Arbeitgeber mehr oder weniger versteckt Aussagen über den Arbeitnehmer macht. So kann im Zeugnis auch untergebracht werden, was man nicht direkt sagen will. Negative Formulierungen sind allerdings noch nicht einmal immer böse Absicht: Mancher Arbeitgeber kennt die mögliche Bedeutung selbst nicht.

Was steht im Arbeitszeugnis?


Generell unterscheidet man das einfache und das qualifizierte Arbeitszeugnis. Ein einfaches Arbeitszeugnis gibt die Personalien des Arbeitnehmers wieder und informiert den Leser darüber, worin dessen Tätigkeit bestand sowie über deren Beginn und Endzeitpunkt. Es findet jedoch keine Bewertung seiner Leistungen statt. Dies ist beim qualifizierten Arbeitszeugnis anders. Bei diesem wird die Arbeitsleistung bewertet und es wird auch über das persönliche Verhalten des Arbeitnehmers und seine Qualifikation für den Job berichtet.

Verbot von Geheimcodes


Tatsächlich verbietet die Gewerbeordnung sogenannte Geheimcodes im Arbeitszeugnis. In § 109 Absatz 2 ist geregelt, dass Zeugnisse klar und verständlich formuliert sein müssen. Enthalten sein dürfen keine Merkmale oder Formulierungen, deren Zweck es ist, eine andere als aus der äußeren Form oder aus dem Wortlaut ersichtliche Aussage über den Arbeitnehmer zu treffen. Unter dieses Verbot fallen jedoch nicht alle Formulierungen mit möglicherweise verstecktem Inhalt.

Wie wird das Notensystem berücksichtigt?


Anerkannt und erlaubt ist die Nutzung des sogenannten Notensystems, an dem man eine Abstufung nach Schulnoten von Eins bis Sechs durchführen kann.
Die Formulierung "er hat stets zu unserer vollsten Zufriedenheit gearbeitet“ bedeutet nach diesem System eine Eins, „stets zu unserer vollen Zufriedenheit“ oder „zu unserer vollsten Zufriedenheit gearbeitet“ stehen für eine Zwei, „stets zu unserer Zufriedenheit“ oder „zu unserer vollen Zufriedenheit“ sind eine Drei und „zu unserer Zufriedenheit“ drückt eine Vier aus.
Wer die ihm „übertragenen Aufgaben im Großen und Ganzen zu unserer Zufriedenheit erledigt“ hat, wurde mit einer Fünf oder mangelhaft bewertet. Dies passiert auch durch den Satz „er / sie hat sich bemüht, die übertragenen Aufgaben zu erfüllen“.
Unzulässig sind Formulierungen, aus denen man auf die Note Sechs schließen kann. Schließlich muss das Zeugnis wohlwollend abgefasst sein. Beispiele für solche Formulierungen sind: „...hat ‚anfangs‘ gute Arbeit geleistet“, „im Rahmen ihrer / seiner Möglichkeiten“, „zeigte Verständnis für ihre / seine Aufgaben“. Wenn solche Sätze im Zeugnis auftauchen, sollten Arbeitnehmer auf einer Änderung bestehen.

Warum wurde das Arbeitsverhältnis beendet?


Nicht zulässig ist es, den Grund für die Beendigung des Arbeitsverhältnisses ins Zeugnis zu schreiben. Unzulässig ist es auch, die Art der Kündigung zu erwähnen (z.B. fristlos). Diese Angaben darf der Chef nur ausnahmsweise mit Zustimmung des Arbeitnehmers machen. Dies gilt auch für die Angabe, dass der Arbeitsvertrag in gegenseitigem Einvernehmen aufgelöst wurde.

Wenn fristlos gekündigt wurde, kann sich dies jedoch auch aus dem Austrittsdatum ergeben. Reguläre, fristgemäße Kündigungen erfolgen nämlich meistens zur Mitte des Monats oder zum Monatsende. Ein Austrittsdatum während des laufenden Monats spricht für eine fristlose Kündigung. Die Angabe eines solchen Austrittsdatums ist auch erlaubt (Landesarbeitsgericht Düsseldorf, Urteil vom 1.10.1987, Az. 9 CA 2774/87). Arbeitnehmer, deren Arbeitsverhältnis regulär zu einem „krummen“ Datum endet – beispielsweise wegen eines befristeten Arbeitsvertrages – sollten zwecks Vermeidung von Missverständnissen darauf drängen, dass der Grund für dieses Enddatum im Zeugnis steht.

Bewusste Lücken im Zeugnis und soziales Verhalten


Als sehr negativ für den Arbeitnehmer gilt es auch, wenn Themen ganz aus dem Zeugnis herausgelassen werden, zu denen normalerweise etwas gesagt wird. So dürfen zum Beispiel Angaben zur Qualifikation des Mitarbeiters nicht fehlen. Erwähnung finden sollten auch sein soziales Verhalten im Betrieb und seine Arbeitsleistung.
Bei der Beurteilung des sozialen Verhaltens des Mitarbeiters muss der Vorgesetzte an erster Stelle genannt werden. Etwa so: „Sein Verhalten gegenüber Vorgesetzten, Kollegen und Kunden war stets einwandfrei.“ Werden die Personen in einer anderen Reihenfolge erwähnt, drückt dies aus, dass im Verhältnis zu den Vorgesetzten etwas nicht gestimmt hat.
Insbesondere beim sozialen Verhalten gibt es Möglichkeiten für versteckte Formulierungen. Zum Beispiel kann der Satz „Für die Belange der Belegschaft bewies er immer Einfühlungsvermögen“ darauf hindeuten, dass der Betreffende unter der Belegschaft nach sexuellen Kontakten gesucht hat. Und der Satz „er hat mit seiner geselligen Art zur Verbesserung des Betriebsklimas beigetragen“ ist durchaus nicht so positiv, wie er klingt: Er steht für übermäßigen Alkoholkonsum. Noch schlimmer ist „er stand stets voll hinter uns“: Dies besagt, dass der Mitarbeiter nie nüchtern war.

Darf Gewerkschaftstätigkeit erwähnt werden?


Aus dem Arbeitszeugnis darf nicht hervorgehen, ob der Beschäftigte Mitglied einer Gewerkschaft ist. Dies wird gelegentlich unzulässigerweise umgangen durch Formulierungen wie „er zeigte stets Engagement für Arbeitnehmerinteressen außerhalb des Betriebs“ (= nahm an Streiks teil) oder „er trat sowohl innerhalb als auch außerhalb des Unternehmens engagiert für die Interessen der Arbeitnehmer ein“ (Gewerkschaftstätigkeit). Der Hinweis auf „engagiertes Eintreten für die Interessen der Kollegen“ zeigt eine Tätigkeit im Betriebsrat an.

Was gilt für Unregelmäßigkeiten im Arbeitsverhältnis?


Steht im Zeugnis „er hat alle Aufgaben zu seinem und im Interesse der Firma gelöst", so deutet dies auf den Diebstahl von Firmeneigentum hin. Vernichtend negativ ist auch die Aussage „ihre umfangreiche Bildung machte sie zu einer gesuchten Gesprächspartnerin“: Hier ist gemeint, dass die Betreffende während der Arbeit ständig Privatgespräche geführt hat.

Der Dank zum Schluss


Am Ende des Zeugnisses finden sich oft Dank und gute Wünsche für die Zukunft. Hier handelt es sich um freiwillige Angaben. Dies wurde auch vom Bundesarbeitsgericht bestätigt (Urteil vom 11.12.2012, Az. 9 AZR 227/11). Allerdings kommt es auch hier auf die genaue Formulierung an: So heißt „wir bedauern den Verlust von.... und bedanken uns für die stets sehr gute und produktive Zusammenarbeit“ eine Note Eins, ein „Wir danken für die gute Zusammenarbeit" steht für die Note Vier und „für das stete Interesse an der Zusammenarbeit bedanken wir uns“ ist eine Fünf oder mangelhaft.

Praxistipp


Auch beim Arbeitszeugnis lohnt sich genaueres Hinschauen. Arbeitnehmer, die zweifelhafte Formulierungen finden, können sich kompetenten Rat bei einem Fachanwalt für Arbeitsrecht holen. Oft lassen sich derartige Formulierungen im Nachhinein noch aus dem Zeugnis entfernen.

(Bu)



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