Wenn bei Hunden die Pferde durchgehen

20.11.2015, Redaktion Anwalt-Suchservice / Lesedauer ca. 3 Min. (263 mal gelesen)
Wenn bei Hunden die Pferde durchgehen © hemlep-Fotolia.com
In den meisten Parkanlagen zwischen Hamburg und München sowie Aachen und Chemnitz kreuzen sich vielfach die Wege der Hundehalter, Fußgänger und Radfahrer. Meistens laufen diese Begegnungen problemlos ab. Manchmal kommt es jedoch zu Zwischenfällen, bei denen die Tierhalter am Ende haften. Und dafür muss ihr Hund noch nicht einmal zugebissen haben.

Frau stürzt vom Fahrrad
Das OLG Oldenburg hat unlängst einen Fall veröffentlicht, in dem die Halterin einer Bordeaux-Dogge zum Schadensersatz verurteilt worden war (Urt. v. 9.10.2015, Az.: 5 U 94/15). Die Dame war an einem Nachmittag im Dezember 2013 mit ihrem Hund auf einem Feldweg unterwegs. Die Klägerin fuhr auf ihrem Fahrrad den gleichen Weg entlang und führte ihren Hund, einen Labradormischling, rechts von sich an der Leine. Als die Besitzerin die Klägerin und deren Hund entdeckte, wich sie zwar in ein angrenzendes Feld aus, nahm ihren Hund zwischen die Beine und hielt ihn mit beiden Händen am Halsband fest. Das Tier riss sich jedoch los und lief auf die Klägerin und den Labradormischling zu. Die Klägerin stürzte vom Fahrrad und erlitt schwere Knieverletzungen.

Die Richter sahen in diesem Fall sowohl die Voraussetzungen für die Tierhaltergefährdungshaftung als auch die für eine Verschuldenshaftung als erfüllt an. Die Tatsache, dass die Bordeaux-Dogge möglicherweise durch die bloße Anwesenheit des Labradors zum Angriff verleitet worden sei, begründe keine Mithaftung der Klägerin. Etwaige Verantwortlichkeit trete im Fall einer Abwägung hinter jene der Beklagten zurück.

Auch Hundesitter können haften
In einem ähnlichen Fall hat das OLG Hamm einen Hundesitter zum Schadensersatz verurteilt (Urt. v. 3.2.2015, Az.: 9 U 91/14). Die junge Frau hatte aus Gefälligkeit den Hund einer Bekannten Gassi geführt. Dabei handelte es sich um einen Cane Corso (italienische Dogge), eine Rasse, die eigentlich als ausgeglichen, reserviert und ruhig gilt. Doch auch bei solchen Hunden gehen anscheinend schon mal die Pferde durch. Obwohl der Vierbeiner angeleint war, stürmte er den Hundesitter im Schlepptau auf eine Passantin los und sprang diese an. Die Frau blutete daraufhin im Gesicht und klagte auf Schadensersatz.

Die Richter sprachen ihr mehr als 3.000 €. Zwar hafte der Hundesitter in diesem Fall nicht als Tierhalter gem. §§ 833 S. 1, 834 S. 1 BGB. Doch habe die verletzte Frau einen Anspruch aus Verschuldenshaftung gem. § 823 Abs. 1 BGB. Schließlich müsse sich auch eine Person, die aus Gefälligkeit einen Hund ausführt, so verhalten, dass naheliegende Gefahren für Dritte nach Möglichkeit vermieden werden. Den Pflichtenkreis hat der Gesetzgeber durch die Vorschriften des LHundG NRW konkretisiert. Sie ist nicht auf Hundehalter oder (vertraglich gebundene) Hundeaufseher beschränkt. Zwar habe der Hundesitter den Cane Corso an der Leine gehalten, jedoch nicht ausreichend unter Kontrolle. Unerheblich sei, ob die Gesichtsverletzung auf einen Biss oder einen Kontakt mit einer Pfote bzw. Kralle zurückzuführen seien.

Rentnerin stürzt vor Schreck
Anders war es in einem Fall, den das LG Ansbach bereits im Jahr 1992 zu entscheiden hatte (Urt. v. 8.5.1992, Az.: 1 S 98/92). In dem Fall ging eine Rentnerin mit ihrem Mischlingshund Gassi, als sie am Garten des Beklagten vorbei kam. Dieser war damals Besitzer eine Schäferhundes, der plötzlich laut bellend in Richtung der alten Dame rannte und gegen den Zaun sprang. Die Rentnerin wusste zwar, dass sich auf dem Grundstück ein großer Hund befand, aber sie hatte in diesem Moment nicht daran gedacht, wich vor Schreck zurück und stürzte über die Bordsteinkante. Dabei zog sie sich einen Schenkelhalsbruch zu.

Weil die Rentnerin von dem Schäferhund in dem umzäunten Garten gewusst habe, könne sie später kein Schadensersatz verlangen, so die Richter. Eine Schadensersatzpflicht des Hundebesitzers würde in einem solchen Fall die Grenzen der Tierhalterhaftung sprengen.