Nackt Sonnen auf dem Balkon: Erlaubt oder nicht?

01.08.2019, Redaktion Anwalt-Suchservice / Lesedauer ca. 4 Min. (1854 mal gelesen)
Nackt Sonnen auf dem Balkon: Erlaubt oder nicht? © Bu - Anwalt-Suchservice

Im Sommer will mancher jeden Sonnenstrahl nutzen und strebt nach nahtloser Bräune. Und was in FKK-Bädern erlaubt ist, muss doch auf Balkon oder Terrasse erst recht in Ordnung sein – oder nicht?

Auf besonders dafür ausgewiesenen Plätzen ist Nacktheit erlaubt. Auch in den eigenen vier Wänden kann einem normalerweise niemand eine Kleiderordnung vorgeben. Balkone und Terrassen können jedoch häufig von anderen Menschen – meist Nachbarn – eingesehen werden. Und diese freuen sich oft nicht unbedingt über den Anblick der unbekleideten Sonnenfreunde. Es soll jedoch auch schon Nackedeis gegeben haben, die sich von Nachbarn beobachtet fühlten und auf Unterlassung klagten.

Müssen die Nachbarn nacktes Sonnenbaden hinnehmen?


Die Gerichte finden nacktes Sonnenbaden auf dem eigenen Balkon meist nicht so schlimm – ihrer Meinung nach ist so etwas von den Nachbarn in der Regel hinzunehmen. Der Bundesgerichtshof hat juristischen Schritten gegen sogenannte "ästhetische Immissionen" – also gegen einen unerwünschten Anblick auf dem Nachbargrundstück – schon früher mehrfach eine Absage erteilt. Dabei ging es jedoch meist nicht um nacktes Sonnenbaden, sondern etwa zum Beispiel um das Kommen und Gehen bei einem Bordellbetrieb (Az. V ZR 172/84) oder um hässliche Blechwände (Az. V ZR 83/73).

Eher passend ist ein Urteil des Amtsgerichts Merzig. Hier ging es um eine Mieterin, die sich gerne nackt im Garten sonnte. Ihr Vermieter mit Familie wohnte jedoch im gleichen Haus. Ihr nacktes Sonnenbaden erregte in dem kleinen Dorf, in dem sie wohnte, die Gemüter, und sorgte für Gesprächsstoff. Ihr Vermieter kündigte der Frau – allerdings auch aus anderen Gründen. Vor Gericht kam er mit der Kündigung jedoch nicht durch. Das Gericht argumentierte hier damit, dass das, was die Grundstücksnachbarn denken oder nicht denken würden, nichts mit dem Mietvertrag zu tun habe. Der Vertrag bestünde nun mal zwischen Vermieter und Mieter, und das textilfreie Sonnen wirke sich nicht auf das Mietverhältnis aus (Urteil vom 5. August 2005, Az. 23 C 1282/04).

Nach der Sauna nackt im Garten - zulässig?


In Dortmund hatte ein Mann die Angewohnheit, einmal in der Woche nach dem Saunagang unbekleidet in seinem Garten herumzuspazieren. Ein Nachbar konnte sich mit diesem Anblick nicht abfinden. Das Landgericht erklärte jedoch, dass der Nachbar dies hinnehmen müsse (5.7.2016, Az. 1 S 13/16).
Der nackte Saunafreund war nämlich nur von einem bestimmten Fenster im Obergeschoss und von einem bestimmten Winkel aus durch das Küchenfenster des Nachbarn zu sehen. Dieser hätte also schlicht und einfach nicht hinzusehen brauchen. Der Nachbar nahm die Klage in zweiter Instanz zurück. Der Saunafreund beschloss später, sein Haus zu verkaufen und sich eine tolerantere Nachbarschaft zu suchen.

Ist Sex auf der einsehbaren Terrasse erlaubt?


Wer beim Anblick des nackten Partners seine Lust nicht zügeln kann, sollte sich in manchen Fällen vorsehen. Einige Gerichte gestehen dem Vermieter durchaus das Recht zu, sein Veto einzulegen. So gab das Amtsgericht Bonn einem Vermieter recht, der eine Mieterin abgemahnt hatte. Die Frau hatte auf einer einsehbaren Terrasse vor den Augen von Nachbarn und in Sichtweite eines Kinderspielplatzes mit einem Freund Sex gehabt. Das Gericht sah darin eine nachhaltige Störung des Hausfriedens. Der Vermieter habe sie zu Recht abgemahnt. Im Mietverhältnis sei auch das Gebot der gegenseitigen Rücksichtnahme zu beachten. Dies sei hier vernachlässigt worden. Das Gericht gestand der Mieterin jedoch die Herausgabe der von den Nachbarn angefertigten Beweisfotos zu (AG Bonn, Urteil vom 17. Mai 2006, Az. 8 C 209/05).

Wann liegt eine Erregung öffentlichen Ärgernisses vor?


Die Erregung öffentlichen Ärgernisses ist ein Straftatbestand. Dieser kann bei Geschlechtsverkehr in der Öffentlichkeit erfüllt sein. Davon muss man die "Exhibitionistischen Handlungen" unterscheiden. In für andere einsehbaren Bereichen sollten jegliche sexuellen Betätigungen generell unterbleiben – hier ist eine Strafbarkeit möglich.
Nach § 183 Strafgesetzbuch (StGB) werden exhibitionistische Handlungen mit Freiheitsstrafe bis zu einem Jahr oder mit Geldstrafe bestraft. Dieses Strafmaß gilt auch für die Erregung öffentlichen Ärgernisses nach § 183a StGB.

Das Landgericht Augsburg bestätigte 2015 ein amtsgerichtliches Urteil gegen zwei junge Leute wegen Erregung öffentlichen Ärgernisses. Diese hatten in der „Erlebnisgrotte“ einer örtlichen Schwimm-Therme einige Minuten lang geschlechtsverkehrähnliche Handlungen vollzogen und waren dabei von Badegästen und von zwei Bademeistern beobachtet worden. Es kam Jugendstrafrecht zur Anwendung. Die Angeklagte erhielt einen Freizeitarrest und eine Arbeitsauflage von 32 Stunden und der Angeklagte musste zwei Wochen in Dauerarrest. Hier spielte allerdings auch renitentes Verhalten gegenüber dem Gericht eine gewisse Rolle (LG Augsburg, Urteil vom 19.8.2015, Az. JNs 404 Js 104801/15).

Ist kurzes Hinschauen erlaubt?


Das Oberlandesgericht München hatte über einen Fall zu entscheiden, bei dem die Empörung von einem nackten Wohnungseigentümer ausging. Der Eigentümer einer Erdgeschosswohnung hatte sich darüber beschwert, dass andere Eigentümer sowie deren Besucher eine unmittelbar an seine Terrasse grenzende gemeinschaftliche Gartenfläche als Durchgang benutzten und dabei in Garten und Wohnung schauten. Kinder hätten dabei auch Grimassen geschnitten.

Vorbeilaufen sei in Ordnung, Hineinschauen und Provozieren nicht, entschieden die Richter. Die Kläger hätten beim Kauf ihrer Wohnung gewusst, dass sich vor ihrer Terrasse eine allgemein zugängliche Grünfläche befand. Eine einfache Nutzung der Fläche könnten sie nicht untersagen. Etwas anderes sei es jedoch, wenn Personen vom Garten aus gezielt in die Erdgeschosswohnung hineinschauten. Gaffen sei ein Eingriff in das Eigentum und habe daher zu unterbleiben (Urteil vom 27.9.2005, Az. 32 Wx 65/05).

Dies gilt in besonderem Maße auch für das Fotografieren und Filmen: Wer in einen gegen Einblicke geschützten Raum hinein fotografiert (dies kann schon ein von Hecken umschlossener Garten sein) macht sich nach § 201a StGB strafbar wegen einer Verletzung des höchstpersönlichen Lebensbereichs durch Bildaufnahmen. Darauf stehen eine Freiheitsstrafe bis zu zwei Jahren oder eine Geldstrafe.

Praxistipp


Auch beim Sonnenbaden sollte man nicht ganz außer Acht lassen, dass andere sich gestört fühlen können. Bei Streit mit Nachbarn berät Sie ein auf das Zivilrecht spezialisierter Rechtsanwalt. Kommt es zu einer Strafanzeige, führt der richtige Weg zu einem Fachanwalt für Strafrecht.

(Bu)



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