Arzthaftung: Augenärztin muss 80.000 Euro Schmerzensgeld zahlen

28.06.2016, Redaktion Anwalt-Suchservice (200 mal gelesen)
Arzthaftung: Augenärztin muss 80.000 Euro Schmerzensgeld zahlen © spotmatikphoto - Fotolia.com
Deutsche Gerichte sind bei der Höhe von Schmerzensgeldern eher zurückhaltend. Immerhin werden Patienten mittlerweile nach Behandlungsfehlern etwas höhere Beträge zugestanden als noch vor einigen Jahren. Das OLG Hamm hat nun einer Augenarzt-Patientin 80.000 Euro zugebilligt.

Wann bekommt man Schmerzensgeld?
Schmerzensgeld ist kein Schadensersatz für materielle Schäden, sondern soll die immateriellen Schäden kompensieren. Das heißt: Es wird für Dinge bezahlt, die man schwer in Geld aufwiegen kann. Zum Beispiel für Schmerzen, Leiden körperlicher und psychischer Art, Beeinträchtigungen des normalen Lebens und Tagesablaufs, im Bereich Medizinrecht auch für zusätzlich erforderliche Operationen, dauerhafte Einschränkungen der Bewegungsfähigkeit und Ähnliches. Wie hoch das Schmerzensgeld in bestimmten Fällen ausfällt, ist gesetzlich nicht geregelt. Die Gerichte entscheiden dies je nach Einzelfall und ziehen als unverbindliches Hilfsmittel Tabellen hinzu, die aus den Gerichtsurteilen früherer Fälle zusammengestellt worden sind.

Der Fall: Augeninnendruck-Messung vergessen
Im vor dem OLG Hamm verhandelten Fall ging es um ein junges Mädchen, das seit ihrem zehnten Lebensjahr an Diabetes Mellitus litt. Die bei der Verhandlung 19jährige hatte zwischen September 2008 und Februar 2009 wiederholt ihre Augenärztin konsultiert, weil sie an sich eine deutlich zunehmende Sehschwäche feststellte. Die Ärztin führte bei keinem der Besuche eine Messung des Augeninnendrucks durch – eigentlich hier eine Routineuntersuchung, da gerade bei Diabetes die Gefahr einer Erblindung durch einen zu hohen Augeninnendruck besteht. Im März 2009 wurde die junge Frau schließlich mit stark überhöhtem Augeninnendruck als Notfall in eine Klinik eingeliefert. Es wurde fortgeschrittener Grüner Star festgestellt. Trotz mehrerer Operationen ließ sich die Sehfähigkeit nicht richtig wieder herstellen, da die Augen zu sehr geschädigt waren. Zuvor hatte die junge Frau noch eine Sehfähigkeit von über 60 Prozent gehabt, jetzt waren es unter 30 Prozent.

Die Klage
Wegen der nicht durchgeführten Untersuchung verklagte die Patientin nun ihre Augenärztin auf erst einmal 45.000 Euro Schmerzensgeld. Nun erfuhr sie jedoch, dass sie bei ihrem Krankheitsbild durchaus auch komplett erblinden konnte. Sie hob daraufhin ihre Forderung auf 80.000 Euro an.

Die Entscheidung
Bereits das Landgericht Bielefeld gestand der Patientin ein Schmerzensgeld von 25.000 Euro zu. Das Oberlandesgericht Hamm erhöhte den Betrag auf die geforderte Summe von 80.000 Euro. Vor Gericht war wie in Prozessen um die Arzthaftung üblich ein medizinischer Sachverständiger angehört worden. Dieser hatte erklärt, dass die Ärztin unbedingt eine Augeninnendruck- und eine Gesichtsfeldmessung hätte durchführen müssen, um der Ursache der sich verschlechternden Sehfähigkeit auf den Grund zu gehen. Bei einer solchen Untersuchung wäre die Ursache entdeckt worden und es hätte die Möglichkeit bestanden, durch Medikamente den Augeninnendruck zu senken und die Patientin zusätzlich stationär in eine Augenklinik einzuweisen. Dann hätte der weitergehende Verlust der Sehfähigkeit mit hoher Wahrscheinlichkeit gestoppt werden können. Dieser beruhe im Ergebnis auf einem schwerwiegenden Befunderhebungsfehler und damit einem Arztfehler der Augenärztin.

Höhe des Schmerzensgeldes
Die Erhöhung des Schmerzensgeldes begründete das Oberlandesgericht Hamm damit, dass die noch junge Klägerin durch die allzu späte Behandlung keine Möglichkeit mehr habe, ein adäquates Leben zu führen. Sie könne nie Auto fahren lernen, kaum Sport treiben und sich ihren Beruf nicht frei aussuchen. Für jede Arbeit, der sie nachgehen wolle, benötige sie einen speziell eingerichteten Arbeitsplatz – mit denkbaren Folgen für ihre Chancen auf dem Arbeitsmarkt. Bereits all dies rechtfertige das Schmerzensgeld von 80.000 Euro. Die Gefahr einer vollständigen Erblindung habe das Gericht bei dieser Summe nicht berücksichtigt, da man die weitere Entwicklung nicht sicher vorhersagen könne (Urteil vom 10.5.2016, Az. 26 U 107/15).

Fazit
Angesichts der schwer wiegenden Folgen für die junge Frau, die nun dauerhaft sehbehindert ist, erscheinen 80.000 Euro nicht unbedingt als ein exorbitanter Betrag. In Deutschland sind jedoch hohe Schmerzensgelder generell weniger üblich als etwa in den USA. Je grundlegender ein Behandlungsfehler jedoch ist, um so höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass tatsächlich ein Schmerzensgeld zugesprochen wird.


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