Arbeitszeugnis: Was bedeutet die Geheimsprache der Arbeitgeber?
06.08.2025, Redaktion Anwalt-Suchservice

Das Wichtigste in Kürze
1. Versteckte Wertungen: Arbeitgeber verwenden in Arbeitszeugnissen häufig kodierte Formulierungen, die freundlich klingen, aber abgestufte Leistungsbewertungen enthalten. Zum Beispiel „stets zu unserer vollsten Zufriedenheit“ (sehr gut) gegen „zu unserer Zufriedenheit“ (ausreichend).
2. Weglassungen: Statt klarer Kritik wird in Zeugnistexten Wesentliches weggelassen (z. B. zur Teamfähigkeit, Loyalität oder zum Verhalten). Solche Weglassungen können beim potenziellen neuen Arbeitgeber als Schwäche gedeutet werden.
3. Pflicht zur wohlwollenden Formulierung: Arbeitgeber dürfen keine offen schädigenden Aussagen machen und müssen andererseits wahrheitsgetreu bewerten. Dies hat zur Entstehung einer indirekten Bewertungssprache geführt.
1. Versteckte Wertungen: Arbeitgeber verwenden in Arbeitszeugnissen häufig kodierte Formulierungen, die freundlich klingen, aber abgestufte Leistungsbewertungen enthalten. Zum Beispiel „stets zu unserer vollsten Zufriedenheit“ (sehr gut) gegen „zu unserer Zufriedenheit“ (ausreichend).
2. Weglassungen: Statt klarer Kritik wird in Zeugnistexten Wesentliches weggelassen (z. B. zur Teamfähigkeit, Loyalität oder zum Verhalten). Solche Weglassungen können beim potenziellen neuen Arbeitgeber als Schwäche gedeutet werden.
3. Pflicht zur wohlwollenden Formulierung: Arbeitgeber dürfen keine offen schädigenden Aussagen machen und müssen andererseits wahrheitsgetreu bewerten. Dies hat zur Entstehung einer indirekten Bewertungssprache geführt.
Dieser Rechtstipp behandelt folgende Themen:
Welchen Inhalt hat ein Arbeitszeugnis? Sind Geheimcodes im Arbeitszeugnis nicht verboten? Wie funktioiniert das Notensystem im Arbeitszeugnis? Darf der Kündigungsgrund im Arbeitszeugnis stehen? Was sagen bewusste Lücken im Arbeitszeugnis aus? Welche Geheimcodes im Zeugnis stehen für unangemessenes soziales Verhalten? Darf Gewerkschaftstätigkeit im Arbeitszeugnis erwähnt werden? Welche Formulierungen verraten Unregelmäßigkeiten gegen den Arbeitgeber? Danksagung am Zeugnisende: Lauern auch hier Zeugniscodes? Welche Fragen zur Geheimsprache im Arbeitszeugnis werden eher selten gestellt? Praxistipp zur Geheimsprache im Arbeitszeugnis Welchen Inhalt hat ein Arbeitszeugnis?
Man unterscheidet das einfache und das qualifizierte Arbeitszeugnis. In einem einfachen Arbeitszeugnis finden sich lediglich die Personalien des Arbeitnehmers und Angaben darüber, worin dessen Tätigkeit bestand, wann diese begonnen hat und wann sie beendet wurde. Es findet jedoch keine Bewertung der Leistungen des Arbeitnehmers statt. Für Geheimsprache ist hier kaum Platz. Dies ist beim qualifizierten Arbeitszeugnis anders. Hier bewertet der Chef die erbrachte Arbeitsleistung und berichtet obendrein über das persönliche Verhalten des Arbeitnehmers und seine Qualifikation für den Job.
Sind Geheimcodes im Arbeitszeugnis nicht verboten?
Doch, das sind sie. Die Gewerbeordnung verbietet sogenannte Geheimcodes im Arbeitszeugnis. Laut § 109 Absatz 2 GewO müssen Zeugnisse klar und verständlich formuliert sein. Sie dürfen keine Merkmale oder Formulierungen enthalten, deren Zweck es ist, eine andere als aus der äußeren Form oder aus dem Wortlaut ersichtliche Aussage über den Arbeitnehmer zu treffen. Der Haken ist jedoch, dass nicht alle Formulierungen mit möglicherweise verstecktem Inhalt unter dieses Verbot einer Geheimsprache im Arbeitszeugnis fallen.
Wie funktioiniert das Notensystem im Arbeitszeugnis?
Im Arbeitszeugnis erlaubt ist zum Beispiel die Nutzung des sogenannten Notensystems mit einer Abstufung nach Schulnoten von 1 bis 6. Und hier kommen wir zu den verschiedenen Abstufungen der "Zufriedenheit" mit Beschäftigten.
"Er / sie hat stets zu unserer vollsten Zufriedenheit gearbeitet" steht für die Schulnote 1. Wenn Sie lesen, dass der oder die Betreffende "stets zu unserer vollen Zufriedenheit" oder "zu unserer vollsten Zufriedenheit" gearbeitet hat, handelt es sich um die Note 2. "Stets zu unserer Zufriedenheit" oder "zu unserer vollen Zufriedenheit" sind die Note 3. "Zu unserer Zufriedenheit" ist eine 4.
Danach wird es eng. Wer laut Arbeitgeber die ihm "übertragenen Aufgaben im Großen und Ganzen zu unserer Zufriedenheit erledigt" hat, hat mit der Note 5 eine mangelhafte Bewertung erhalten. Schlimm ist auch der Satz "er / sie hat sich bemüht, die übertragenen Aufgaben zu erfüllen". Sich nur zu bemühen, reicht halt nicht aus.
Als unzulässig werden Formulierungen angesehen, aus denen man auf die Note 6 schließen kann. Ein Zeugnis muss nämlich immer wohlwollend abgefasst sein. Beispiele für solche Formulierungen sind: "... hat anfangs gute Arbeit geleistet", "... im Rahmen ihrer / seiner Möglichkeiten", "... zeigte Verständnis für ihre / seine Aufgaben". Solche Formulierungen im Arbeitszeugnis bedeuten eine Warnung für neue Arbeitgeber, den oder die Betreffende nicht einzustellen. Dies ist also ein Beispiel für einen Geheimcode, und zwar für einen unzulässigen. Als Arbeitnehmer sollten Sie in diesem Fall auf einer Änderung bestehen.
Darf der Kündigungsgrund im Arbeitszeugnis stehen?
Den Grund für die Beendigung des Arbeitsverhältnisses ins Zeugnis aufzunehmen, ist nicht erlaubt. Ebenso ist es nicht zulässig, die Art der Kündigung aufzuführen (z. B. fristlose Kündigung). Der Arbeitgeber darf solche Angaben höchstens ausnahmsweise mit Zustimmung des Arbeitnehmers machen. Auch der Hinweis, dass der Arbeitsvertrag in gegenseitigem Einvernehmen aufgelöst wurde, gehört normalerweise nicht ins Arbeitszeugnis.
Allerdings kann der neue Arbeitgeber, bei dem man sich bewirbt, eine fristlose Kündigung oft auch am Austrittsdatum erkennen. Reguläre, fristgemäße Kündigungen finden nämlich meist zur Mitte des Monats oder zum Monatsende statt. Ein Austrittsdatum während des laufenden Monats bedeutet daher meist eine fristlose Kündigung. Die Angabe eines solchen Austrittsdatums ist jedoch erlaubt (Landesarbeitsgericht Düsseldorf, Urteil vom 1.10.1987, Az. 9 CA 2774/87).
Tipp: Arbeitnehmer, deren Arbeitsverhältnis ganz regulär an einem "krummen" Datum endet – etwa wegen eines befristeten Arbeitsvertrages – sollten zur Vermeidung von Missverständnissen darauf drängen, dass der Grund für dieses Enddatum in ihrem Arbeitszeugnis erwähnt wird. Sonst wird jeder neue Arbeitgeber denken, dass es sich vielleicht um eine fristlose Kündigung wegen Fehlverhaltens gehandelt hat.
Was sagen bewusste Lücken im Arbeitszeugnis aus?
Weglassungen können ebenfalls sehr negativ für Arbeitnehmer sein. Dies gilt insbesondere, wenn dies Themen betrifft, zu denen im Normalfall etwas gesagt wird. Wenn beispielsweise Angaben zur Qualifikation des Mitarbeiters fehlen, ist dies ein Problem. Auch sein soziales Verhalten im Betrieb und seine Arbeitsleistung sollten nicht schweigend übergangen werden – das bedeutet dann nichts Gutes.
Welche Geheimcodes im Zeugnis stehen für unangemessenes soziales Verhalten?
Geht es um die Beurteilung des sozialen Verhaltens eines Mitarbeiters, müssen Vorgesetzte immer an erster Stelle genannt werden. Beispiel: "Ihr Verhalten gegenüber Vorgesetzten, Kollegen und Kunden war stets einwandfrei." Werden die Personen in einer anderen Reihenfolge aufgezählt, ist dies ein Code. Und dieser besagt: Im Verhältnis zu den Vorgesetzten hat etwas nicht gestimmt.
Das soziale Verhalten von Arbeitnehmern bietet weitere Möglichkeiten für versteckte Formulierungen. Zum Beispiel kann der Satz "für die Belange der Belegschaft bewies er immer Einfühlungsvermögen" darauf hindeuten, dass der Betreffende auffällig an sexuellen Kontakten zu Kollegen interessiert war. Praktisch als Jobkiller gilt der Satz: "Er hat mit seiner geselligen Art zur Verbesserung des Betriebsklimas beigetragen". Dies weist auf übermäßigen Alkoholkonsum hin. Noch schlimmer ist: "Er stand stets voll hinter uns". Hier ist "voll" wörtlich zu nehmen: Der Mitarbeiter war nie nüchtern.
Darf Gewerkschaftstätigkeit im Arbeitszeugnis erwähnt werden?
Das Arbeitszeugnis darf nicht erwähnen, ob der Beschäftigte Mitglied einer Gewerkschaft ist. Gelegentlich wird diese Regel unzulässigerweise umgangen durch Formulierungen wie "er zeigte stets Engagement für Arbeitnehmerinteressen außerhalb des Betriebes" (= er nahm an Streiks teil) oder "er trat sowohl innerhalb als auch außerhalb des Unternehmens engagiert für die Interessen der Arbeitnehmer ein" (= Gewerkschaftstätigkeit). Eine Tätigkeit im Betriebsrat erkennt man an der Formulierung "engagiertes Eintreten für die Interessen der Kollegen". Für den neuen Arbeitgeber heißt das: Der Bewerber bzw. die Bewerberin ist ein gewerkschaftlich orientierter Aktivist und mit einer Einstellung holt man sich vielleicht Ärger ins Haus.
Welche Formulierungen verraten Unregelmäßigkeiten gegen den Arbeitgeber?
Steht im Zeugnis "er/sie hat alle Aufgaben zu seinem und im Interesse der Firma gelöst", darf sich niemand über eine Absage bei der nächsten Bewerbung wundern. Diese Formulierung weist nämlich auf den Diebstahl von Firmeneigentum hin. Haben Sie den halben Tag im langweiligen Job damit verbracht, auf Kosten des Chefs private Telefongespräche zu führen? Dann könnte in Ihrem Arbeitszeugnis der Satz auftauchen "ihre umfangreiche Bildung machte sie zu einer gesuchten Gesprächspartnerin". Überhaupt kein Geheimcode, natürlich.
Danksagung am Zeugnisende: Lauern auch hier Zeugniscodes?
Oft findet man am Ende des Arbeitszeugnisses Dank und gute Wünsche für die Zukunft. Diese Angaben sind freiwillig. Dies hat auch das Bundesarbeitsgericht bestätigt (Urteil vom 11.12.2012, Az. 9 AZR 227/11). Auch hier kommt es jedoch auf die genaue Formulierung an: So bedeutet "wir bedauern den Verlust von ... und bedanken uns für die stets sehr gute und produktive Zusammenarbeit" eine Note 1. Heißt es stattdessen lediglich "wir danken für die gute Zusammenarbeit", steht das für die Note 4. Der Satz "für das stete Interesse an der Zusammenarbeit bedanken wir uns", ist eine Note 5 und bewertet die Zusammenarbeit als "mangelhaft".
Welche Fragen zur Geheimsprache im Arbeitszeugnis werden eher selten gestellt?
Im Folgenden sollen noch einige Fragen beantwortet werden, die zwar nicht so häufig aufkommen, aber trotzdem von rechtlicher Bedeutung sind.
1. Ist ein Zeugnis mit übertrieben positiven Formulierungen rechtlich riskant für den Arbeitgeber?
Ja, das kann tatsächlich problematisch sein. Ein zu gut bewertetes Zeugnis, das nicht der Wahrheit entspricht, kann später zu Haftungsrisiken führen, z.B. weil der neue Arbeitgeber wegen falscher Erwartungen einen Schaden erleidet.
2. Kann die Reihenfolge der Eigenschaften im Zeugnis eine versteckte Bedeutung haben?
Oft wird die Reihenfolge von Eigenschaften als Wertung verstanden. Wenn z. B. „Fleiß und Pünktlichkeit“ genannt werden, aber „Teamfähigkeit“ oder „Führungskompetenz“ fehlen, kann das als bewusste Auslassung interpretiert werden.
3. Können vermeintlich neutrale Formulierungen als versteckte Kritik gelten?
Das ist oft die dahinterstehende Absicht. Sätze wie „Er bemühte sich, den Anforderungen gerecht zu werden“ gelten in der Zeugnissprache als verklausulierte Kritik (Note 5 oder 6), obwohl sie oberflächlich harmlos klingen.
4. Was bedeutet es, wenn im Zeugnis gar kein Bedauern über das Ausscheiden geäußert wird?
Das kann als kühler Abschied gewertet werden. Der Schlusssatz ist oft entscheidend: Fehlen Formulierungen wie „Wir bedauern sein Ausscheiden“, wird das häufig als geringe Wertschätzung interpretiert.
5. Kann ein Arbeitszeugnis ohne die Geheimsprache einfach neutral gehalten werden?
Theoretisch ja. Ein sogenanntes einfaches Zeugnis enthält nur Art und Dauer der Tätigkeit. Aber von einem qualifizierten Zeugnis wird oft erwartet, dass übliche Formulierungen verwendet werden. Ein zu sachliches oder formelarmes Zeugnis kann daher negativ aufgefasst werden, selbst wenn keine schlechte Absicht des Chefs dahintersteht.
Praxistipp zur Geheimsprache im Arbeitszeugnis
Beim Arbeitszeugnis empfiehlt sich genaues Hinschauen. Zum einen gilt es Weglassungen ausfindig zu machen - zum anderen zweifelhafte Formulierungen. Im Zweifel sollten Sie kompetenten Rat bei einem Fachanwalt für Arbeitsrecht suchen. Oft lassen sich solche nachteiligen Formulierungen im Nachhinein noch aus dem Zeugnis entfernen, wenn ein Anwalt auf den Plan tritt. Dies verbessert Ihre Chancen auf einen neuen Job.
(Bu)