Arzthaftung: Umkehr der Beweislast bei einem Befunderhebungsfehler

29.03.2018, Autor: Herr Christoph Kleinherne / Lesedauer ca. 2 Min. (59 mal gelesen)
Wird ein Befunderhebungsfehler festgestellt, kann sich die Beweislast zu Gunsten des Patienten umkehren.

Arzthaftungsprozesse werden nach der jeweils geltenden Beweislast entschieden. Der Patient steht dabei vor der Herausforderung, nicht nur einen Fehler des Arztes beweisen zu müssen - es muss darüber hinaus, wenn nicht ein „grober Behandlungsfehler“ festgestellt werden kann, auch feststehen, dass sich dieser Fehler tatsächlich auch ausgewirkt hat, also für die eingetretenen Gesundheitsschäden „ursächlich“ gewesen ist. Etwaige Zweifel an der Ursächlichkeit eines Behandlungsfehlers gehen dann voll zu Lasten des Patienten und führen in einer Vielzahl von Fällen zur Klageabweisung vor Gericht.

Anders sieht die Sache aus, wenn ein so genannter Befunderhebungsfehler im Raume steht. Ein solcher wird bejaht, wenn es nach der jeweiligen Sachlage „medizinisch zweifelsfrei geboten“ gewesen wäre, weitere Befunde einzuholen (also weitere Abklärungen zu veranlassen). Unterlässt es der Arzt, solche medizinisch gebotenen Befunde einzuholen, ist ihm ein Befunderhebungsfehler anzulasten.

Dieser Fehler wirkt sich dann, für den Patienten günstig, auf die Frage der „Ursächlichkeit“ aus:
War es überhaupt nicht mehr nachvollziehbar, dass der Arzt die gebotenen Befunde nicht erhoben hat, kann ein „grober Befunderhebungsfehler“ bejaht werden. War dieser grobe Befunderhebungsfehler zur Verursachung des Gesundheitsschadens auch nur generell geeignet, ist es Sache des Arztes, zu beweisen, dass es gänzlich unwahrscheinlich ist, dass sich dieser Fehler ausgewirkt hat. Dieser Beweis ist in der Regel vom Arzt kaum zu führen.

Aber auch ein „einfacher Befunderhebungsfehler“ kann sich beweisrechtlich zum Vorteil des Patienten auswirken. Wenn sich nämlich bei der gebotenen Befunderhebung mit hinreichender Wahrscheinlichkeit (dazu reicht in der Regel schon eine nur 50 %ige Wahrscheinlichkeit aus) ein reaktionspflichtiger Befund gezeigt hätte, dessen Verkennung oder die Nichtreaktion hierauf nicht mehr nachvollziehbar wären, dann ist ebenfalls der Arzt in der Beweispflicht.

In der Praxis sollte und wird daher jeder Patientenanwalt den Fokus möglichst auf etwaige Befunderhebungsfehler richten. Kann ein solcher bejaht werden, steigen die Erfolgsaussichten mehr als deutlich.


Gefällt Ihnen dieser Rechtstipp?
Ihre Bewertung:  stern_graustern_graustern_graustern_graustern_grau
Bisher abgegebene Bewertungen:
sternsternsternsternstern  4,4/5 (5 Bewertungen)

Autor dieses Rechtstipps

Rechtsanwalt
Christoph Kleinherne

Dollinger Partnerschaft Rechtsanwältinnen und Rechtsanwälte

   (2 Bewertungen)
Weitere Rechtstipps (19)

Anschrift
Maistraße 37
80337 München
DEUTSCHLAND

Telefon: 089-59943830

Kontakt

Bitte verwenden Sie zur Kontaktaufnahme bevorzugt dieses Formular. Vielen Dank!



captcha



zum Kanzleiprofil von
Rechtsanwalt Christoph Kleinherne
Suche in Rechtstipps

Diese Beiträge könnten Sie auch interessieren:
2016-07-22, Autor Hans-Berndt Ziegler (304 mal gelesen)

Arzthaftung bei Fehlgeburt: BGH zur Abgrenzung von Diagnoseirrtum und Befunderhebungsfehler. Der Fall: Unsere Mandantin erschien in unserer auf Medizinrecht spezialisierten Anwaltskanzlei um sich durch einen Patientenanwalt im Hinblick auf ...

sternsternsternsternstern  4,0/5 (29 Bewertungen)
2013-06-24, Autor Isabel Bals (800 mal gelesen)

Der 34 jährige Kläger wurde mit plötzlich aufgetretenem, heftigem Kopfschmerz mit einem Rettungswagen ins Krankenhaus gebracht. Die dort diensthabende Assistenzärztin stellte die Diagnose „Spannungskopfschmerz“, verabreichte ein Schmerzmittel und ...

sternsternsternsternstern  3,8/5 (9 Bewertungen)
2017-08-01, Autor Marilla Reich (144 mal gelesen)

Einen Arzt auf einen möglichen Behandlungsfehler anzusprechen, wird in den meisten Fällen zu einer unergiebigen und für beide Seiten belastenden Diskussion führen , sodass davon nur abgeraten werden kann. ...

sternsternsternsternstern  4,0/5 (15 Bewertungen)
Arztbesuch während der Arbeitszeit: Erlaubt oder nicht? © Rh - Anwalt-Suchservice
2018-04-18 11:22:21.0, Redaktion Anwalt-Suchservice (1137 mal gelesen)

Arbeitgebern sind Arztbesuche ihrer Arbeitnehmer während der Arbeitszeit ein Dorn im Auge. Aber: Mancher Arzt hat nur während der Arbeitszeit Termine frei. Was müssen Arbeitnehmer beachten?...

sternsternsternsternstern  4,0/5 (120 Bewertungen)
weitere Rechtstipps in der Rubrik Medizinrecht weitere Rechtstipps weitere Rechtstipps in der Rubrik Medizinrecht

Autor dieses Rechtstipps

Rechtsanwalt
Christoph Kleinherne

Dollinger Partnerschaft Rechtsanwältinnen und Rechtsanwälte

   (2 Bewertungen)
Weitere Rechtstipps (19)

Anschrift
Maistraße 37
80337 München
DEUTSCHLAND

Telefon: 089-59943830

Kontakt

Bitte verwenden Sie zur Kontaktaufnahme bevorzugt dieses Formular. Vielen Dank!



captcha



zum Kanzleiprofil von
Rechtsanwalt Christoph Kleinherne
Suche in Rechtstipps
Cookies helfen uns bei der Bereitstellung unserer Dienste. Durch die Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies setzen.   
Mehr Informationen  |  OK
Durch die Nutzung unserer Dienste, erklären Sie sich mit Cookies einverstanden.    Info
OK